Gewaltverbrechen : Fall Michelle wird Politikum

Ein kleines Mädchen verschwindet, drei Tage später wird seine Leiche gefunden - und wird zur politischen Vorlage für rechte und linke Gruppen. Sie instrumentalisieren den Fall für eigene Zwecke. Nicht nur der Pfarrer ist angewidert von den politischen Kundgebungen.

Fall Michelle
Die Polizei sucht nach Hinweisen, rechte und linke Gruppen übertreffen sich mit Forderungen. -Foto: dpa

LeipzigIm Mordfall Michelle hat der Pfarrer der Leipziger Thomaskirche, Christian Wolff, die Berichterstattung der Medien und den Populismus extremer Gruppierungen heftig kritisiert. Es sei "unsäglich", was öffentlich geäußert werde und dass "ein solches Ereignis instrumentalisiert" wird, sagte Wolff auf einer Kundgebung in der Innenstadt. "Das sind nicht nur die Medien, die auf dem Rücken der Betroffenen und weit über ihre Informationspflicht hinaus das Ereignis auszuschlachten versuchen." Wolff verurteilte auch die Links- und Rechtsextremen, die den Mordfall "für ihre eigenen schändlichen Ziele" ausnützten.

In der Innenstadt nahmen etwa 40 Menschen an einer Kundgebung eines Bürgervereins aus dem Stadtteil des ermordeten Mädchens teil. Ein Vereinsmitglied äußerte in einem offenen Brief die "große Sorge, dass Rechtsextreme das Ereignis für ihre Zwecke missbrauchen". In der Nähe des Fundortes der Kinderleiche fanden gleichzeitig Kundgebungen der Rechtsextremen und der Linkspartei statt. Nach Angaben eines Polizeisprechers standen 120 Rechtsextremen in einiger Entfernung etwa 100 Teilnehmer der linken Gegenveranstaltung gegenüber.
 
Rechte und Linke machen sich den Fall zu Nutze

Vier Tage nach dem Leichenfund hatten Rechtsextreme für eine Todesstrafe für Kinderschänder demonstriert, obwohl die Polizei keine genauen Angaben zum Täter machen kann. Die Linke in Sachsen hatte darauf Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) kritisiert, weil er nicht offensiv rechtsextremistischen Aktionen im Zusammenhang mit dem Mordfall Michelle entgegentrete.

Zwei Wochen nach dem Verschwinden der kleinen Michelle aus Leipzig fehlt der Polizei noch immer die entscheidende Spur zum Mörder. Zwar habe die Zahl der Hinweise aus der Bevölkerung inzwischen "die 1000 überschritten", sagte Polizeisprecher Andreas Kapferer am Montag. Ob eine "heiße Spur" darunter sei, wollte er aber nicht sagen. Die Auswertung dauere an.

Beging der Mörder Selbstmord?

Unterdessen bestätigte die Polizei Medienberichte, dass sich ein Sexualstraftäter in Leipzig das Leben genommen hat. Der 40-Jährige war von den Ermittlern nach dem Tod der Achtjährigen routinemäßig befragt worden. Einen Zusammenhang zwischen dem Selbstmord und dem Fall Michelle sahen die Ermittler nach eigener Auskunft aber nicht.

Nachdem der Mord an der Schülerin am Sonntagabend in der MDR-Fernsehsendung "Kripo live" thematisiert worden war, seien in der Nacht etliche Hinweise bei der Polizei eingegangen. "Für uns ist es unheimlich schwierig zu definieren, was eine 'heiße Spur' ist", sagte Sprecher Andreas Loepki. "Alle Hinweise sind wichtig, weil wir so manche Sachen auch ausschließen können", betonte er. Die Ermittler werteten am Montag unter anderem die Befragungen von Kleingärtnern aus einer Anlage unweit des Fundortes der Kinderleiche aus. Die Pächter der rund 400 Parzellen waren am Wochenende befragt worden.

Kinderfahrrad entdeckt

Unklar blieb weiter, ob mehrere Gegenstände, die Ende voriger Woche bei Durchsuchungen gefunden wurden, mit dem Mordfall zu tun haben. Unter anderem hatte die Polizei in einer früheren Friedhofsgärtnerei ein blau-rotes Kinderfahrrad entdeckt. "Es wird geprüft, ob sich Spuren von Michelle daran befinden", erläuterte Loepki. "Damit können wir klären, ob der Täter es vielleicht als Lockmittel benutzt hat."

Michelle war am 18. August auf dem Weg vom Schul-Hort nach Hause verschwunden. Drei Tage später wurde ihre Leiche in einem Teich entdeckt. Seither suchen 177 Beamte der Sonderkommission nach dem Mörder des Mädchens. (saw/pb/dpa)

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