Welt : Gigantischer Überflieger

In Toulouse wird der neue Airbus gebaut – ein erster Blick auf die Prototypen des Mega-Jets

Rainer W. During[Toulouse]

Neugierige Besucher sind jetzt ausgesperrt. Ein unsichtbarer Vorhang verhüllt Teile des Airbus-Werkes im südfranzösischen Toulouse. Kein Außenstehender soll erfahren, in welchem Gewand sich der künftige König der Lüfte bei seiner offiziellen Premiere am 18. Januar präsentieren wird. Der Tagesspiegel konnte einen letzten Blick auf die kurz vor ihrer Vollendung stehenden Prototypen des neuen Mega-Jets A380 werfen.

Das Endmontagegebäude hat gut die anderthalbfache Grundfläche der riesigen Cargolifter-Halle in Brandenburg. Gerade werden hier die aus ganz Europa herangekarrten Bauteile zur vierten Maschine zusammengefügt. Nebenan gehen die ersten drei Super-Jumbos ihrer Vollendung entgegen. Die Nummer 001 steht in der Mitte hinter Baugerüsten. Auf Arbeitsposition 30 wird hier der größte Verkehrs-Jet der Welt fit gemacht für seinen ersten Auftritt. Die Trent- Triebwerke von Rolls-Royce werden an die Tragflächen montiert, deren Spannweite fast 80 Meter beträgt. Danach rollt der noch grünhäutige A380 in die Lackiererei. Dann wird dieser Teil des Airbus-Werkes zum Sperrgebiet.

Bis zu 853 Passagiere kann der neue Airbus in zwei Kabinenetagen transportieren. Das sind 285 mehr, als der klassische Jumbo-Jet aufnehmen kann. Eine so enge Bestuhlung halten allerdings nur die eher kleinen Passagiere auf japanischen Inlandsstrecken aus. In der auf Langstrecken üblichen Drei-Klassen- Konfiguration wird der A380 „nur“ 555 Reisende transportieren (390 sind es bei der Lufthansa-Boeing 747-400). Dabei liegt der Spritverbrauch pro Fluggast bei drei Litern auf 100 Kilometer.

Weil an Bord viel Platz ist, wird es nicht nur breitere Sitze geben: Je nach Wunsch der Airlines können Bars, Lounges und sogar Duty-Free-Shops eingebaut werden. Beispiele zeigt Airbus in einem Kabinenmodell, das einen Eindruck der Ausmaße vermittelt.

Auch das Event selbst zur Vorstellung des Flugzeuges soll etwas Gigantisches werden: Für mehrere tausend Gäste wurden bereits die Hotelkapazitäten im Umkreis von 100 Kilometern reserviert. Die VIPs residieren in Paris und werden erst am Morgen eingeflogen. Der Roll-Out am 18. Januar 2005 gilt als Meilenstein der Zivilluftfahrt – wie der 30. September 1968. Vor 37 Jahren hatte Boeing im amerikanischen Seattle mit der 747 den klassischen Jumbo-Jet präsentiert und eine neue Dimension der Flugreisen eingeleitet.

Jetzt gibt es nicht nur einen erneuten Quantensprung. Auch der Schauplatz symbolisiert eine Wende. Mit dem A380 machen die europäischen Flugzeugbauer dem amerikanischen Konkurrenten endgültig die globale Führungsrolle strittig. Die Strategen des Branchengiganten waren aus anfänglich gemeinsamen Plänen mit Airbus ausgestiegen und hatten auch auf die Weiterentwicklung des eigenen Jumbos verzichtet. Sie setzen auf kleinere Maschinen. Was die Amerikaner jetzt zusätzlich wurmt, ist die Tatsache, dass die Europäer ihre Markterfolge ausgerechnet einem Amerikaner verdanken. Airbus-Chefverkäufer John Leahy verdiente sich seine ersten Sporen beim US-Kleinflugzeughersteller Piper. Jetzt macht er das einstige Boeing-Flaggschiff zum Auslaufmodell. Der Auftragsbestand für die 747 ist auf ein absolutes Tief von 36 Maschinen geschrumpft. Für den neuen A380 stehen bisher 139 Festbestellungen in den Airbus-Auftragsbüchern. Den endgültigen Nachfrageschub erwartet der Airbus-Mann, wenn im Frühjahr 2006 Singapore Airlines die ersten zahlenden Passagiere im neuen Megajet befördert. So war es auch damals, als die PanAm den ersten Jumbo flog.

Nach dem Roll-out geht die Arbeit weiter. Der Jungfernflug wird ein paar Wochen später nur vor kleinem Publikum erfolgen, weil sich der Termin kurzfristig entscheidet. Die ersten beiden Maschinen dienen dann – vollgepackt mit Testgeräten – ein Jahr lang der reinen Flugerprobung. Zwei weitere Flugzeuge erhalten eine komplette Kabinenausstattung. Mehrfach werden sie mit jeweils 555 Airbus-Mitarbeitern auf bis zu zwölfstündige Rundflüge gehen. Dabei müssen die Serviceeinrichtungen unter realen Bedingungen ihre Funktionstüchtigkeit beweisen.

Externe Bewerber haben keine Chance: Solange die Musterzulassung nicht erteilt ist, dürfen Betriebsfremde nicht mitfliegen. Weniger gefragt sein dürfte die Teilnahme an Sicherheitstests, mit denen nachzuweisen ist, dass die vollbesetzte Maschine binnen 90 Sekunden über die Notrutschen an den Türen evakuiert werden kann.

Auch für die Airports bedeutet der Mega-Jet eine neue Dimension – erst fünf von 19 potentiellen Zielflughäfen sind auf den fliegenden Giganten eingerichtet.

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