Golf von Mexiko : Sturm über dem Bohrloch

Ein tropischer Sturm steuert im Golf von Mexiko auf die Umgebung des Unglücksbohrlochs zu. Welche Folgen hat das für die Bekämpfung der Ölpest?

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20. April 2010: Die 80 Kilometer vor der Küste des US-Bundesstaats Louisiana gelegene Förderplattform "Deepwater Horizon" explodiert, elf Arbeiter sterben.Weitere Bilder anzeigen
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19.04.2011 13:0120. April 2010: Die 80 Kilometer vor der Küste des US-Bundesstaats Louisiana gelegene Förderplattform "Deepwater Horizon"...

Im Raum der Bahamas hat sich ein tropischer Sturm namens „Bonnie“ gebildet. Meteorologen prognostizieren, dass er über die Südspitze Floridas in den Golf von Mexiko ziehen wird und die Umgebung des Unglücksbohrlochs vor der Küste Louisianas am Samstagmorgen (Ortszeit) erreichen wird. Am Freitag waren die gemessenen Windgeschwindigkeiten mit etwa 65 km/h relativ gering für einen tropischen Sturm. Nach aller Erfahrung besteht jedoch das Risiko, dass ein solcher Sturm über dem warmen Meer sehr schnell an Stärke gewinnen und sich potenziell sogar zu einem Hurrikan auswachsen kann.

Der Admiral der Küstenwache Thad Allen, den die US-Regierung mit dem Krisenmanagement der Ölpest beauftragt hat, richtete sich am Freitag jedoch auf ein barmherziges Szenario ein. Nach seinen Worten wird „Bonnie“ die Region der Ölpest auch nur mit einer Geschwindigkeit von 65 km/h treffen.

Welche Sicherheitsvorkehrungen werden getroffen?

Bereits am Donnerstagabend hat Allen angeordnet, dass Menschen und Material in Häfen in Sicherheit gebracht werden sollen. Das betrifft fast 2000 Personen und mehr als ein Dutzend Schiffe, die rund um das Bohrloch im Einsatz sind. Zuvor mussten die Leitungen zwischen dem Kopf des Bohrlochs in 1500 Meter Wassertiefe und den Schiffen an der Oberfläche getrennt werden. Ein Teil dieser Röhren dient dem Abpumpen von Öl aus der Auffangglocke über dem Bohrloch in Tankschiffe. Über andere Leitungen werden die nötigen Drucktests gesteuert.

Die Entlastungsbohrungen, die den alten Bohrschacht einige hundert Meter unter dem Meeresboden treffen sollen, wurden vorerst eingestellt. Sie gehören zur Vorbereitung des Plans, das Bohrloch endgültig von innen zu verschließen. Auch die Arbeiten rund um den Blowout Preventer mit dem Ziel, einen weiteren „Top kill“ zu versuchen – den Verschluss des Bohrlochs von oben – wurden unterbrochen. Stattdessen bauten die Arbeiter einen zusätzlichen Sicherungsmechanismus in den seitlichen Tunneleingang zu der neuen Abdeckkappe über dem Bohrloch ein.

Wie wirkt sich der Sturm auf die Absicherung des Bohrlochs aus?

Vorübergehend war diskutiert worden, ob die Ventile in der Abdeckkappe für die Dauer des Sturms geöffnet werden sollen. Das hätte den Nachteil, dass das Öl in dieser Zeit wieder ungehindert ins Meer strömt. Aber es würde das Risiko ausschließen, dass das Bohrloch explodiert, falls der innere Druck infolge des Sturms so sehr ansteigt, dass die neue Abdeckung nicht mehr standhält. Denn ein solcher Druck hätte dann freien Weg nach draußen. Admiral Allen und BP kamen schließlich aufgrund der Drucktests der jüngsten Tage zu der Auffassung, dass die neue Abdeckkappe verlässlichen Schutz bietet. Sie war vor anderthalb Wochen installiert worden. Seit zehn Tagen tritt kein Öl mehr ins Meer aus.

Wegen der starken Winde und des hohen Wellengangs gibt es während eines Sturms so gut wie keine Möglichkeit zu menschlichem Eingreifen, falls eine unvorhergesehene Notfallsituation eintritt. Auch die Tiefseeroboter, mit denen die Reparaturen ausgeführt werden, sind dann nicht einsatzfähig, weil sie von Menschen in der Nähe gesteuert werden müssen.

Welche Folgen hat der Sturm für die Ausbreitung des Ölteppichs?

Stürme können geradezu gegensätzliche Auswirkungen haben. Sie können die praktischen Probleme der Ölpest verstärken, aber auch verringern. Starker Wind und starke Wellen befördern die Vermischung des Öls mit dem Wasser. Dadurch sinkt die Konzentration der gefährlichen Stoffe, die Tiere und Pflanzen bedrohen. Je nach Windrichtung treibt der Sturm Ölteppiche von der Küste weg oder an sie heran.

Im Fall von „Bonnie“ wird befürchtet, dass er Ölflecken in das empfindliche Marschland im Mississippi-Delta und an der übrigen Küste Louisianas drücken könnte. Diese Fernwirkung hatte vor drei Wochen der tropische Sturm „Alex“. Obwohl er mehrere hundert Kilometer weit weg von Louisianas Küste durchzog, erzeugte er kräftige Wellen, die Öl in Bereiche des Marschlands trieben, das seit Beginn der Katastrophe am 20. April unversehrt geblieben war. Der Gouverneur von Louisiana, der Republikaner Bobby Jindal, rief deshalb am Donnerstag den Notstand mit Blick auf „Bonnie“ aus.

Drohen weitere Stürme?

Die Wetterforscher haben für 2010 eine überdurchschnittlich starke Hurrikan-Saison vorhergesagt. Die vier Jahre zuvor waren sehr ruhig verlaufen. Im Durchschnitt ereignen sich im Golf von Mexiko pro Jahr sechs Hurrikane, davon zwei schwere. Insgesamt erreichen elf Stürme eine so große Stärke, dass die Meteorologen ihnen Namen geben.

Für 2010 wird eine besonders schlimme Saison erwartet: 14 bis 23 Stürme mit Namen, von denen acht bis 14 Hurrikanstärke erreichen und drei bis sieben in die Kategorie eines schweren Hurrikans fallen. Von einem Hurrikan spricht man ab Windgeschwindigkeiten von 120 km/h, von schweren Hurrikans ab 180 km/h. Die Wahrscheinlichkeit dieses Szenarios beziffert die National Oceanic and Atmospheric Administration mit 70 Prozent.

Diese Zahlen gleichen denen von 2005. Damals zerstörte „Katrina“ New Orleans sowie weite Küstenabschnitte der Staaten Louisiana, Mississippi und Alabama. Zusätzlich bedrohten „Rita“ und Wilma“ die Küste von Texas. Im Jahr 2005 gab es insgesamt 28 Stürme mit Namen. Darunter waren 15 Hurrikans, davon sieben schwere. Die Jahre 2006 bis 2008 verliefen ruhiger. 2009 gab es keinen einzigen Hurrikan. Die Wirbelsturm-Saison umfasst offiziell die Monate Juni bis November. Im Jahr 2010 gab es bisher nur zwei Stürme: erst „Alex“ und nun „Bonnie“.

Wie fortgeschritten sind die Abdichtungen des Lecks?

In den ersten zweieinhalb Monaten nach der Explosion der Bohrinsel „Deepwater Horizon“ waren mehrere Versuche, das Bohrloch zu verschließen oder zumindest so weit abzudichten, dass keine größeren Mengen Rohöl ins Meer fließen und die Umwelt verseuchen, gescheitert. Mehrere Millionen Liter pro Tag gelangten in den Ozean. Ein Teil davon erreichte Wochen später die Küsten der vier US-Bundesstaaten Louisiana, Mississippi, Alabama und Florida.

In den vergangenen zwei Wochen hatten Admiral Allen und der BP-Konzern mehr Erfolg. Und sie waren vorsichtiger bei der Ankündigung der jeweils nächsten Maßnahmen. Im Ergebnis übertrafen sie die Pläne, die sie veröffentlicht hatten.

Der offizielle Zweck der neuen Abdeckkappe war es, den Übergang zwischen dem Kopf des Bohrlochs und dieser Kappe so weit abzudichten, dass alles Öl eingefangen werden kann. Zuvor war nur ein Teil abgepumpt worden, weil die alte Auffangglocke nicht dicht auf dem BlowoutPreventer saß. Im Verlauf mehrerer Tage stellte sich aber heraus, dass die neue Abdeckkappe so gut hält, dass nicht einmal mehr Öl abgepumpt werden muss, um den Druck im Inneren in vertretbarem Rahmen zu halten.

Dank dieser Erfahrung wird nun erwogen, erneut den „Top kill“ zu versuchen, den endgültigen Verschluss von oben. Parallel kommen die Bohrungen in den Bohrschacht unterhalb des Meeresbodens voran zum alternativen Verschluss des Lochs von innen. Diese Arbeiten gehen weiter – sobald „Bonnie“ abgezogen ist und Arbeiten wieder zulässt.

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