Welt : Gift fürs Gehirn

Die Partydroge Ecstasy richtet mehr Schaden an als gedacht – vielleicht erhöht sie sogar das Parkinson-Risiko

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Von Peter Spork

und Hartmut Wewetzer

Auf manch fröhlich-lauter, nicht enden wollender Party gehört die Modedroge Ecstasy inzwischen fest dazu. Sie macht euphorisch, steigert das Wohlbefinden, sensibilisiert und hilft, die Nacht durchzutanzen. Unter den meist jugendlichen Nutzern gilt das illegale Aufputschmittel als ungefährlich. Forscher aber warnen schon länger vor bleibenden Schäden des Nervensystems. Etwa dem Ausfall der von Ecstasy stimulierten Zellen, die das Gehirn mit dem Wohlfühl-Botenstoff Serotonin versorgen. Nun entdeckten US-Neurologen eine neue Gefahr: Schon nach einer mit reichlich Ecstasy durchtanzten Nacht könnten zahllose Nerven sterben, die den Botenstoff Dopamin erzeugen, folgern sie aus Ergebnissen, die sie im Fachblatt „Science“ präsentierten.

Auch wenn der Zelltod im Dopamin-System anfangs kaum auffallen dürfte, könne er langfristig schlimme Folgen haben, warnt der Hauptautor der Studie, George Ricaurte von der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore, USA: „Junge Erwachsene erhöhen vielleicht ihr Risiko, im Alter Parkinsonismus zu entwickeln, ein Zustand der der Parkinsonschen Krankheit gleicht.“

Bei dem auch Schüttellähmung genannten Leiden sind die meisten Dopamin bildenden Zellen abgestorben. Weil diese für die Bewegungssteuerung zuständig sind, wirken Parkinson-Kranke, etwa der Boxer Muhammad Ali oder der Schauspieler Michael J. Fox, maskenhaft erstarrt und zittern stark.

Ricaurte und Kollegen entdeckten die gefährliche Wirkung der Party-Pillen in Tierversuchen: Sie gaben zunächst fünf Totenkopfäffchen und später fünf Pavianen binnen neun Stunden je drei Ecstasy-Dosen von 2 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht. Diese Dosierung entspreche dem, was Menschen üblicherweise auf Parties einnähmen.

Der einmalige Drogeneinsatz bewirkte bei den Affen einen deutlichen Verlust an Dopamin- und Serotonin-Nerven, der auch zwei bis acht Wochen später noch gut sichtbar war. Das Fazit der Forscher: Sogar Personen, die Ecstasy nur einmal genommen haben „haben ein Risiko für deutliche Hirnschäden, wenn sie über mehrere Stunden hinweg zwei bis drei Dosen konsumierten.“

Aber wie hoch ist das Risiko, möglicherweise schon in jungen Jahren an Parkinson zu erkranken, wirklich? Müssten nicht angesichts des millionenfachen Missbrauchs der Droge bereits etliche „Raver“ von dem Leiden gezeichnet sein? Es verwundere nicht, dass Forscher bislang noch keinen Zusammenhang zwischen Parkinsonismus und den Party-Pillen entdeckten, kontern die Neurologen aus Baltimore. Nach einem solchen Effekt sei bisher nicht gesucht worden. Und Symptome treten meist erst auf, wenn mehr als 70 Prozent der Dopamin-Zellen zerstört sind. Ecstasy-Konsumenten würden deshalb erst später erkranken, wenn altersbedingt weitere Nerven ausgefallen sind.

Ist die Droge also eine Zeitbombe? „Die Ergebnisse sind insgesamt alarmierend, aber der Parkinson-Verdacht ist weit hergeholt“, wendet die Ecstasy-Expertin Euphrosyne Gouzoulis-Mayfrank vom Universitätsklinikum Aachen ein. „Es gibt bis jetzt keine Hinweise in diese Richtung aus Studien mit langjährigen Konsumenten.“ Auch Martin Schäfer, Psychiater an der Charitè, ist überzeugt: „Das Parkinson-Risiko ist reine Spekulation.“

Ecstasy, Kokain, Alkohol, Marihuana, Nikotin – viele Jugendliche nehmen mehrere Drogen, um sich zu berauschen. Das macht es sehr schwierig, die Effekte von Ecstasy von denen anderer Stoffe abzugrenzen. Trotzdem verdichtet sich der Eindruck, dass das Aufputschmitel Gift für das Gehirn ist. Die neue Studie bestätigt den Trend.

„Manche Konsumenten berichten von Gedächtnisstörungen und Konzentrationsproblemen“, sagt Gouzoulis-Mayfrank. „Diese könnten in Zusammenhang mit einem Schaden des Dopamin-Systems stehen.“ Schon vor zwei Jahren hatte eine Gruppe Hamburger Wissenschaftler um Rainer Thomasius vom Uniklinikum Eppendorf Alarm geschlagen: 37 Prozent der Ecstasy-Konsumenten hätten Störungen des Kurzzeit-Gedächtnisses. Sie seien so schwer, dass der Alltag beeinträchtigt werde. Und jeder vierte Konsument hatte eine psychotische Störung, darunter Halluzinationen, Personenverkennungen und Wahnvorstellungen.

Die große Frage ist nun, wie dauerhaft die Ecstasy-Schäden sind. Die Wissenschaftler befürchten, dass die Droge eine schleichende Gefahr ist und das Gehirn allmählich, aber irreversibel vergiftet. Ob das wirklich so ist, müssen weitere Studien klären.

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