Welt : Golden glänzt das Tageslicht

In einer dramatischen Aktion wurden in Südafrika 3200 Minenarbeiter gerettet

Helmut Schneider[Kapstadt]

Es sind verschwitzte, aber erleichterte und lachende Gesichter, die alle halbe Stunde aus der Tiefe auftauchen. Das Erste, was die aus über zwei Kilometer Tiefe heraufgeholten Kumpel der südafrikanischen Unglücksmine Elandsrand dann hören, ist Beifall. Denn vor dem Versorgungsschacht, über den sie in Gruppen von 75 Bergleuten hochgeholt werden, haben sich Familienangehörige und andere Kollegen versammelt.

Von Stunde zu Stunde wird die Erleichterung größer. Und dann ist es soweit: Kurz vor 21 Uhr werden die letzten der insgesamt 3200 eingeschlossenen Bergarbeiter aus der Goldmine ans Tageslicht gebracht. Seit 35 Stunden waren sie unter Tage eingeschlossen. Nun sind sie alle unversehrt gerettet. „Ich bin müde“, sagt Mbuyi Mqadi, eine 29-jährige Bergarbeiterin, nachdem sie sich aus der Umarmung ihres Mannes vor dem Förderkorb gelöst hat. „Es waren eine lange Nacht und ein langer Tag.“

Ihr erster Wunsch: nun ihre beiden Kinder zu sehen. Auch Sethiri Thibile ist erleichtert. Er gehörte zu den Ersten, die gerettet wurden. „Wir waren alle hungrig, und viele hatten Angst“, schildert er die Situation der unter Tage Eingeschlossenen. Am Mittwochmorgen war im Förderschacht mit dem Hauptfahrstuhl eine Druckluftleitung gerissen und hatte im Herabfallen dann das Elektrokabel zerstört, das den Förderkorbbetrieb versorgt. Doch das blieb über Stunden unbemerkt. Erst als die Tagesschicht am Nachmittag ausfahren wollte, wurde das Unglück bemerkt. Damit waren 3200 Minenarbeiter in 2200 Meter Tiefe eingeschlossen. Die Minenleitung musste daraufhin den Versorgungsschacht nutzen. Der kleine Fahrstuhl dort aber ist langsam und braucht etwa eine Viertelstunde für den Weg nach oben. Zudem ist seine Kapazität viel geringer. Deshalb dauerte es so lang, bis die Kumpel über Tage gebracht werden konnten.

Mit den ersten Transporten waren Rettungsmannschaften und Sanitäter eingefahren worden. „Wir brachten Wasser und beruhigten die Kollegen“, schildert einer von ihnen ihre Aufgabe. „Aber warten dort unten in bis zu 40 Grad Hitze nach einer Achtstundenschicht ist frustrierend.“ Und dann ging es eben auch nur in kleinen Schüben und allmählich aufwärts.

Lizelle du Toit, Sprecherin des Goldunternehmens Harmony, zu der die Mine Elandsrand, 80 Kilometer westlich von Johannesburg, gehört, weist die Anschuldigung der Gewerkschaft, die sich über Nachlässigkeiten und unzureichende Sicherheitsbedingungen beklagt, zurück. „Das ist unwahr“, sagt sie. „Die letzte Schachtinspektion war vorigen Samstag, so wie jede Woche.“ Das Bersten des Druckluftschlauches sei ein Unglück, wie es trotz Wartung eben passieren könne. Nachdem jetzt die meisten Bergleute in Sicherheit sind, beginne eine Untersuchung des Vorfalls. Erst anschließend und nach der Reparatur wird der Förderbetrieb wiederaufgenommen.

Für Harmony dürfte dies recht kostspielig werden. Denn Elandsrand ist mit einer Jahresförderung von 450 000 Unzen die ertragreichste Mine des Unternehmens. Und da Harmony schon seit beträchtlicher Zeit wegen hoher Kosten rote Zahlen schreibt, wird die Bilanz zusätzlich belastet.

Alle sind froh, dass das jetzige Unglück glimpflich verlaufen ist. Denn jedes Jahr kommen bei Bergwerksunglücken in Südafrika etwa 200 Kumpel ums Leben. In den Goldgruben wird bis etwa 3000 Meter unter Tage gefördert. Steinschläge durch Erdbeben und Felsausgleichsbewegungen sind in dieser beispiellosen Tiefe normal – und fordern trotz Umsicht immer wieder Menschenleben.

Deshalb erklärte auch Bergbauministerin Buyelwa Sonjica, die nach Bekanntwerden des Unglücks zur Mine Elandsrand fuhr, dass Sicherheitsvorschriften verschärft werden sollen. Patrice Motsepe, Vorsitzender von Harmony, sprach von einem „Weckruf“. Größere Anstrengungen seien nötig. „Die Sicherheit in unserem Unternehmen und der Industrie insgesamt lassen viel zu wünschen übrig.“ Harmony ist gegenwärtig dabei, die Mine Elandsrand bis 2010 auf 3200 Meter Tiefe auszubauen, um so die Lebenszeit der Grube zu verlängern.

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