Welt : Goldener Lohn für eine sechsjährige Suche

HANS DAHNE (dpa)

Vor 75 Jahren wurde Tutenchamuns Grab entdeckt / Noch sind viele Fragen nicht beantwortet VON HANS DAHNE (dpa) KAIRO/LUXOR."Als sich meine Augen an das Licht gewöhnt hatten, erkannte ich im dämmrigen Inneren der Kammer allmählich Einzelheiten; seltsame Tiere, Statuen und Gold - überall glänzendes Gold." Sechs Jahre hatte der englische Archäologe Howard Carter verbissen, aber vergeblich im "Tal der Könige" von Luxor nach dem Grab von Tutenchamun gesucht.Der Geldgeber, Lord Carnarvon, der nach heutigem Wert rund eine Million Mark in die Grabung investierte, gab Carter damals eine letzte Chance. Am 1.November 1922 startete die Mission im "Wadi el Muluk", wo drei Dynastien mehr als 400 Jahre lang ihre Pharaonen bestatteten.Als der 48jährige Carter am Morgen des 4.November zur Grabungsstelle kam, empfing ihn Totenstille.Seine Arbeiter hatten im Geröll unterhalb des Grabes von Ramses VI.eine Stufe freigelegt.15 weitere Stufen führten vier Meter in die Tiefe.Lord Carnarvon reiste sofort nach Luxor.Am 26.November, um vier Uhr nachmittags, öffnete Carter das Grab.Die archäologische Jahrhundertsensation war perfekt: Carter hatte das erste und bislang einzige ungeplünderte Pharaonen-Grab mit weit über 5000 wertvollen Grabbeigaben gefunden. "Das war natürlich ein Wunder, daß das Grab über 3300 Jahre versteckt war und die Grabräuber es übersehen haben", sagt der Direktor des Ägyptischen Museums in Kairo, Mohammed Salih."Es war ein Glück, daß Ramses V.180 Jahre später sein Grab aushauen ließ und der Schutthaufen auf dem Grab von Tutenchamun landete." In dem Stollen wurde später nicht Ramses V., sondern Ramses VI.bestattet. Über Tutenchamun ist relativ wenig bekannt."Sein Vater war möglicherweise Echnaton.Seine Mutter hieß mit Sicherheit Kia und war eine Haremsdame", sagt Salih."Mit neun Jahren wurde er Pharao, und neun Jahre hat er regiert (1336-1327 v.Chr.)." Erste Informationen über Tut habe es erst nach der Graböffnung gegeben.Der Name sei nie zuvor in Königslisten oder Tempeldarstellungen erwähnt worden. Vor allem um den Tod Tutenchamuns ranken sich Rätsel.Starb er eines natürlichen Todes, oder wurde er ermordet? Die Mörderthese tauchte erstmals vor 28 Jahren auf, als die Mumie geröntgt und ein möglicher Schlag auf den Hinterkopf diagnostiziert wurde.Salih glaubt nicht an die Verschwörungstheorie."Er hat wahrscheinlich einen Tumor gehabt.Deshalb weist der Schädel eine große Höhlung auf." Auch nach 75 Jahren halten sich Gerüchte, daß Carter und Carnarvon Teile des Schatzes behalten haben; Beweise für diese These gibt es aber nicht.Museumsdirektor Salih bezweifelt den Diebstahl der Engländer. Eine weitere Sensation wie die von 1922 ist für die Zukunft nicht auszuschließen."Wir sind nicht sicher, ob im Tal der Könige schon alles entdeckt wurde", sagt der Inspektor Mohammed el Bialy."Wir wissen nicht, wo Ramses VIII.(1128-1125 v.Chr.) ist, und wir sind nicht sicher, welches Grab zu Amenophis I.(1526-1506 v.Chr.) gehört.Außerdem ist die Frage unbeantwortet, wo denn die vielen Königinnen abgeblieben sind."

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