Welt : Getarnte Amerikaner

Manche US-Bürger treten auswärts als Kanadier auf

Kathrin Schich

Wenn jemand ein weißes T-Shirt trägt, auf dem die kanadische Flagge abgebildet ist, und dazu einen „Canada“-Aufnäher auf seinem Rucksack hat, muss es sich noch lange nicht um einen echten Kanadier handeln. Glaubt man der britischen Tageszeitung „Times“, könnte es genauso gut ein Amerikaner sein. Einer, der nicht mutig genug ist, sich als solcher zu outen – vor allem dann nicht, wenn er sich auf Reisen in Europa befindet. Immer mehr US-Bürger wollten sich peinliche Fragen ersparen, schreibt das Blatt. Schon zu Zeiten des Vietnam-Kriegs wurde diese Verkleidungstaktik erfolgreich angewendet, jetzt setzt die Identitätskrise erneut ein. Bill Broadbent, seit Jahren im Bekleidungsgeschäft tätig, hat das erkannt und bietet verschämten Amerikanern in seinem Onlineshop (t-shirtking.com) neuerdings „Go Canadian“-Pakete zum Preis von 24,95 Dollar an, zu denen nicht nur T-Shirt und Aufnäher gehören, sondern auch ein Aufkleber, ein Anstecker und ein Vokabelbuch „How to speak Canadian, eh?“. Das Büchlein ist das wichtigste Utensil, lässt sich doch zuerst an der Sprache erkennen, wer ein echter Kanadier ist. Das an jeden Satz angehängte „eh?“ etwa ist das Markenzeichen des kanadischen Englisch schlechthin – und entspricht inhaltlich dem amerikanischen „Don’t you think?“.

Gerade im Nordosten der USA dürfte das Interesse an den Artikeln groß sein: In jenen Staaten, die beinahe als einzige mehrheitlich demokratisch gewählt hatten. Auf einer scherzhaften Landkarte wurden sie vor kurzem sogar von „Bush-Country“ abgetrennt und Kanada zugeschlagen. Die US-Demokraten stört das wenig. Viele denken offen darüber nach, ins Nachbarland auszuwandern. Die Internetseite „marryanamerican.ca“ruft Kanadier dazu auf, US-Bürger zu heiraten, damit diese ein neues Leben beginnen und dem „Bush-Konservatismus“ entfliehen können. Und auf der offiziellen Website der kanadischen Regierung, die Informationen für Einwanderungswillige bereithält, hatten sich nach Bushs Wiederwahl fünf Mal so viele Interessenten eingeloggt wie sonst.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben