Golf von Mexiko : BP zementiert Bohrloch

Ein Ende der Ölpest im Golf von Mexiko ist in Sicht. 107 Tage hat BP gebraucht, um das defekte Bohrloch zu verschließen. Was wird von dem Unglück bleiben?

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20. April 2010: Die 80 Kilometer vor der Küste des US-Bundesstaats Louisiana gelegene Förderplattform "Deepwater Horizon" explodiert, elf Arbeiter sterben. Foto: dpaWeitere Bilder anzeigen
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19.04.2011 13:0120. April 2010: Die 80 Kilometer vor der Küste des US-Bundesstaats Louisiana gelegene Förderplattform "Deepwater Horizon"...

BP hat am Donnerstag nach eigenen Angaben das lecke Ölbohrloch im Golf von Mexiko dauerhaft mit Zement versiegelt. Doch die dreieinhalb Monate seit der Explosion der Plattform „Deepwater Horizon“ haben Zerstörungen hinterlassen, Nerven gekostet, Misstrauen gesäht. Man spürt es an der Tonlage, in der Präsident Obamas Krisenmanager für diese Ölpest, Admiral Thad Allen, über den Erfolg spricht, auf den Amerika so lange warten musste. Der „Static Kill“ sei gelungen, aber BP dürfe das nicht als Vorwand nehmen, die zweite Sicherheitsmaßnahme, die er angeordnet habe, zu verzögern: den „Bottom Kill“. Das Vertrauen zwischen dem Ölkonzern und der Regierung ist aufgebraucht.

Mit „Bottom Kill“ wird im Prinzip die gleiche Prozedur noch einmal wiederholt, nur viel weiter unten im Bohrschacht, mehrere hundert Meter unter dem Meeresboden. BP musste auf Anordnung Allens zwei parallele Entlastungsbohrungen in die Tiefe vorantreiben, um das Bohrloch im Macondo-Ölfeld sicherheitshalber ein zweites Mal zu verstopfen. Das ist kostspielig, jedes dieser Bohrlöcher kostet pro Tag eine Million Dollar. In den nächsten Tagen wird am Fuß des Bohrlochs schwerer Bohrschlamm eingeleitet, der Öl und Gas zurückpresst. Dann wird auch diese Stelle mit Zement versiegelt.

War’s das? Die Küstenanwohner, die von Fischfang und Tourismus, vor allem aber von der Ölförderung leben, haben auf diesen Moment gewartet – und ihn zugleich gefürchtet. Wenn das Bohrloch endgültig verschlossen sei, wenn kein Öl mehr austrete, dann werde die Nation ihre Aufmerksamkeit wieder anderen Dingen zuwenden, dann ziehen die Medien ab und bald werde auch die Hilfe der Washingtoner Regierung versiegen. Und, wer weiß, vielleicht versucht BP, sich den zugesagten Entschädigungszahlungen zu entziehen. Die Küste aber wird noch lange unter den Folgen der Ölpest leiden. Erst in ein, zwei Jahren wird man ermessen können, wie sehr der Fischbestand geschädigt wurde, ob das Marschland weiter so reichhaltig Krabben produziert wie zuvor und ob die Touristen zurückkommen.

Grafik: Tsp
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Mit Misstrauen begegnen die Ortsansässigen den Berichten der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) über die Folgen für das Meer, die Tiere und die Küsten. Die NOAA ist eine unabhängige Behörde mit gutem Ruf. Doch wenn sie jetzt eine Bilanz vorlegt, die von den düsteren Katastrophenszenarien auf dem Höhepunkt der Ölpest abweicht, dann argwöhnen viele, sie verbreite Beruhigungspropaganda im Auftrag der Regierung. Die großen Ölteppiche auf der Meeresoberfläche waren schon vor einer Woche verschwunden – nur 14 Tage, nachdem es BP gelungen war, den Ausfluss von Rohöl zu stoppen.

Anfangs überraschte es die Meeresbiologen, wie rasch sich die Natur selbst hilft. Aber sie können es glaubwürdig erklären. Man hat nicht viel Erfahrungen mit Ölkatastrophen dieser Größenordnung. Jede neue ist ein Lernprozess, auch für die Wissenschaft. Als Vergleichsmaßstab war anfangs das Tankerunglück der „Exxon Valdez“ vor Alaska 1989 herangezogen worden. Die Ölpest im Golf von Mexiko ist einerseits um ein Vielfaches schlimmer. 4,9 Millionen Barrel (779 Millionen Liter) Rohöl sind nach jüngsten Schätzungen ins Meer geflossen. Damit ist dies nicht nur die schlimmste Umweltkatastrophe in der Geschichte der USA, sondern weltweit, jedenfalls seit man so etwas messen kann.

Andererseits hat die Entwicklung gezeigt, dass eine Ölpest auf offenem Meer ganz anders verläuft als direkt vor der Küste. Zudem ist das Öl aus dem Macondo-Feld viel leichter, also auch leichter abbaubar als das Öl, das die „Exxon Valdez“ geladen hatte. Die warmen Temperaturen im Vergleich zum kalten Alaska und die Bakterien, die sich in diesem wärmeren Klima entwickeln, haben den Prozess beschleunigt. Auch die Sommerstürme im Golf waren eine Hilfe, weil sie das Öl mit dem Meerwasser verwirbelten und seine Konzentration verringerten. Große Mengen dieses leichten Öls sind schlicht verdunstet – für Laien klingt das sonderbar. Wissenschaftler aber bestätigen dies.

Ungewiss ist noch, welche Folgen die chemischen Lösungsmittel haben, die in mehreren Millionen Litern auf die Meeresoberfläche gekippt wurden, um das Öl zu zersetzen und die Überreste im Meer versinken zu lassen. Als der Ölteppich sich ausbreitete, galt es als Konsens, dass diese Option das kleinere Übel sei. Jetzt fürchten die Kritiker, dass in tieferen Meeresschichten noch große Ölblasen hängen können, die man bei den Überwachungsflügen nicht sehe. Und besonders hartnäckige Gegner des Präsidenten Barack Obama – an der Küste sind die Menschen und die Gouverneure überwiegend Republikaner – behaupten jetzt gar, der Einsatz der Chemikalien sei eine ganz gemeine Strategie der Bundesregierung gewesen. Das Öl sei aus den Augen, aus dem Sinn, und die Küste werde mit den Langzeitfolgen allein gelassen.

Die Bilanz an toten Tieren ist wesentlich glimpflicher als 1989 in Alaska. Dort starben zwischen 250 000 und 450 000 Tiere. Am Golf wurden bisher 3455 Vögel, 504 Schildkröten und 64 Meeressäuger tot aufgefunden, aber nur ein Teil von ihnen wies Ölspuren auf.

Ökonomisch hat der Tourismus durch ausgebliebene Feriengäste je nach Schätzung 7,6 bis 22,7 Milliarden Dollar eingebüßt, die Ölindustrie durch die verminderte Förderung 2,1 Milliarden Dollar und die übrige lokale Wirtschaft 1,2 Milliarden Dollar. In allen Bereichen zusammen gingen 25 000 Jobs verloren.

Nach einer Umfrage unter Bewohnern der Golfküste fürchtet ein Viertel der Befragten, wegziehen zu müssen, weil sie keine Arbeit finden oder aus Rücksicht auf die Gesundheit der Kinder, die über Hautausschlag und Atembeschwerden klagen. Die politischen Folgen klingen paradox: Das Ansehen Obamas ist in Folge der Ölpest gesunken auf jetzt nur noch 45 Prozent Zustimmung. Er wünscht zwar die Energiewende weg vom Öl. Aber für die Folgen einer Katastrophe machen Amerikaner traditionell den Präsidenten verantwortlich. Sein Krisenmanagement wird nicht viel besser eingeschätzt als das seines Vorgängers Bush während Hurrikan „Katrina“. Die republikanischen Gouverneur an der Küste haben an Ansehen gewonnen. Sie sind zwar Anhänger der Ölindustrie, schreiben die Schäden für die Region aber der Bundesregierung unter Obama zu.

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