Gewalt in der Familie : Die Hälfte der Eltern schlägt noch immer zu

Gewalt ist aus Deutschlands Kinderzimmern noch nicht verschwunden. Rund die Hälfte der Eltern gibt zu, den Nachwuchs schon mal mit einem Schlag auf den Po oder mit Ohrfeigen zu strafen. Allerdings nimmt die Gewalt konstant ab.

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Nach einer repräsentativen Forsa-Umfrage rutscht rund der Hälfte der Eltern in Deutschland bei der Erziehung noch immer die Hand aus.
Nach einer repräsentativen Forsa-Umfrage rutscht rund der Hälfte der Eltern in Deutschland bei der Erziehung noch immer die Hand...Foto: dapd

Gewalt in der Erziehung nimmt in Deutschland immer weiter ab – und wenn Eltern schlagen, dann meistens aus Überforderung und nicht aus Überzeugung. Dies sind die zentralen Ergebnisse von „Gewalt in der Erziehung“, einer repräsentativen Studie des Meinungsforschungsinstitutes Forsa und der Zeitschrift „Eltern“.

Vier von zehn Eltern bestrafen ihr Kind mit einem „Klaps auf den Po“, zehn Prozent verteilen Ohrfeigen und vier Prozent versohlen den Hintern – alle Werte lagen bei einer vergleichbaren Forsa-Studie vor fünf Jahren noch um einige Prozentpunkte höher. Verändert haben sich dabei die Gründe, aus denen die Eltern ihre Kinder züchtigen. War 2006 noch „Ungehorsam“ der häufigste Auslöser für Gewalt von Eltern gegen Kinder, so ist es heute „Unverschämtheit“.

Unabhängig von den Gründen geben immer mehr Eltern an, aus Frust oder Überforderung zu schlagen, obwohl sie wüssten, dass es nichts bringt oder sogar kontraproduktiv ist. 75 Prozent aller Eltern geben an, von einem schlechten Gewissen geplagt zu werden, wenn sie ihre Kinder bestrafen. Forsa-Geschäftsführer Manfred Güllner hob anlässlich der Präsentation der Studie hervor, dass es „trotz der Debatten um Emanzipation immer noch gewisse Rollenvorstellungen gibt“. So würden Jungen doppelt so häufig den Hintern versohlt bekommen wie Mädchen, Vätern rutscht die Hand immer noch deutlich häufiger aus als Müttern.

Über die Gründe für die zunehmend gewaltfreie Erziehungsweise deutscher Eltern konnten auch die Macher der Studie nur spekulieren, sie hoben dabei das „Gesetz zur Ächtung von Gewalt in der Erziehung“ hervor. Dieses war von der rot-grünen Bundesregierung gegen den Widerstand der CDU/CSU-Fraktion im Jahr 2000 verabschiedet worden. Ohnehin würde Deutschland einem weltweiten Trend folgen, selbst in autoritär geprägten Gesellschaften sei die Gewalt gegen Kinder auf dem Rückzug. Als positives Beispiel hob Güllner Schweden hervor, wo es bereits seit mehreren Jahrzehnten Gesetze gibt, die Gewalt gegen Kinder in der Erziehung ächten. Deshalb sei in Schweden heute die Züchtigung so wenig verbreitet wie in kaum einem anderen Land.

Unterschiede stellt die Studie zwischen Eltern in neuen und in alten Bundesländern fest. Während nur neun Prozent der West-Eltern Ohrfeigen verteilen würden, seien es im Osten 14 Prozent. Auch glaubten die Ost-Eltern stärker daran, dass körperliche Züchtigung das Verhalten ihrer Kinder positiv verändert. In ganz Deutschland würden Eltern mit vielen Kindern häufiger handgreiflich werden als solche mit nur einem Kind.

In einer weiteren Studie, die vom „Icon Kids & Youth“-Institut vorgelegt wurde und zusammen mit „Gewalt in der Erziehung“ vorgestellt wurde, ging es um die Wahrnehmung der Gesellschaft durch die Kinder selbst. 71 Prozent der Kinder finden demnach, dass es „viele Erwachsene gibt, die keine Kinder mögen und sich von ihnen gestört fühlen“ – vor fünf Jahren waren nur 59 Prozent dieser Ansicht.

Insgesamt stellt die Studie fest, dass Kinder einerseits immer mehr von den Problemen der Welt mitkriegen und zugleich immer stärker von ihren Eltern von der Außenwelt abgeschirmt werden. Dies verstärke das Gefühl der „kindlichen Ohnmacht“. Stark zugenommen hat auch der Leistungsdruck auf die Kleinen: 46 Prozent (2006: 28 Prozent) geben an, so viel lernen zu müssen, dass sie keine Zeit mehr für andere Dinge haben.

Wie beispielhafte Erziehung funktioniert, hat Arne Gericke demonstriert. Der 47-Jährige aus der Nähe von Rostock erhielt Ende letzter Woche die Auszeichnung „Spitzenvater des Jahres 2012“. Mit dem Preis der Großbäckerei Mestemacher werden Männer geehrt, die sich um Kinder und Haushalt verdient gemacht und ihrer Frau den Karrierevortritt überlassen haben. Zusammen mit seiner Frau Susanne hat Gericke sieben Kinder.

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