GEZEICHNETE HISTORIE : „Das hätte ich sein können“

Sid Jacobson kam im selben Jahr zur Welt wie Anne Frank. Jetzt hat er ihre Biografie geschrieben – als Comic

Lars von Törne
Zarte Liebesgeschichte. Anne Frank und ihr Freund Peter van Pels. Foto: promo
Zarte Liebesgeschichte. Anne Frank und ihr Freund Peter van Pels. Foto: promo

Der Gedanke ließ Sid Jacobson nicht mehr los, seitdem er als junger Mann vor fast 60 Jahren zum ersten Mal Anne Franks Tagebuch las: „Das hätte ich sein können.“ Jacobson, heute einer der profiliertesten Comic-Autoren der USA, kam vor 81 Jahren in New York als Sohn von einige Jahre zuvor eingewanderten russischen Juden zur Welt – vier Monate nachdem in Frankfurt am Main ein Mädchen namens Anne Frank geboren wurde, das später mit seiner Familie vor den Nationalsozialisten fliehen und nach Amsterdam auswandern sollte. „Seitdem verfolgt mich dieser Gedanke: Was wäre, wenn ich Anne Franks Schicksal erlebt hätte und sie heute als 81-jährige Frau noch leben würde?“

In den vergangenen zwei Jahren bestimmte Anne Frank das Leben von Sid Jacobson fast vollständig: Zusammen mit seinem langjährigen Arbeitspartner Ernie Colón, Jahrgang 1931, hat der Autor die Geschichte der jungen Frau und ihrer Familie aufgearbeitet, am Mittwochabend stellte er die deutsche Ausgabe ihres Comics „Anne Frank – eine grafische Biografie“ in der Niederländischen Botschaft in Berlin vor.

„Es war für mich sehr bewegend, noch einmal so tief in diese Geschichte einzutauchen“, sagt der Autor mit dem grauen Meckischnitt und der rauen Bassstimme im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Vor allem der einwöchige Besuch in Amsterdam zu Beginn seiner Recherchen vor zwei Jahren habe ihn aufgewühlt. Dort erkundete er zusammen mit den Mitarbeitern des Anne-Frank-Hauses nicht nur die engen Räume, in denen sich Anne und ihre Familie von 1942 bis 1994 vor den Nationalsozialisten versteckten, nachdem Deutschland die Niederlande okkupiert hatte.

Jacobson ging bei seinem Besuch jede Straße ab und besuchte jedes Gebäude, die für Annes Alltag in jener Zeit wichtig waren. Außerdem studierten er und Colón Dutzende Bücher und Dokumente, um den Inhalten des bekannten Tagebuchs – es wurde in 55 Sprachen übersetzt – so viele authentische Aspekte wie möglich hinzuzufügen.

Das Ergebnis ist eine faktenreiche und doch lebendig erzählte Biografie, die vor allem von den vielen Alltagsszenen und Dialogen lebt, in denen Jacobson und Colón ihre Hauptfigur und die Menschen um Anne herum schildern. „Wir haben uns streng an die Fakten gehalten und jedes Detail zusammen mit den Experten der Anne-Frank-Stiftung überprüft“, sagt Jacobson. Zugleich habe er als Autor viele Dialoge selbst geschrieben, die in den Briefen, Tagebüchern und sonstigen Aufzeichnungen höchstens angedeutet waren. Wenn in einem Brief die Rede davon war, wie Anne – noch vor ihrer Zeit im Versteck – davon träumte, Schlittschuh zu laufen, dann hat Jacobson das in entsprechende Dialoge umgesetzt und Colón die passenden Bilder dazu geschaffen. „Wenn man etwas lebhaft erzählen will, kann man sich nicht auf Beschreibungen beschränken – man braucht Sprechblasen“, sagt Jacobson, der lange in Comicverlagen arbeitete und sich zusammen mit Colón in den vergangenen Jahren vor allem durch politische Comics wie die grafische Umsetzung des 9/11-Berichts über die Anschläge von 2001 einen weit über die Comic-Fanszene hinaus bekannten Namen gemacht hat.

Viele Seiten basieren auf bekannten Fotos, dazwischen gibt es aber auch etliche Szenen, die man so noch nie zuvor gesehen hat, da keine historischen Bilder überliefert sind: Das durch die ständige Lebensgefahr hochdramatische und zugleich doch zutiefst eintönige Leben in ihrem Versteck, aber auch die kleinen Alltagsfreuden und sogar eine zarte Liebesgeschichte, die Anne Frank zum Ende der Versteckzeit vorübergehend von ihren Sorgen ablenken kann – all das haben Jacobson und Colón einfühlsam und respektvoll, mit realistischem Strich und doch emotional anrührend vermittelt. Anne Frank wird hier nicht nur als Mädchen, sondern auch als bemerkenswert eigenständige, ambitionierte junge Frau dargestellt. Dabei nimmt die in dem Tagebuch dokumentierte Phase nur einen kleineren Teil der Geschichte ein. Ebenso wichtig sind ihre frühen Kinderjahre in Frankfurt und später in Amsterdam, die Alltagserlebnisse der beiden Frank-Kinder und ihrer Eltern – und am Schluss, nach dem Verrat ihres Versteckes, die Deportation und der Tod von Anne und fast ihrer ganzen Familie in den Konzentrationslagern.

Sid Jacobson und Ernie Colón: Anne Frank – eine grafische Biografie, Carlsen-Verlag, 160 Seiten, 16,90 Euro

Seitdem Art Spiegelman in seinem 1992 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Buch „Maus“ den Völkermord an den europäischen Juden und auch den schwierigen Umgang mit dem Thema beschrieben hat, haben viele andere Autoren und Zeichner Comics zum Holocaust und zur NS-Zeit veröffentlicht. So hat vor einigen Jahren die New Yorker Zeichnerin Miriam Katin in der Erzählung „Allein unter allen“ ihre Flucht vor den Nationalsozialisten in einer Graphic Novel aufgearbeitet. Joe Kubert hat in „Yossel, 19. April 1943“ den Überlebenskampf im Warschauer Getto dokumentiert. Auch Will Eisners „Komplott“, Pascal Grocis „Auschwitz“ und Ozamu Tezukas Krimi-Manga „Adolf“ verarbeiten die NS-Zeit. Und in der von der Anne-Frank-Stiftung veröffentlichten Comic-Erzählung „Die Suche“ schildern Eric Heuvel, Ruud van der Rol und Lies Schippers, was die fiktive jüdische Familie Hecht in der NS-Zeit erlebt. lvt

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