Welt : Gift für die Wahrheit - Wouter Basson ist der selbsternannte "Dr. Tod"

Wolfgang Drechsler

Seit Oktober steht er vor Gericht. Und dient gleichzeitig dem demokratischen Südafrika weiter als Militärarzt.Wolfgang Drechsler

Das "Moroka-Café" in der City von Kapstadt ist ein typisch afrikanisches Bistro - etwas schäbig, etwas behäbig und mit einem Raum, dessen erdfarbene Wände Dutzende von Graffitis zieren. Es liegt im selben Block, in dem bis letztes Jahr die südafrikanische Wahrheitskommission tagte, die die Verbrechen der Apartheid aufarbeiten sollte. So hat sich das Moroka zu einem Treffpunkt bekannter Persönlichkeiten entwickelt, darunter auch Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu, der in seiner Notiz die hier servierte Suppe preist. Doktor Wouter Basson, Chef des B- und C-Waffenprogramms des Apartheidstaates, fand die Küche des Moroka offenbar nicht ganz so beeindruckend. Sein Kommentar hat jedenfalls nichts mit dem Essen zu tun: "Wahrheit über alles", hat er in kleinen Lettern an die Wand des Cafés gekritzelt und als "Dr. Tod" unterzeichnet.

So viel scheint Doktor Tod allerdings auch wieder nicht an der Wahrheit gelegen zu sein. Als ihn die Wahrheitskommission vor einem Jahr verhörte, erschien er in farbenfroh bedruckten Hemden, wie sie Ex-Präsident Nelson Mandela weltweit zum Modetrend machte, und antwortete spöttisch auf Fragen nach seiner Vorliebe für ethnische Couture: Man müsse sich stets an Siegertypen orientieren, Mandela sei da kein schlechtes Vorbild. Ansonsten sagte er wenig. Nur soviel: "Medizin ist mein Hobby, aber der Krieg ist mein Beruf." Er wusste, dass das Mandat der Kommission wenige Tage nach seiner Vorladung auslaufen würde. Seit Anfang Oktober steht er in Pretoria vor Gericht, er muss sich für den Tod von 229 Menschen verantworten. Da die Sache also diesmal ernster ist, trägt er nun einen kakaobraunen Anzug mit konventionellem weißem Hemd. Schweigsam ist er aber nach wie vor. Ausdruckslos und scheinbar gelangweilt sitzt der klein gewachsene Mann mit Vollbart und Halbglatze zumeist auf der Anklagebank und macht nur gelegentlich ein paar Notizen. Richter Hartzenberg dringt kaum zu ihm durch. Vielleicht können die Charakterstudien, die Bassons Mitarbeiter und Freunde in den nächsten Wochen zeichnen werden, Aufschluss darüber geben, wie ein offenkundig hoch intelligenter Mann zum Josef Mengele des Apartheidstaates mutieren konnte: Fast alle Zeugen, die vor der Wahrheitskommission vor einem Jahr aussagten, haben den 49-Jährigen als einen erstklassigen Wissenschaftler beschrieben - allerdings mit einem Hang zur Besessenheit.

Doktor Wouter Basson ist ein angesehener Wissenschaftler, Kardiologe und Armeeoffizier. Als Chef des streng geheimen "Projekts Küste" soll er in den achtziger Jahren in der Abgeschiedenheit des Laboratoriums von Roodeplaat, wenige Kilometer nördlich von Pretoria, biologische und chemische Waffen für die weiße Minderheitsregierung entwickelt haben. Angeklagt ist er wegen 67-fachen Betrugs, 16-fachen Mordes und der mehrfachen Anstiftung dazu.

Das von der Staatsanwaltschaft angehäufte Beweismaterial ist beträchtlich: Fast 30 Tonnen wiegen die Anklageakten, die Protokolle von rund 40 000 Verhören und Zeugenbefragungen umfassen. Gebündelt sind sie in einer 300 Seiten dicken Anklageschrift, die sich in weiten Teilen wie ein billiger Spionage-Thriller liest: Von Bakterien, die nur Schwarze töten, ist dort die Rede. Von einem Impfstoff, der schwarze Frauen unfruchtbar machen soll. Von Bergen illegaler Drogen wie Ecstasy oder LSD, mit denen Militär und Polizei aufsässige Demonstranten gefügig machen wollten. Offenbar schreckten die Apartheid-Chemiker vor keinem noch so abstrusen Plan zurück: So wollten sie mit Hilfe von Cholera-Viren angeblich die Unabhängigkeitswahlen in Namibia vor zehn Jahren torpedieren.

Um die Gegner des Apartheidstaates zu töten, bauten die Wissenschaftler um Basson angeblich Mordwaffen, die für einen James-Bond-Film taugen würden: Sie sollen Giftspritzen als Schraubenzieher getarnt, Spritzdüsen für Giftkügelchen in die Spitzen von Spazierstöcken und Regenschirmen eingebaut, Bierdosen, Schokolade, Zigarretten und Briefumschläge in Mambagift getränkt haben. Auch ein mit Arsen gefüllter Siegelring gehörte zum Arsenal des südafrikanischen B- und C-Waffen-Programms.

Das alles haben Bassons Mitarbeiter enthüllt. Seit sie vor der Wahrheitskommission ausgesagt haben, weiß man, wie weit das Regime ging, um die Vorherrschaft der Weißen zu sichern. Der Veterinär Schalk van Rensburg zum Beispiel hat ausgesagt, immer wieder hätten die Angestellten Weisung erhalten, ein Mittel zu finden, das Menschen töten, aber die eigentliche Todesursache verschleiern sollte. Jahrelang habe Basson deshalb all seine Energien darauf verwendet, einen Mord so natürlich wie möglich erscheinen zu lassen, meint van Rensburg. Vielleicht erklärt dies auch, weshalb die Staatsanwaltschaft noch immer vergeblich nach vielen Opfern sucht.

Angeblich wollten die Teufelsköche der Apartheid Nelson Mandela im Gefängnis das giftige Schwermetall Thalium in seine Medikamente mischen, um ihn, wie es ein Chemiker umschrieb, "in seiner Wirksamkeit zu beeinträchtigen". Das diabolische Projekt wurde gestoppt, andere Pläne wurden Wirklichkeit. Zum Beispiel wurde die Unterwäsche von Frank Chikane, dem früheren Generalsekretär des Südafrikanischen Kirchenrates, in ein toxisches Gift getaucht. Chikane, der heute Staatssekretär im Büro von Präsident Thabo Mbeki ist, hatte Glück: Nach dem Giftanschlag reiste er zu einer Konferenz in die USA, wo Ärzte nicht nur sein Leben retteten, sondern auch die Ursache der plötzlichen Erkrankung feststellten.

Der Ecstasy-Handel ließ ihn auffliegen

Zu den Opfern sollen aber auch 200 Freischärler der früheren namibischen Widerstandsbewegung gehören: Laut Anklage wurden den inhaftierten Guerilleros krampflösende Mittel injiziert, die den Herzschlag drosselten und zum Lungenkollaps führten. Das Ergebnis des Experiments wurde von den Militärärzten gewissenhaft notiert, die entblößten Leichen der Guerillas wurden von einem Flugzeug aus in den Südatlantik vor der Küste Namibias geworfen.

Basson stellt sich als Überzeugungstäter dar, doch den Idealisten nimmt man ihm nicht ab. Statt die üppigen Mittel aus dem Geheimfonds des Verteidigungsministeriums in seine Forschung zu stecken, soll er sich daran bereichert haben. Und ganz nebenbei hat er angeblich einen schwunghaften Handel mit Waffen, Drogen und Chemikalien betrieben. Insgesamt soll ihm das fast 80 Millionen Rand eingebracht haben, umgerechnet etwa 25 Millionen Mark.

Vor drei Jahren wurde ihm der zur Last gelegte Drogenschmuggel zum Verhängnis: Beim Verkauf von 1000 Ecstasy-Tabletten geriet er an einen Polizeispitzel und wurde verhaftet. Basson ließ jetzt durch seine Anwälte wissen, er habe geglaubt, dass es sich um einen Waffendeal gehandelt habe.

Im Prozess bleibt die Person Basson rätselhaft. So rätselhaft wie die Tatsache, dass Basson sich trotz der schweren Vorwürfe noch immer im Dienst der Armee befindet, die nun von seinen einstigen Todfeinden im Afrikanischen Nationalkongress befehligt wird. "Es ist fast so, als wäre Mengele nach dem Zweiten Weltkrieg von der Bundeswehr neu angestellt worden", wundert sich ein Beisitzer.

Die Sonderbehandlung hat jedoch einen guten Grund: Bassons umfassendes Wissen um biologische und chemische Kampfstoffe blieb auch dem Ausland nicht verborgen. Seine regelmäßigen Reisen nach Libyen weckten bei westlichen Geheimdiensten den Verdacht, er könne B-und C-Waffen in den Nahen Osten liefern. Der CIA äußerte die Sorge, Basson werde sich möglicherweise aus Südafrika absetzen und für einen Pariastaat in der Region Giftgas mischen. Deshalb holte die neu gewählte schwarze Regierung am Kap den 1993 aus der Armee ausgeschiedenen Basson als Chefkardiologen ans Militär-Hospital in Pretoria zurück. So sei er besser zu überwachen, glaubte man.

Im Militär-Hospital kümmert sich der Herzspezialist ein- bis zwei Mal pro Woche um seine Patienten. Das wird er wohl noch länger tun, denn der Prozess könnte wegen der engen Verflechtung wirtschaftlicher und krimineller Vergehen zum langwierigsten Verfahren in der Geschichte Südafrikas werden. Vor der Wahrheitskommission hatte Basson mit treuem Blick erklärt: "Ich habe in meinem Leben viele Dinge getan, aber kein einziges davon war illegal, und kein einziges hat zum Tod oder auch nur zur Verletzung irgendeiner Person geführt." Doktor Tod wird noch viel Zeit haben, das Gericht von seiner Version zu überzeugen.

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