Glück : Frohe Botschaft

Glücklich ist, wer teilt und sich um andere kümmert – sagen Forscher aus Kalifornien

Adelheid Müller-Lissner

„Die Hölle, das sind die anderen.“ Der Satz, den Jean-Paul Sartre der männlichen Hauptfigur Garcin in seinem Stück „Huis clos“ in den Mund legt, wurde weltberühmt. Aber stimmt es, dass die Mitmenschen vorwiegend negativen Einfluss auf unser Leben nehmen? Dass es zu ihren hervorstechenden Eigenschaften gehört, uns mit Konkurrenzkampf und Neidgefühlen zu belasten?

Es könnte auch ganz anders sein. „Born to be Good“ heißt das Buch des Sozialpsychologen Dacher Keltner von der University of California in Berkeley, das im Januar in den USA erscheinen wird. Der renommierte Wissenschaftler beschäftigt sich seit Jahren mit der sozialen Funktion der menschlichen Gefühle. Der griffige Titel, den er für sein neues Buch gewählt hat, könnte durchaus geeignet sein, einen aktuellen Trend in der psychologischen Emotionsforschung zu beschreiben.

Dort wurde der Schwerpunkt lange Zeit eher auf die negativen Gefühle gelegt. Charles Darwin beschäftigte sich in seinem wenig bekannten Werk „Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren“ aus dem Jahr 1872 vor allem mit denjenigen Regungen, die der Anpassung des Menschen an Notsituationen dienen: Hass, Zorn, Verachtung, Niedergeschlagenheit. Er bestimmte damit für lange Zeit die Richtung der empirischen Emotionsforschung. „Darüber ist die positive Seite ein bisschen in Vergessenheit geraten“, bedauert der Emotionspsychologe Arvid Kappas von der Jacobs University in Bremen.

Dabei ist es nicht zuletzt die Aussicht auf die Belohnung durch gute Gefühle, die uns zum sozialen Handeln antreibt. Aus evolutionspsychologischer Sicht hat es also seinen guten Grund, dass wir zu freudigen Gefühlen fähig sind. „Wenn das Gegenstück zu den negativen Emotionen nur neutral wäre, wäre das ja nicht besonders motivierend“, sagt Kappas. Tatsächlich haben zahlreiche Studien der letzten Jahre gezeigt, wo die guten Gefühle warten. „Einbettung in soziale Bezüge macht glücklich“, resümiert Harald Euler, Psychologieprofessor an der Uni Kassel, die Forschungslage. Ob das auch für die gigantische Vernetzung gilt, die die Online-Kommunikation in Internet-Foren bietet, soll jetzt mit dem Forschungsprojekt CyberEmotions ermittelt werden, an dem sich die Jacobs University beteiligt. „Unsere Vorfahren verbrachten ihr ganzes Leben ja in kleinen, stabilen Gruppen“, sagt Kappas.

Besonders zufrieden leben einer brandneuen Studie aus dem kalifornischen San Diego zufolge Menschen, die Kontakt zu glücklichen Freunden haben. Das funktioniert sogar bei Freunden von Freunden. Und Glück ist dabei ansteckender als Unglück. Der Soziologe James Fowler, einer der Autoren der Studie, vermutet, dass zufriedene Menschen zugleich hilfsbereiter und großzügiger sind.

„Für Charles Darwin war der Altruismus noch ein unlösbares Problem. Er konnte sich nicht erklären, was ein Individuum veranlassen könnte, einem anderen einen Vorteil zu verschaffen. Hier sind wir inzwischen ein gutes Stück weitergekommen“, erzählt Euler. Aus evolutionsbiologischer Sicht kann man altruistisches Verhalten zunächst ganz simpel als Teil einer Strategie verstehen, mit der ein Individuum seine Gene besonders effektiv weitergeben möchte. Dafür könnte es reichen, nur den eigenen Verwandten gegenüber hilfsbereit und nett zu sein. Trotzdem zeigen Menschen auch gegenüber Mitmenschen, die nicht zur Familie gehören, den „reziproken Altruismus“, der dem Prinzip folgt: „Gib, damit Dir gegeben werde.“

Dass die Bereitschaft zum Teilen nicht immer mit der Spekulation auf eine Gegenleistung verbunden ist, zeigen Studien zum Fair Play: Psychologen haben dafür Versuchspersonen Spiele machen lassen, bei denen sie selbst entscheiden konnten, welchen Anteil einer Gewinnsumme sie ihren Mitspielern abgeben wollten. Die meisten gaben zwar nicht gleich die Hälfte, aber immerhin 35 bis 40 Prozent. Vor allem aber waren sie auch spendabel, wenn sie dabei anonym blieben.

In einer eigenen Studie hat Eulers Arbeitsgruppe kürzlich herausgefunden, dass Versuchspersonen anhand eines kurzen Filmausschnitts gut einschätzen konnten, ob eine unbekannte Person voraussichtlich fair spielen würde. Daraus könnte sich seiner Ansicht nach ein Gruppenselektionseffekt ergeben: Sozial eingestellte Menschen erkennen sich und haben die Tendenz, sich zueinander zu gesellen. „Aus evolutionspsychologischer Sicht könnte man also durchaus die Behauptung wagen: Es ist zweckmäßig, zuerst einmal freundlich zu sein.“

Andererseits könnte es aber auch Vorteile haben, wenn nicht alle Mitglieder der Gesellschaft aufgrund ihrer genetischen Ausstattung und ihrer Erziehung gleich liebenswürdig sind. „Die Überlebenswahrscheinlichkeit einer Gruppe hängt auch davon ab, ob sie aggressionsbereite Mitglieder hat.“ Und angesichts knapper Ressourcen kann zu viel Hilfsbereitschaft gegenüber Fremden das Überleben der eigenen Gruppe gefährden. Eine gewisse Gefahr stellen zudem die „Trittberettfahrer“ dar: Wenn in einer Gruppe die meisten Menschen sozial eingestellt sind, können Egoisten, mit denen keiner rechnet, das ausnutzen.

Dem sind wir jedoch nicht wehrlos ausgeliefert: Schließlich ist die menschliche Großhirnrinde besonders leistungsfähig, dazu steht noch uns ein ganzes Team fein aufeinander abgestimmter Hirnbotenstoffe zu Diensten. „Diese Anlagen deuten darauf hin, dass die erfolgreiche soziale Navigation viel Intelligenz erfordert“, folgert Euler. Anders als Sartres Dramenfiguren scheinen wir aber nicht dazu verdammt zu sein, uns gegenseitig das Leben zur Hölle zu machen.

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