Golf von Mexiko : Nur ein paar Angler jubeln

Leben mit den Folgen der Ölpest am Golf von Mexiko: Das Leck ist geschlossen, die Ratlosigkeit bleibt.

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Friedhof der verloren gegangenen Dinge. Der Strand, die Fische, Sandburgen - alles weg.
Friedhof der verloren gegangenen Dinge. Der Strand, die Fische, Sandburgen - alles weg.Foto: Christoph von Marschall

Joe Junot hebt mit einer Grillzange handtellergroße Krabben aus dem Kühlcontainer in einen großen hohen Aluminiumtopf, unter dem ein Campinggasbrenner zischt. „Morgen wird gepult, dann gibt’s Krabbenfleisch“, sagt seine Frau Monica vergnügt und öffnet stolz das Eisfach im Innern des neun Meter langen Wohnwagens. Es ist voller Gefrierbeutel mit der Seafood-Spezialität. „Heute haben wir 116 Krabben in nur zwei Stunden eingesammelt.“ Dann führt sie das Fanggerät vor: eine lange Schnur, in die alle 30 Zentimeter Nägel eingebunden sind. „Truthahnhals ist der beste Köder. Hühnerhals geht auch.“ Die Schnur wird am Strand zwischen zwei Holzpflöcke gespannt; später wird geerntet.

Am Campingtisch gegenüber schneiden Jill und Ted Wagner Zwiebeln. „Zur Abwechslung gibt’s Jambalaya“ – ein kreolischer Eintopf mit Geflügel, Wurst und Reis. „Selbst Krabben können einem zu viel werden, wenn man sie jeden Tag im Überfluss hat.“ Die Wagners und die Junots machen seit Jahren gemeinsam Urlaub auf Grand Isle, einer langgestreckten Insel an der Südspitze Louisianas. „Bereits als Wickelkind“ sei sie mit ihrer Familie hierhergekommen, sagt Monica. „Ich war 1959 zum ersten Mal hier“, echot Ted. „Mein Großvater kam seit 1948.“

2010 hatten sie für Juni gebucht. Dann kam die Ölpest. Sie stornierten. Mitte Juli folgte die Meldung, es fließe kein Öl mehr aus dem Bohrloch. Sie beschlossen, es im August doch noch zu versuchen. „Ist sogar der bessere Monat, weil die Krabben jetzt zum Eierlegen an den Strand kommen“, sagt Jill. Den Campingplatz mitten im Landschaftspark haben sie fast allein für sich.

„Die Strände sind alle geschlossen“, hatten die Parkwächter am Zahlhäuschen an der Einfahrt gewarnt. Baden könne man nur am anderen Ende der Insel. In dieser Gegend sei vor einigen Wochen Öl angelandet. Von einer Aussichtsplattform über der Düne kann man die menschenleere Küstenlinie einsehen. Ein roter Maschendraht aus Kunststoff versperrt die Zugänge. Vereinzelt wurden große Sandhaufen zusammen geschoben. Sie warten auf den Abtransport, um gereinigt oder deponiert zu werden.

Im Mississippidelta rund hundert Kilometer südlich von New Orleans sind viele Menschen verunsichert, wie es weitergehen soll. Seit dem 15. Juli ist das Leck, das die Explosion der Bohrinsel „Deepwater Horizon“ am 20. April gerissen hatte, von oben verschlossen. Der oberste Krisenmanager für die Ölpest, Küstenwachenadmiral Thad Allen, muss noch verkünden, ob er sicherheitshalber auf einer zweiten Versiegelung des Bohrschachts mehrere hundert Meter unter dem Meeresboden durch BP besteht. Die Entscheidung hat sich wiederholt verzögert und soll nun erst im September fallen. Allen will die Ergebnisse einer Serie von Drucktests abwarten. Zunächst wird nur der Blow-out Preventer ausgetauscht, dessen Mechanik teilweise versagt hatte.

Zur Verunsicherung tragen die Studien der Wissenschaftler bei. Sie widersprechen einander. Drei Monate lang waren jeden Tag mehrere Millionen Liter Rohöl ins Meer geflossen – insgesamt 780 Millionen Liter, lautete die höchste Schätzung Ende Juli. Doch parallel sichtete die Küstenwache bei Überwachungsflügen immer weniger Öllachen. Auf Satellitenbildern aus der Zeit zwischen Mitte Juni und Ende Juli ließ sich verfolgen, wie der Ölteppich, der zeitweise den Großteil der Gewässer vor der Südküste der Staaten Louisiana, Mississippi und Alabama bedeckt hatte, schrumpfte, bis nur noch vereinzelte graue Fleckchen übrig waren.

Die Experten der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) gaben Erklärungen für das erstaunliche Phänomen, dass die Ölpest im Golf von Mexiko so viel schneller von der Bildfläche verschwand als die Ölpest nach der Havarie des Tankers „Exxon Valdez“ vor der Küste Alaskas 1989; dabei war das Ausmaß der Verseuchung im Golf ungleich größer. Das Öl im Süden sei leichter, also auch leichter abbaubar als das aus Alaska. Die wärmeren Wassertemperaturen und die Bakterien, die sich darin entwickeln, haben den Prozess beschleunigt. Auch die Sommerstürme im Golf waren eine Hilfe, weil sie das Öl mit dem Meerwasser verwirbelten und seine Konzentration verringerten. Große Mengen dieses leichten Öls seien schlicht verdunstet. Insgesamt seien drei Viertel des ausgelaufenen Öls durch Abfackeln, chemische Lösungsmittel und den natürlichen Abbau aus dem Wasser eliminiert worden, lautete der Schluss.

Nun widersprechen andere Forscher im Wissenschaftsmagazin „Science“. Weniger als die Hälfte des Öls sei abgebaut. Der andere Teil bilde weiter eine große Gefahr. Es gebe große Ölwolken in tieferen Wasserschichten, die aus der Luft nicht zu sehen sind. Eine davon sei 36 Kilometer lang und habe einen Durchmesser von gut 200 Metern; das entspreche den Ausmaßen Manhattans. Allerdings stammen diese Daten von Mitte Juni – mehrere Wochen, bevor der Ölfluss endete und die NOAA den raschen Rückgang der Ölpest beobachtete.

Mehr Sorgen als um die langfristigen Umweltschäden machen sich die Küstenanwohner um die Wirtschaftsaussichten, zum Beispiel in Port Furchon, einem Hafen auf dem Festland etwa 30 Kilometer westlich von Grand Isle. Von dort aus wurden vor der Katastrophe 32 Bohrinseln versorgt. „Wir können schon deutlich sehen, wie das Interesse der Medien zurückgeht. Bald wird auch die Hilfsbereitschaft der Regierung nachlassen“, fürchtet Brennan Matherne aus der Gemeindeverwaltung. Als die Ölpest begann, musste der 29-Jährige rasch auf Pressesprecher umschalten und laufend Interviews geben. Inzwischen besteht seine Öffentlichkeitsarbeit wieder mehr aus dem Kontakt zu Firmen und Ämtern. „Im Mai hat uns die öffentliche Aufmerksamkeit für die Ölpest geschadet. Wer will noch Seafood aus Louisiana essen? Jetzt bräuchten wir die Medien. Die Ersatzjobs, die BP den Fischern beim Saubermachen gegeben hat, laufen aus. Und die Bundesregierung nimmt uns weitere Jobs mit dem Bohrmoratorium.“

Präsident Obama hat neue Erkundungsbohrungen bis November ausgesetzt. Was anderswo in Amerika als begründete Vorsichtsmaßnahme verstanden wird, halten die Menschen an der Küste für Dummheit oder Schikane, auch Urlauber wie die Wagners und die Junots. „Das Moratorium ist schlecht, schlecht, schlecht“, sagen sie. „Die Menschen müssen Arbeit haben, das ist das Wichtigste.“ In Port Furchon beziffern sie jede stillgelegte Bohrinsel mit dem Umsatzausfall von einer Million Dollar pro Tag.

Im Fischerhafen von Grand Isle ist unübersehbar, wie das Geschäft nachlässt, das die Ölpest mit sich brachte. Anfang Juli war die Zugangsstraße mit mobilen Einsatzzentralen der Katastrophenschützer und Bootstrailern verstopft. Der Lärm und die Abgase von Außenbordern füllten die Luft. In regem Wechsel legten Boote mit Reinigungstrupps, Vogelrettern und Teams, die Ölsperren auslegen, an und ab. Nun ist es stiller geworden. Braunpelikane sitzen ungestört auf den hohen Pollern. Das „Sand Dollar Motel“ am Hafen ist noch ausgebucht. Im Ort wirken die Ferienhäuser, die wegen der Flutgefahr auf hölzernen Stelzen sitzen, verlassen. Im Juli hatten Dienstfahrzeuge von Privatfirmen oder Nationalgarde darunter geparkt. In New Orleans ziehen die Restaurantbesitzer eine gemischte Bilanz. Die Austernbänke an der Küste, die den Nachschub für die wichtigste Spezialität der Stadt liefern, sind zum Großteil gerettet. Der republikanische Gouverneur von Louisiana, Bobby Jindal, ordnete an, Mississippiwasser in die Marschen zu leiten, um durch den ständigen Zufluss das Eindringen von ölverseuchtem Salzwasser vom Meer zu verhindern. Das ist gelungen. Aber ein Teil der Austern hat es nicht überlebt, und der überlebende Teil ist nur halb so groß geworden wie in den Vorjahren. Zum Gedeihen brauchen Austern die richtige Mischung aus Süß- und Salzwasser. Die Folgen einer Ölpest und ihrer Bekämpfung sind sehr komplex.

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