Glücksspiel : Casino Deutschland

30 Milliarden setzt die Glücksspielindustrie um. Viele profitieren, auch der Staat. Nur der Spieler verliert.

Anna Sauerbrey
311705_0_71e8736e.jpg
Die Bank gewinnt immer. Spieler wissen das, trotzdem können sie nicht davon lassen. -Foto: imago

Wegen der Sache mit den Briefmarken fing Pauls Vater an, sich zu wundern. Sein Sohn verdiente doch gut, warum wollte er ihm plötzlich Briefmarken verkaufen? Zu diesem Zeitpunkt war Paul schon viele Jahre lang glücksspielsüchtig, der lange, schwierige Weg zurück in so etwas wie Normalität lag noch vor ihm. „Ich bin sehr weit gegangen“, sagt er rückblickend, „am Ende stand der geistige und körperliche Bankrott.“

Paul, der eigentlich anders heißt, dem seine Anonymität aber sehr wichtig ist, ist einer von tausenden Glücksspielsüchtigen in Deutschland. Wie viele es genau sind, ist nicht bekannt. Erst seit 2001 wird Spielsucht als Krankheit anerkannt. Je nach Studie geht man von rund 100 000 bis 290 000 pathologischen Spielern aus, das Verhalten von 149 000 bis 340 000 weiteren wird als „problematisch“ eingestuft. Verglichen mit den rund 1,6 Millionen deutschen Alkholabhängigen ist das wenig. Auch gemessen an der großen Zahl der Deutschen, die regelmäßig an Glücksspielen teilnehmen, scheint das nicht viel, wie Lobbyverbände nicht müde werden zu betonen.

Doch der Leidensdruck der Süchtigen ist hoch, ebenso die Suizidrate, und effektiver Prävention stehen bedeutende wirtschaftliche Interessen entgegen. Der jüngste Wettskandal hat die Aufmerksamkeit auf das Geschäft mit manipulierten Fußballwetten gelenkt. Doch auch ganz legal wird mit Glücksspiel in Deutschland viel Geld verdient – von Spielbankbesitzern, von Automatenbetreibern und vom Staat. 30 Milliarden Euro Umsatz werden jedes Jahr mit Lotto, in Casinos und an Geldspielautomaten in Deutschland umgesetzt. Länder und Gemeinden zweigen davon jährlich rund vier Milliarden Euro an Steuern ab. Zwar gibt es in den meisten Kommunen Proteste, wenn neue Spielhallen öffnen. Dennoch sind von den 1642 Kommunen in Deutschland nur 279 spielhallenfrei, Tendenz sinkend.

Über den aktuellen Wettskandal kann Paul sich nicht ärgern. Nein, betrogen fühle er sich nicht. „Der Spieler verliert ohnehin immer“, sagt er, „und wenn er etwas gewinnt, setzt er es sofort wieder ein." Merkmal der Sucht sei es ja gerade, die Kontrolle zu verlieren. „Wenn man kein Geld mehr hat, treibt man es auf.“ Die Spieler werden kriminell, leihen sich Geld von Freunden und Verwandten oder nehmen Kredite auf, bis zum finanziellen und sozialen Ruin. „Ich wusste irgendwann gar nicht mehr, wen ich wirklich mochte und wen ich nur brauchte“, erinnert sich Paul. In seinem langen Leben als Spieler war er zeitweise mittellos, einmal verlor er seine Wohnung. Hinzu kommt das ständige Belügen des sozialen Umfelds. „Ehrlichkeit kennen Spieler nicht“, sagt Paul.

Schützen können sich Spieler, die ihre Sucht erkennen, durch Spielsperren. Wenn sie sich registrieren lassen, können sie in keinem deutschen Casino mehr spielen. Die Durchsetzung der Spielsperren hat Ende 2007 der Bundesgerichtshof gefördert. Spielbanken, die Spieler nicht kontrollieren, müssen Verluste gesperrter Spieler ersetzen, urteilten die Richter. Doch Spielsperren sind kein Allheilmittel. Rückfällige Spielsüchtige weichen nach Erfahrung von Ilona Füchtenschnieder zunehmend auf sogenannte gewerbliche Unterhaltungsspiele mit Geldgewinnmöglichkeit aus, Automaten also, die nicht als Glücksspiel gelten und in jeder Kneipe, Dönerbude und Spielhalle aufgestellt werden können. 220 000 sind es zurzeit, sagt die Vorsitzende des Fachverbandes Glücksspielsucht. Zwar betont der Verband der Automatenwirtschaft, dass Gewinn- und Verlustmöglichkeiten begrenzt sind. Doch das Suchtpotenzial der Automaten ist nach Ansicht von Experten hoch. „Das Absurde ist, dass man glücksspielsüchtig werden kann von etwas, das gar nicht als Glücksspiel gilt“, sagt Füchtenschnieder.

Auch Paul hat viel an Automaten gespielt, allerdings meist im Casino, mit höherem Einsatz. 800 oder 900 Euro waren schnell weg an einem Tag. Inzwischen ist er sechseinhalb Jahre spielfrei. Immer noch nimmt er wöchentlich an einer Selbsthilfegruppe der Anonymen Spieler teil. „Ich gehe hin, um mich selbst immer wieder daran zu erinnern, dass ich süchtig bin“, sagt er. Ohne Hilfe von anderen, meint Paul, sei es kaum möglich, spielfrei zu leben.

Doch die Hilfe für Glücksspielsüchtige ist relativ rar gesät. Der Fachverband Glücksspielsucht listet für Berlin nur drei Hilfsstellen auf. Eine davon ist Pauls Gruppe, zu der seit Jahren weniger als zehn Personen kommen. Dass das Hilfsangebot und die Nachfrage so gering ist, liegt auch daran, dass sich Spielsucht deutlich länger verheimlichen lässt als Drogen- oder Alkoholabhängigkeit. „Man sieht es ihnen eben nicht an“, sagt Lene Zielke. Die Diplomsozialpädagogin berät Süchtige in der Berliner Beratungsstelle „Café Beispiellos“ und forscht in einem Modellprojekt dazu, wie Spielsucht früher erkannt und behandelt werden kann.

Bis Paul sich Hilfe geholt hat, hat es lange gedauert, fast so lange, bis es zu spät war. Insgesamt hat Paul, der heute Ende dreißig ist, zwanzig Jahre lang gespielt. Schon als Teenager ließ er Fünf-Mark-Stücke „durch den Automaten laufen“, wie er sagt. Am Ende dachte er auch an Selbstmord, fand dann aber den Weg zum Gesundheitsamt. Dort empfahl man ihm eine Zwölf-Schritte-Klinik. Drei Monate war er mit anderen Süchtigen in stationärer Behandlung. Er zog aus der Stadt weg, in der er so viel gespielt hatte, wechselte den Beruf. Die Frage, ob es ihm heute, nach über sechs Jahren ohne Spielen, gut ginge, beantwortet er nur nach einigem Zögern. Der Spieldruck sei weg, sagt er schließlich. „Das empfinde ich als großes Geschenk. Jeden Tag lerne ich etwas mehr über mich und was ich eigentlich tun möchte.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben