Welt : Goethe, mi amor

40 000 Kubaner sprechen Deutsch. Auch Roberto Díaz rezitiert die Klassiker akzentfrei. Aber die Jungen haben dafür kein Verständnis

Jürgen Schäfer[Havanna]

Roberto Díaz war vierzehn, als er sich in die deutsche Literatur verliebte. Diese Liebe hat länger gehalten als jede andere in seinem Leben. Drei Mal wurde er geschieden, doch gerät er noch heute ins Schwärmen, wenn er sich an die spätere Fassung von Goethes Gedicht „Willkommen und Abschied“ erinnert: „Es schlug mein Herz, geschwind, zu Pferde! Es war getan fast eh gedacht.“ Roberto Díaz rezitiert akzentfrei.

Yaimara dagegen kann sich an kein Gedicht erinnern, und sie stolpert oft über die Fallstricke der deutschen Grammatik. Die junge Frau studiert seit fünf Jahren an der Fremdsprachenfakultät der Universität Havanna, doch jede brasilianische Seifenoper im Fernsehen begeistert sie mehr als die deutsche Literatur. Gerade liest sie Dürrenmatt, mit Mühe. Warum Dürrenmatt? Als ihr Professor ihr zwei Bücher hingehalten hatte, griff sie nach dem schmaleren Band.

Sowohl Yaimara, 22, als auch Roberto, 45, sind Kinder der kubanischen Revolution, stammen allerdings aus grundverschiedenen Generationen. Die beiden stehen beispielhaft für die Germanistik in Kuba – ihre Glorie und ihre Krise.

Roberto war drei Jahre alt, als Fidel Castros Rebellen am 1. Januar 1959 die kubanische Hauptstadt einnahmen, den Diktator Fulgencio Batista vertrieben und eine beispiellose Bildungskampagne starteten. Binnen dreier Jahre senkten sie die Analphabetenrate Kubas auf null. Schon 1961, Castro hatte das „Jahr der Bildung“ ausgerufen, richteten sie Sprachschulen im Land ein. In den kommenden vier Jahrzehnten entwickelte sich Kuba zu einer Hochburg der Germanistik. Heute sprechen vierzigtausend Kubaner aller Altersstufen Deutsch – das sind durchschnittlich mehr als in jedem anderen Land Lateinamerikas.

Roberto Díaz schreibt sich in den siebziger Jahren an der Universität Havanna ein, „um die Sprache zu lernen, in der diese wunderbare Literatur entstanden ist“. In seinem Dorf gilt Deutsch als „die Sprache der Hunde“. Die meisten denken bei Deutschland an Hitler und Befehle bellende Nazis. Roberto verteidigt sich: „Ich fragte immer: ‚Hast du ’Sissi’ mit Romy Schneider gesehen? Siehst du, so schön ist die deutsche Sprache.’“

Westdeutschland existiert für die Deutschstudenten im Kalten Krieg nicht, sie lesen Anna Seghers und Erwin Strittmatter. In den Achtzigern lebt Roberto Díaz zwei Jahre in Leipzig und empfindet neben der Kälte auch das Sächsische als harte Prüfung seiner Liebe. An den ostdeutschen Universitäten wimmelt es zu dieser Zeit vor Kubanern – Germanisten, aber auch Ingenieure und Physiker, Mediziner und Biologen, die im sozialistischen Bruderstaat studieren dürfen. Die meisten wurden in der Heimat in zehnmonatigen Intensivkursen mit der „Sprache der Hunde“ vertraut gemacht.

Wie viele andere kehrt Roberto Díaz als anderer Mensch zurück in die karibische Heimat: „Wir haben alle gelernt, ein wenig deutsch zu sein. Wir sind pünktlicher als andere Kubaner, nehmen unsere Arbeit ernster. Wir haben sogar deutsche Gesten und Handbewegungen übernommen.“ Seiner Tochter gibt er den Namen „Brigitte“, eine Ex-Kommilitonin tauft ihre Tochter „Mailied“, nach einem Gedicht Goethes. Mitunter, sagt Roberto Díaz, lebt er zwischen den Welten: „Manchmal bin ich weder Kubaner noch Deutscher.“

Ivan Muñoz, Professor an der Fremdsprachenfakultät der Universität Havanna, hat keine Probleme mit seiner Identität. Auch er lebte in der DDR, findet aber die Deutschen an sich noch schwerer zu verstehen als ihre Sprache. Er verzweifelt weniger an Ungetümen wie „Verkehrsknotenpunkt“ („Wozu braucht ihr solche Wörter?“) als am deutschen Wesen, an „den Präpotenten, jenen, die dir alles erklären, die dir alles zeigen. Die sich fühlen wie der Nabel der Welt.“ Der „entscheidende Unterschied“ zwischen Deutschen und Kubanern sei „die Toleranz“, hat Muñoz festgestellt: „Wir Kubaner tolerieren alles. In Deutschland dagegen musst du alles genau so machen, wie die Deutschen es machen.“

Muñoz betont, dass er enge Freunde in Deutschland hat. Sein Zorn resultiert weniger aus den Begegnungen in Berlin und Leipzig, als aus der Zeit nach dem Zusammenbruch der DDR, der ihm Westkontakte verschafft hat, auf die er verzichten könnte. „Die Germanistik in Kuba ist ein Produkt der kubanischen Revolution, und das mögen viele in Deutschland heute nicht mehr hören“, sagt Ivan Muñoz. Er leitet die „Cátedra Humboldt“ in Havanna – eine Oase der Germanophilen im Univiertel, das die wichtigste deutsche Bibliothek des Landes beherbergt. Die Mitglieder arbeiten allesamt ehrenamtlich, geben in ihrer Freizeit Sprachunterricht.

Tatsächlich stürzte der Fall der Mauer die kubanische Germanistik in eine tiefe Krise. „Früher hatten wir hunderte Studenten in Deutschland, heute gibt es praktisch keine Kontakte.“ Nur die Humboldt-Universität Berlin lädt tapfer jedes Jahr zwei Kubaner nach Deutschland ein. Dazu kam der wirtschaftliche Zusammenbruch Kubas nach 1989. Schon 1990 stornierten die einstigen Bruderstaaten den Handel mit Kuba. 1993 legalisierte die Regierung in Havanna den US-Dollar als Zweitwährung auf der Insel, seitdem ist nichts mehr wie zuvor.

Deswegen kann Yaimara nichts mit Goethe anfangen, wohl aber mit der deutschen Sprache. „Englisch spricht halb Kuba“, sagt sie, „aber Deutsch nur wenige. Also habe ich mit Deutsch bessere Chancen, eine Arbeit als Fremdenführer zu bekommen.“ Zwar findet sie die Aussicht wenig prickelnd, bleichen Ausländern Sehenswürdigkeiten vorzuführen, immerfort lächelnd für das Trinkgeld, die beste legale Dollarquelle im heutigen Kuba. Doch Alternativen sind rar. Uni-Dozenten verdienen höchstens zehn Dollar im Monat. Für einen Zwanzigjährigen ist der Verdienst, der für seine Lehrer vor fünfzehn Jahren noch eine solide Lebensgrundlage bildete, keine Perspektive mehr.

Die Germanistik in Kuba heute so weit entwickelt wie nie und trotzdem in der Krise. Das Studium dauert inzwischen sechs Jahre, adaptiert moderne Lehrmethoden, die Fremdsprachenfakultät verfügt über ein computergesteuertes Sprachlabor. Während die Studenten der Russisch-Fakultät noch Jurij Gagarin, den ersten Mann im Weltall, feiern, lernen die Deutschstudenten schon wieder die alte Rechtschreibung mit Langenscheidt-Lehrbüchern aus dem Jahr 1997.

Aber wozu? Das fragte ein Professor Mitte der neunziger Jahre, als halb Havanna Hunger litt, seine Studenten. Warum Deutsch? „Warum wohl“, gab eine Studentin zurück. „Um mir einen Deutschen zu angeln, der mich mit in sein Land nimmt. Nach Deutschland.“

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