Gewaltwelle : Krawalle jetzt in weiteren Städten

Die seit über eine Woche andauernden Unruhen in Frankreich haben sich im Land ausgebreitet. Nach Paris wurden auch andere große Städte wie Marseille, Dijon und Le Havre von der Gewaltwelle erfasst.

Paris - Im diesen Städten wurden in der Nacht zum Freitag mehrere Polizisten bei Ausschreitungen verletzt und dutzende meist jugendliche Randalierer festgenommen, die Autos in Brand setzten. Nach einer ersten Bilanz nahm die Polizei in den vergangenen acht Tagen 230 Unruhestifter fest, insgesamt gingen 1260 Autos in Flammen auf. Innenministers Nicolas Sarkozy geriet wegen seiner Verbalattacken gegen die Unruhestifter zunehmend unter Druck. Die sozialistische Opposition forderte seinen Rücktritt.

Besonders betroffen war in der Nacht zum Freitag das Département Seine-Saint-Denis, das im Nordosten an Paris grenzt. Randalierer zündeten im ganzen Land 519 Autos und Busse an, darunter 77 in Städten wie der Hafenstadt Marseille am Mittelmeer, Dijon in Burgund oder Le Havre an der Kanalküste. Die Oppositon verlangte eine Dringlichkeitssitzung des Parlaments.

Sarkozy solle seinen Hut nehmen. Er trage als «Brandstifter und Kriegschef» Mitverantwortung, sagte der Grünen-Abgeordnete Noël Mamère. Der Innenminister ist mit seinen Law-and-Order-Parolen zur Hassfigur der meist afrikanischstämmigen Randalierer geworden. Er gestand erstmals ein, dass die Probleme in den Vorstädten nur langfristig zu lösen seien. Er sei aber «beruhigt», dass die Zahl der direkten Straßenschlachten der Randalierer mit der Polizei abnehme. Das Wichtigste sei, Dramen (Todesfälle) zu verhindern.

Premierminister Dominique de Villepin empfing am Freitag 16 junge Erwachsene aus den Problemvierteln zu einem Gespräch. Einige der Männer und Frauen zwischen 18 und 25 Jahren seien Schüler und Studenten, andere arbeitslos oder in Billigjobs beschäftigt, teilte Villepins Büro in Paris mit. Die Gespräche gehörten zu einer Reihe von Konsultationen, die Villepin mit Blick auf einen neuen Aktionsplan für die Krisensiedlungen begonnen hat.

Seit Beginn der Unruhen vor gut einer Woche wurden bereits 42 Menschen vor Gericht gebracht, darunter 17 Minderjährige. Allein in der Nacht zum Freitag nahm die Polizei 79 Randalierer fest. Fünf Beamte wurden durch Steinwürfe leicht verletzt. Auch fünf Lagerhallen gingen in Flammen auf. Erneut wurden öffentliche Gebäude wie Rathäuser, Schulen und Polizeiwachen Ziel von Attacken; ein Polizeiauto wurde mit Schrotkugeln beschossen. Zudem wurde bekannt, dass in der Vornacht eine Behinderte bei einem Angriff mit Molotow- Cocktails auf einen Bus schwere Verbrennungen erlitt. Jugendliche hätten die 56-jährige mit Benzin begossen, berichtete die Presse.

Der Chef der Polizeigewerkschaft Synergie, Bruno Beschizza, machte «radikale Islamisten» für die «neue Form des Terrorismus in den Städten» mitverantwortlich. Die Islamisten nutzten einen Tränengaseinsatz bei einer Moschee, um Jugendliche aufzustacheln. Außerdem nutzten Rauschgifthändler mit finanziellen Interessen die Lage, um dem Staat zu zeigen, dass sie Herr ihrer Territorien seien.

Sarkozy nannte die Unruhen «perfekt organisiert« und «keineswegs spontan». Vom Rundfunk befragte Polizisten widersprachen dem jedoch und erklärten, es gebe auch ein «spielerisches» Element: «Sie wollen sich in den 20-Uhr-Nachrichten im Fernsehen sehen.» Der Sprecher der Polizeigewerkschaft UNSA, Francis Masanet, warf Sarkozy vor, die Jugendlichen «aufzustacheln». Auf diese Weise könne kein Dialog zu Stande kommen, sagte er der Zeitung «Libération» (Freitag). Masanet forderte die Wiedereinführung der von Sarkozy abgeschafften Nachbarschaftspolizei und der Konfliktvermittler, «die täglich in den Vorstädten präsent sind und Probleme schon im Vorfeld entschärfen».

In den Problemvierteln selbst wurde Sarkozy zur wichtigsten Zielscheibe aufgestauter Wut und Frustrationen. «Das ist erst der Anfang. Wir machen so lange weiter, bis Sarkozy geht», sagte ein Jugendlicher. Die Sozialisten forderten eine Dringlichkeitsdebatte im Parlament über die «Stadtguerilla», um «die ganze Wahrheit über die Zustände in den Problemvierteln» ans Licht zu bringen. Der Soziologe Michel Wieviorka erklärte, die Jugendlichen griffen alle Symbole des Staates an. «Sie fühlen sich ungerecht behandelt und von der Gesellschaft verachtet. Das ist der Grund für die Ausschreitungen.» (tso/dpa)

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