Welt : Goldbergvariationen im Schloss

Die „Havelländischen Musikfestspiele“ bieten Klassik an feinen Orten. Die Idee dazu hatte der Pianist Frank Wasser – und er fand viele Unterstützer.

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Aufbauhelfer: der Pianist Frank Wasser
Aufbauhelfer: der Pianist Frank Wasser

Beim Stichwort „Havelland“ denkt man natürlich zuerst an Theodor Fontane und seinen Herrn von Ribbeck auf Ribbeck. Das Gedicht über den edlen Birnenspender ist zweifellos ein Klassiker – klassische Musik dagegen kommt einem kaum in denn Sinn, wenn es um das westlich von Berlin gelegene Umland geht. Dabei leistet der Pianist Frank Wasser hier seit Jahren unermüdlich Aufbauarbeit in Sachen Bach, Beethoven und Co. Zum zwölften Mal bereits bespielt er mittlerweile mit seinen „Havelländischen Musikfestspielen“ die Adelssitze, Gutshäuser und auch Hotels der Region. Im Februar startete die Saison auf Schloss Klessen, bis zum 15. Dezember finden insgesamt 30 Kammermusiknachmittage an 16 verschiedenen Orten statt.

Die Konzertsäle sind intim, bieten meist nur um die 100 Plätze, die Preise sind mit durchschnittlich 20 Euro moderat, die Interpreten hingegen international. „Wir wollen unser Publikum zurückversetzen ins frühe 19. Jahrhundert, als man zur Hausmusik im heimischen Salon zusammenkam“, formuliert der Pianist ein Credo.

Frank Wasser ist gut vernetzt, hat Künstlerfreunde in aller Welt und hält stet die Ohren offen, wenn er irgendwo bei einem Festival auftritt – in der Hoffnung, dort einer interessanten Kollegin oder einem interessanten Kollegen zu begegnen, die oder den er für sein Herzensprojekt verpflichten kann. Er ist schließlich nicht nur vom Fach, sondern auch ein überzeugter Havelländer, wenn auch ein zugezogener.

Gleich nach dem Fall der Mauer machte er sich auf die Suche nach einem Domizil in Brandenburg. Weil er wie alle Profimusiker die Ruhe schätzt. In seiner Freizeit braucht er Natur, gute Luft und die Weite des Blicks, um zu sich zu kommen. Einen Vierseithof mit großem Garten am See hat er für sich und seine Familie renoviert, dort kann er auch zu jeder Tages- und Nachtzeit die Tasten traktieren, ohne einen Nachbarn zu stören.

Frank Wasser wurde in Trier geboren, und früh von seinem Vater, einem Jazzpianisten, in die Geheimnisse der Musik eingeführt. Zum Studium an der damaligen Hochschule der Künste kam er nach West-Berlin und blieb hier hängen, unterrichtete viel, startete seine Solistenkarriere, die ihn bis heute vor allem in die Länder rund ums Mittelmeer führt.

Schon bald nach seinem Umzug ins Brandenburgische wurde er von Ortsansässigen Ort gebeten, doch auch mal auf dem Lande Konzerte zu organisieren. Mit den „Musikherbsttagen“ in Nauen fing es Mitte der neunziger Jahre an, dann kamen weitere Konzertreihen im Havelland dazu, bis die diversen Aktivitäten schließlich im Jahr 2000 unter der Dachmarke des heutigen Festivals zusammengebunden wurden. „Dabei stand Kulturmanagement wirklich nicht auf meinem Lebensplan“, wie er offen zugibt. Aber einer musste sich ja darum kümmern, Kultur aufs Land zu bringen. Unterstützung erfährt der umtriebige Pianist dabei vor allem durch die auf Kulturtourismus erpichten Landkreise, aber auch aus der Landeshauptstadt Potsdam sowie durch Sponsoren. Dennoch ist es jedes Mal wieder eine gewagte finanzielle Jonglage.

Dass es auch Widerstand gegen Kulturinitiativen gibt, verschweigt Frank Wasser nicht. Nicht jeder Brandenburger versteht, dass die Konzerte auch für ihn gemacht werden – und nicht nur für die Berliner, die sich ihren Wochenendausflug mit Klavier- oder Geigenklang versüßen wollen. „Unser Ziel ist es, auch die lokalen Handwerker und Landwirte als Gäste begrüßen zu können", betont Frank Wasser. Immerhin gibt es keine Probleme mehr mit Gaststättenbesitzern, die früher sofort ihre Tür abschlossen, wenn sie gebeten wurden, doch für die Gäste eines Konzerte in der Kirche nebenan ausnahmsweise mal länger zu öffnen. „Mitte der Neunziger habe ich das selber erlebt, mittlerweile hat sich zum Glück der Servicegedanke durchgesetzt.“

Das Büro der „Havelländischen Musikfestspiele“ befindet sich auf Schloss Ribbeck, im zweiten Stock des frisch renovierten Gebäudes, ganz oben unterm Dach. Eine Etage darunter liegt der Musiksaal des Hauses, in dem am 15. April der italienische Pianist Giovanni Cultrera Werke von Chopin, Liszt und Tschaikowsky spielen wird. Alle Konzerte finden am Wochenende statt, und zwar am Nachmittag, damit sie möglichst auch jenen zugänglich sind, die kein Auto haben. „In diesem Jahr haben wir mit dem Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg ein Pilotprojekt gestartet“, erklärt Thomas Funck. Der studierte Volkswirt ist im kleinen Team der „Havelländischen Musikfestspielen“ fürs Organisatorische zuständig: „Für das Konzert von Herrn Cultrera beispielsweise werden extra Shuttlebusse vom Bahnhof Nauen zum Schloss Ribbeck und zurück zur Verfügung gestellt.“

Relativ leicht mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen ist auch das Örtchen Paretz 15 Kilometer westlich von Potsdam, das Friedrich Wilhelm III. vor gut 200 Jahren von seinem Hofarchitekten Gilly zum Musterdorf mit „königlichem Landhaus“ umgestalten ließ. Heute heißt die herrschaftliche Sommerfrische Schloss Paretz und ist als Museum zu besichtigen, aus der ehemaligen Gutsscheune ist ein akustisch hervorragender Veranstaltungsort geworden. Wenn hier am 2. Juni unter der beeindruckenden Deckenbalkenkonstruktion die „Junge Philharmonie Brandenburg“ Platz nimmt, erhofft sich Frank Wasser ein Highlight seines diesjährigen Programms. Die Musiker im Alter zwischen 13 und 25 Jahren werden unter der Leitung des Nachwuchsdirigenten Aurélien Bella große Solistenkonzerte des Barock spielen.

Denn natürlich machen auch die „Havelländischen Musikfestspiele“ mit beim großen Friedrich-Jubiläum. Sechs Konzerte sind dem legendären Flötenkönig und der Musik seiner Zeit gewidmet. Am 30. September heißt es beispielsweise: „Wasser spielt Bach“: Auf Schloss Klessen wird der Pianist die „Goldbergvariationen“ interpretieren. Im Oktober begleitet er dann den Querflötisten Claudio Ferrarini auf Schloss Reckahn, im November schließlich geht es bei einer Soiree um das „Musikalische Opfer“ Bachs, zu dem der König höchstselbst dem Komponisten allergnädigst das Hauptthema vorgegeben hatte. „Künste und Wissenschaften gehen Hand in Hand, wir verdanken ihnen alles“, hat der große Friedrich gesagt, „sie sind die Wohltäter des Menschengeschlechts.“ Gut gesprochen, Majestät: Nach dieser Façon kann man wohl selig werden.

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