Gewalt im Web : Aufsicht für den Internet-Schulhof

Ein Verhaltenskodex der großen sozialen Netzwerke soll Online-Mobbing unter Jugendlichen eindämmen. Zivile Umgangsformen sollen zum Standard werden.

Kurt Sagatz

Vor gut zwei Wochen ist die Studie „Gewalt im Web 2.0“ vorgestellt worden. Ein Drittel der 800 befragten Jugendlichen hat bestätigt, im Internet bereits beschimpft, beleidigt, gekränkt oder gemobbt worden zu sein. Zumindest für einen Teil des Internets kann jetzt möglicherweise Entwarnung gegeben werden. Drei der größten sozialen Netzwerke im Internet haben am Mittwoch einen Verhaltenskodex unterschrieben. Dort gelten nun neue Regeln. Die Netzwerke der StudiVZ-Gruppe, der Lokalisten und von Wer-kennt-wen.de kommen auf fast 22 Millionen Mitglieder in Deutschland.

„Auch im Internet lässt sich nicht alles technisch klären. Um so wichtiger ist es, dass wir mit dem Verhaltenskodex einen Standard haben, wie wir gegenseitig im Web miteinander umgehen wollen“, sagte Stefanie Waehler, Geschäftsführerin des Freunde-Netzwerkes Lokalisten.de. Der „Verhaltenskodex für Betreiber von Social Communities“ wurde von den Unternehmen zusammen mit der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Dienstleister (FSM) erarbeitet. Ähnliche Regeln hat die FSM für die Betreiber von Internetsuchmaschinen, Mobilfunkdiensten und Chat-Seiten umgesetzt.

Für die Jugendlichen gehören Netzwerke wie SchülerVZ & Co. zum Alltag. Fast zwei Drittel der 12- bis 19-Jährigen nutzen sie regelmäßig. Wurde früher direkt nach der Schule mit Freunden telefoniert, wird heute zuerst die Schultasche in die Ecke geworfen, um danach den Computer einzuschalten, beschreibt FSM-Geschäftsführerin Sabine Frank das geänderte Kommunikationsverhalten. Mit dem Unterschied, dass viele Lästerattacken heutzutage heftiger ausfallen und nur noch schwer aus der Online-Welt zu bekommen sind. Zumindest bislang.

Zu den wichtigen Punkten des Kodex gehört, dass das Internet nun doch vergessen kann. Das eigene Profil kann nun einfacher gelöscht werden. Sämtliche Fotos, Videos oder sonstige Daten, die das Mitglied eingestellt hat, werden entfernt. Wer zu viel nervt, kann nun zudem leichter ignoriert werden. Ferner dürfen Profile von Mitgliedern unter 16 Jahren nicht mehr in Suchmaschinen außerhalb des Dienstes auftauchen. Sind die Mitglieder unter 14, bleiben sie zumindest anfangs für Mitglieder außerhalb des eigenen Freundeskreises unsichtbar.

FSM-Chefin Frank ermuntert die jungen Netzwerker dazu, von den nun überall vorhandenen Meldemöglichkeiten Gebrauch zu machen. „Wer mitbekommt, dass ein Nutzer gemobbt wird, sollte das schnellstmöglich den Betreibern melden“, sagte sie. Das Gleiche gelte, wenn man auf Pornobilder oder Nazipropaganda stoße.

Für die deutschen Netzwerkbetreiber kommt der Verhaltenskodex einem Industriestandard gleich, erwartet der Chef der StudiVZ-Gruppe, Markus Berger de Léon. Die drei Unternehmen repräsentieren zugleich einen Teil der deutschen Medienwirtschaft. StudiVZ gehört zur Holtzbrinck-Verlagsgruppe (Tagesspiegel, „Zeit“), Wer-kennt-wen.de zu Bertelsmann und die Lokalisten zu Pro Sieben Sat 1. Berger de Léon fordert nun die großen US-Netzwerke in Deutschland wie Facebook und Myspace dazu auf, sich dem Kodex anzuschließen.

Die Netzwerke sind durchaus nicht machtlos im Kampf gegen Internetrüpel. Reichen Ermahnungen nicht, wird der Zugang gesperrt, bis zum Beispiel das gemeldete Foto oder der beleidigende Eintrag entfernt wurde. Ansonsten wird der Zugang komplett gelöscht, beschreibt Patrick Ohler den Maßnahmenkatalog von Wer-kennt-wen.de. Allerdings ist der Schrecken dieser Strafe beschränkt. Die Communities können zwar erreichen, dass sich der Störer mit der bekannten Mail-Adresse kein zweites Mal anmeldet, ein zuverlässiger Schutz ist das aber nicht. In Belgien ist man weiter. Über die Kids-Card gibt es dort eine sichere Art der Identifizierung – zum Schutz der Kinder.

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