Welt : Gift im Jungbrunnen

Adelheid Müller-Lissner

Wenn zwei 70-Jährige sich ineinander verlieben, dann ist allein diese Tatsache schon eine Story: Der gerade angelaufene Film "Innocence - Erste Liebe, zweite Chance" beweist es. Werden wir nicht heute schon stutzig, wenn auf dem Bildschirm eine Moderatorin erscheint, die die 50 überschritten hat? Andererseits errechnen Wissenschaftler für ein kleines Mädchen, das heute in den Kindergarten geht, eine mittlere Lebenserwartung von 77 bis 83 Jahren. Und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rechnet damit, dass die Lebensdauer weiter steigen wird. Es scheint widersinnig: In einer Gesellschaft, deren Mitglieder immer älter werden, wird gerade das Älterwerden zum Problem. Noch dazu zu einem Problem, das immer früher beginnt. Sind schon die ersten Lachfältchen der Anfang vom Ende der jugendlichen Schönheit?

Die Medizin sieht in der Bekämpfung von Alterserscheinungen einen großen Markt. Es ist zu erwarten, dass in nächster Zeit immer neue Erfolge mit neuen Hormon- und anderen Präparaten gemeldet werden. Am Wochenende fand in Berlin auch ein Anti-Aging-Kongress statt. Viele Wissenschaftler an Hochschulen und in Pharmakonzernen sitzen an diesem Thema.

Anti-Aging-Pillen schon für 30-Jährige? Tatsächlich nimmt zum Beispiel die Produktion des Wachstumshormons GH ("growth hormone") schon ab dem 20. Lebensjahr ab - und zwar um 14 Prozent pro Lebensjahrzehnt, wie Hormonspezialisten ermittelten. Das Hormon, das den Muskel- und Knochenaufbau fördert, spielt im Leistungssport eine (zweifelhafte) Rolle und wird nicht ohne Grund auch in der Tiermast genutzt.

Wunderpille für 30-Jährige?

Bei Kindern und Erwachsenen, die einen GH-Mangel haben, weil ihre Hirnanhangdrüse nicht richtig arbeitet, ist der Ersatz des Wachstumshormons fester Bestandteil der Behandlung. Was liegt also näher, als GH auch bei Gesunden vorbeugend gegen das Altern einzusetzen, zumal es schon seit einigen Jahren gentechnologisch hergestellt werden kann? Im "Deutschen Ärzteblatt" berichtete eine Gruppe um den Kölner Internisten und Hormonexperten Friedrich Jockenhövel im letzten Sommer über eine erste Studie, die mit zwölf gesunden Männern im Alter zwischen 61 und 73 Jahren durchgeführt wurde. Nach einem halben Jahr, in dem sie dreimal in der Woche GH einnahmen, hatte sich ihre "fettfreie Körpermasse" um 3,7 Kilo erhöht. Sie hatten also Muskeln hinzugewonnen, die Knochen waren etwas dichter geworden, während sie 2,4 Kilo Fett verloren hatten.

Klingt ganz nach einer Erfolgs-Story. Doch das dicke Ende kam nach: Aus der Fortsetzungs-Untersuchung, an der 50 Männer teilnahmen und die ein ganzes Jahr dauern sollte, stieg mehr als die Hälfte der Versuchspersonen wegen starker Nebenwirkungen aus. Sie bekamen Diabetes, entwickelten Brüste oder das gefürchtete Karpaltunnelsyndrom, bei dem Schmerzen in der Hand sich bis in den Nackenbereich ausdehnen können. Was nach jahrelanger Einnahme passieren könnte, weiß erst recht keiner: "Die langfristigen Folgen einer GH-Therapie sind noch weitgehend unklar", so Jockenhövel. Diskutiert wird zum Beispiel, ob sie das Wachstum bestimmter Tumoren und Polypen stimulieren.

Dass schon der junge Erwachsene nicht mehr so viel Wachstumshormon produziert, könnte schließlich auch damit zusammenhängen, dass es in größeren Mengen nur für diejenige Funktion gebraucht wird, die schon sein Name nahelegt: es fördert das Längenwachstum im Kindesalter. Abnahme eines Hormonwerts im Blut ist also nicht automatisch mit dessen "Mangel" gleichzusetzen. Auch die körpereigene Produktion von Melatonin, dem Pigmenthormon, das vor allem als mögliches Mittel gegen den Jetlag nach Langstreckenflügen berühmt wurde, nimmt ab, wenn das Alter des Menschen zunimmt. Da parallel zu dieser Abnahme die Wahrscheinlichkeit für Schlafstörungen zunimmt, liegt seine Einnahme zur Förderung des Ein- und Durchschlafens nahe. Darüber hinaus wird es allerdings auch als wahrer "Jungbrunnen" beworben und eingesetzt. Ob es so wirken kann, ist aber überhaupt noch nicht streng wissenschaftlich geprüft worden. Fatal kann es dagegen werden, wenn die schlaffördernde Wirkung des "Anti-Aging"-Mittels sich zur falschen Zeit entfaltet - etwa am Steuer eines flotten Kraftfahrzeugs. Die "unkritische und längerfristige" Einnahme von Melatonin halten Jockenhövel und seine Kollegen jedenfalls für ausgesprochen gefährlich.

Gefährliche Nebenwirkungen

Auch DHEA (für "Dehydroepiandrosteron") ein Vorhormon weiblicher und männlicher Sexualhormone, hat den Beweis noch nicht erbracht, wirklich als Jungbrunnen zu taugen. Zwar scheint es Depressionen, sexuelle Lustlosigkeit und Ängste bei Frauen im mittleren Lebensalter mit DHEA-Mangel zu verringern. Das wird jedoch durch das Ankurbeln der Produktion männlicher Hormone erreicht. Die aber kann bei manchen Frauen zu Haarausfall, Akne und verstärkter Gesichts- und Körperbehaarung führen.

Neben der Frage, ob die verschiedenen Substanzen die Hoffnungen erfüllen können, die in sie gesetzt werden, beunruhigt es Wissenschaftler, welchen Preis das medikamentöse Anti-Aging-Programm haben könnte. "Man gefährdet sich zunehmend bei dem Versuch, gesünder zu werden", warnt der Stuttgarter Hormonspezialist Rainer Hehrmann. Von allen Hormonersatztherapien für Gesunde ist nur die mit Östrogenen und Gestagen bei Frauen in der Menopause wissenschaftlich schon gut untermauert.

Was GH, Melatonin, DHEA und andere betrifft, so ist das gesicherte Wissen derzeit äußerst spärlich. Umso größer sind die Hoffnungen, die sich mit den "Wunderpillen" verbinden. Die Psychologin und Gerontologin Susanna Re vom Deutschen Zentrum für Alternsforschung in Heidelberg wird in ihren Informationsveranstaltungen zum gesunden Altern immer wieder danach gefragt. Und der Zugang zu den viel versprechenden Substanzen wird immer leichter: Heute muss man nicht mehr in die USA fliegen, um Melatonin oder DHEA im Drugstore einzukaufen, sondern kann das bequem per Mausklick im Internet erledigen. "Dabei sind Substanzen wie DHEA und Melatonin in Deutschland nicht einmal als Medikamente zugelassen - und das aus guten Gründen", so Hehrmann.

Aber was nützt eine Jugendlichkeits-Pille, wenn eine Frau ihre Haut durch Rauchen dramatisch altern lässt? Ziemlich gut erforscht sind dagegen inzwischen "klassische" Jugendlichkeits-Erhalter wie die Bewegung. Sie hätten ein besseres Image verdient: Schließlich spürt der Mensch beim Laufen, Wandern, Schwimmen, Fahrrad fahren und Tanzen seine Vitalität direkt. Und er wird schlanker. Und ganz nebenbei wird dabei auch mehr Wachstumshormon ausgeschüttet.

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