Welt : Glückliche Trennung: Siamesische Zwillinge in Singapur wohlauf

Frank Brandmaier

In rund vier Tagen haben Mediziner in Singapur während einer der längsten Operationen der Geschichte ein an den Köpfen zusammenhängendes siamesisches Zwillingspaar getrennt. Nach dem fast 90-stündigen Eingriff bezeichneten die Ärzte den Zustand der beiden elf Monate alten Mädchen Ganga und Jamura als stabil. Allerdings seien die nächsten Tage sehr kritisch, sagte am Dienstag einer der Leiter des 20-köpfigen Medizinerteams, der Neurochirurg Keith Goh. Die Kinder aus Nepal benötigten weiterhin intensive medizinische Betreuung. Vor allem drohe nun die Gefahr von Infektionen. Der Arzt ist zuversichtlich, dass die Mädchen keine Sprach- oder andere Behinderungen behalten. Aber es sei unmöglich eine endgültige Prognose zu stellen, betonte Goh. Auch mit Blick auf die verformten Köpfe gaben sich die Spezialisten optimistisch. "Der menschliche Körper hat eine enorme Fähigkeit, sich selbst umzugestalten", sagte Neurochirurg Chumpon Chan. Im Zweifelsfall könne auch die plastische Chirurgie den Mädchen zu einem "sozial akzeptablen" Aussehen verhelfen.

Zum Thema Hintergrund: Trennung siamesischer Zwillinge immer enormes Risiko Nach Aussage der Ärzte hatte der Eingriff weit länger als die ursprünglich angesetzten 36 Stunden gedauert, weil sich die Trennung der Venen zwischen den Gehirnen der Mädchen als besonders kompliziert erwiesen hatte. "Wir haben nicht auf die Uhr geschaut", sagte Chan. "Es war klar, dass die Trennung eine ganze Weile dauern würde. Wir haben uns so viel Zeit genommen, wie nötig war." Nach der Operation verschlossen plastische Chirurgen die Schädel der beiden Mädchen, zuerst bei Jamura, danach bei Ganga, deren Fall sich als der schwierigere herausstellte. In der letzten Phase verpflanzten die Mediziner Hautteile von den Rücken und Schenkeln der Mädchen auf deren Köpfe. Zu den Ärzten gehören mehr als ein Dutzend Spezialisten, darunter Anästhesisten, plastische Chirurgen, Neurochirurgen und Neurologen. Sie arbeiteten im Schichtbetrieb in mehreren Teams und gestatten sich nur kurze Pausen.

Die Eltern, Sandhya Shrestha (24) und ihr Mann Bushan K.C. (25), waren nach der Operation überglücklich und brachen in Freundentränen aus. Sie hatten seit Beginn des hoch komplizierten Eingriffs am Freitag Tag und Nacht im General Hospital ausgeharrt und die Klinik nur zu Gebeten in einem nahen hinduistischen Tempel verlassen. Mitglieder der nepalesischen Gemeinde in Singapur versorgten die Eheleute und den Großvater der Zwillinge mit Essen, während sie im Krankenhaus um das Leben der Mädchen bangten. Ohne einen Pfennig war die Familie vor einem halben Jahr in den reichen Stadtstaat Singapur gekommen. Die Welle der Hilfsbereitschaft war enorm: Nach Veröffentlichungen in Zeitungen über das Schicksal der Familie spendeten Singapurs Bürger umgerechnet mehr als 800 000 Mark.

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