Golf von Mexiko : Öl, soweit das Auge reicht

Im Tiefflug über das Zentrum des Unglücks: Die Lachen unterscheiden sich nur durch ihre Farben. Noch ist man beim Wettlauf gegen die Zeit auf der Verliererstraße.

Friedemann Diederichs

Als Küstenwachenpilot Derrick Hendricksson das C-144-Turbopropflugzeug auf gerade einmal 300 Meter Höhe fallen und dröhnend in eine Schleife gehen lässt, setzt plötzlich die Realität ein. Öl. Tiefrot, rostfarben, oft einfach nur schwarz. Öl, soweit das Auge reicht. „So viel Öl“, hatte Hendricksson vor dem Start gewarnt, „werden Sie Ihr ganzes Leben nicht mehr zu sehen bekommen. Und riechen.“

Die Morgensonne sorgt für Regenbogen. Ein schaurig-schönes Bild, das Maler inspirieren könnte. Doch es sind die Farben und Konturen einer immer noch nicht eingedämmten Umweltkatastrophe, deren Ausmaß niemand zuverlässig prophezeien kann. Die ersten Schlieren hatten sich schon kurz nach dem Start in Mobile (Alabama) gezeigt. Fünfzehn Minuten später erreichen wir den Untergangsort der „Deepwater Horizon“ – den „Ground Zero“ des Desasters.

Barry Freeman, der „Dropmaster“ der Küstenwachencrew, lässt die Heckrampe des Flugzeugs herunter. Wie ein Vorhang, der sich für eine Tragödie öffnet. Heiße Luft dringt in den Innenraum, gepaart mit dem penetranten modrig-süßen Geruch des Ölteppichs. Nun haben wir einen höllisch lauten Logenplatz, während die C-144 ihre Kreise zieht.

Dort, wo die Bohrinsel am 20. April in Brand geriet und zwei Tage später auf den Meeresboden sank, hat BP eine zweite Plattform platziert. Von ihr aus versucht man, zum Ölreservoir in 1500 Meter Tiefe vorzudringen. Wenige hundert Meter entfernt hat ein Tanker Anker geworfen. Er fängt, so schätzt es der Konzern, gut ein Drittel der Menge auf, die weiter mit hohem Druck aus dem geborstenen Bohrkopf sprudelt. Eine Armada an Hilfsschiffen ist ausgerückt, viele ziehen rote und gelbe Ölsperren hinter sich her, mit denen sie größere Flecken einkreisen. Andere schöpfen dann die schmierige Suppe ab. Doch in dem gewaltigen Gebiet, das wir innerhalb von 90 Minuten abfliegen, wirken selbst 750 Schiffe wie verloren. Noch ist man beim Wettlauf gegen die Zeit auf der Verliererstraße. Und noch glauben die Menschen an der Golfküste nicht an einen schnellen Durchbruch – auch die Männer der Küstenwache nicht.

„Die Ölpest gewinnt jeden Tag an Umfang“, schreit mir Freeman ins Ohr. Vom Flugzeug aus sieht man: Das Öl liegt oft tief im Wasser, unter der Oberfläche. Es sind endlose dunkle Schwaden, mittlerweile auch von Wissenschaftlern vermessen, bis zu 15 Kilometer lang und mehrere Kilometer breit. Sie verheißen nichts Gutes, weil sie schwer zu bekämpfen sind. Niemand wagt zu sagen, wie sich jene Chemikalien langfristig auf das sensible Ökosystem und seinen Sauerstoffgehalt auswirken werden, die hier – erstmals auch in großer Tiefe – eingesetzt werden. Bei nicht allen Substanzen kennt man ihre Langzeitwirkung. „Um ehrlich zu sein: Hier wird Gift gegen Gift eingesetzt“, sagt Freeman. Doch angesichts der bisher mageren Erfolgsbilanz der Verantwortlichen und der wachsenden Ungeduld im Weißen Haus heiligt nun der Zweck offenbar alle Mittel. Man will unbedingt verhindern, dass das Öl breite Küstenstreifen erreicht. Es wäre der Super-GAU für den Konzern, dessen Mitarbeiter auch in Alabama so beliebt wie der Gerichtsvollzieher geworden sind.

Doch was BP nicht verhindern kann, ist: Teile der Super-Schwaden bewegen sich, gezogen vom Golfstrom, in Richtung Osten. An Bord der Turboprop sitzen deshalb auch zwei Frauen aus Florida – dem Bundesstaat, der den Ölteppich nun immer stärker fürchtet. Eine von ihnen ist Mary, eine Naturschutzbeamtin, die um die Alligatoren, Vögel und Pelikane in den „Keys“ bangt. Sie bereitet sich auf das Schlimmste vor. „Diese Katastrophe kann uns Jahrzehnte beschäftigen“, sagt sie mit stockender Stimme, geschockt vom Ausmaß des Ölteppichs. Während des Rückflugs hat Mary die Augen geschlossen und die Hände wie zum Gebet gefaltet. Sie sieht nicht die Naturschutzinseln nahe des Unglücksgebiets, die der Pilot noch einmal überfliegt. Und sie sieht nicht die Dutzenden von aktiven Bohrinseln.

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