Google Street-View : Ein Fest für Voyeure

Der Internet-Gigant Google lässt ganze Straßenzüge fotografieren und stellt die Bilder ins Netz. Passanten und Anwohner können nichts dagegen unternehmen.

Matthias B. Krause[New York]

Big Brother hat einen kleinen schwarzen Kopf mit elf Augen. So jedenfalls sehen die Kameras aus, mit denen die Internet-Firma Google zurzeit die Straßen von New York, San Francisco, Las Vegas, Denver und Miami fotografieren lässt. Die Bilder fließen in den neuen Service „StreetView“ ein und mit einem Mausklick lassen sich ganze Straßenzüge im 360-Grad-Panorama anschauen. Ein Fest für Voyeure, ein Grauen für Datenschützer. „Eine neue Form des Voyeurismus ist geboren!“, frohlockt die Seite www.streetviewvoyeur.com, „wir können mit sehr hoher Auflösung in die Bilder hineinzoomen. Wir können Menschen sehen, wo sie nicht gesehen werden möchten. Wir können Verbrechen beobachten. Wir können das Unerwartete sehen.“

Was für die einen ein Heidenspaß ist, ist für die anderen ein Alptraum. Schon das Google-Earth-Angebot, das jedem die Möglichkeit eröffnet, viele Flecken der Erde in hoch auflösenden Satelliten-Bildern zu betrachten, bereitete Sicherheitsexperten Kopfzerbrechen. Mit StreetView, so fürchten sie nun, können Terroristen ihre Ortserkundungen vom heimischen Schreibtisch aus erledigen. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis jemand diese Angebot nutzt, um unserem Land zu schaden“, warnte der New Yorker Stadtrat Mike Gianaris vor wenigen Tagen. Vor zwei Wochen waren vier Männer festgenommen worden, die angeblich ein Attentat auf den New Yorker Großflughafen John-F.-Kennedy planten – mit Hilfe von Google Earth.

Street-View fügt dem potenziellen Risiko allerdings eine neue Dimension hinzu. Die Lieferwagen, mit denen Google die Welt im Panoramabildern festhält, machen auch vor Sicherheitszonen nicht halt. Der Battery Tunnel, der Brooklyn und die Südspitze Manhattans verbindet, steht zum Beispiel bei der New Yorker Polizei auf der Liste potenzieller Terrorziele weit oben. Fotografieren ist dort verboten. Wer sich nicht daran hält, hat minutenschnell Beamte der Bundespolizei FBI auf dem Hals. Googles Kamerawagen allerdings muss ihnen durchgerutscht sein: Mit wenigen Mausklicken lässt sich bei Street-View die Tunneleinfahrt und das Innere des Bauwerks aus allen Blickwinkeln betrachten.

Bisher hatte Google behauptet, alle Bilder würden nur von öffentlichen Plätzen aus aufgenommen. „Sie sind nicht anders als das, was jede Person sehen oder fotografieren kann, wenn sie auf dem Gehweg spazieren geht“, sagt eine Unternehmenssprecherin. Rechtlich sieht sich Google auf der sicheren Seite. Gleichzeitig würden Bedenken der Benutzer sehr ernst genommen. So gibt es auf der selben Webseite, auf der sich die Fotos aufrufen lassen, einen Bereich, in dem man beantragen kann, dass bestimmte Stellen in den Bildern geschwärzt werden. Google hat bereits damit begonnen, einzelne Szenen unkenntlich zu machen. In einer war ein mutmaßliches Verbrechen zu beobachten, in einer anderen hatte sich eine Passantin unabsichtlich für die Kamera entblößt. Den Teil, auf dem ihr Haus in Oakland, Kalifornien zu sehen ist, zu schwärzen, hat auch Mary Kalin-Casey beantragt. „Die Frage ist, wo man die Linie zieht zwischen öffentlichen Fotos und dem Ausspionieren der Leben der Leute“, sagt sie. Das Street-View-Bild von ihrem Haus lässt sich so weit vergrößern, dass man ihre Katze auf der Fensterbank erkennt. „Der nächste Schritt sind dann vielleicht die Bücher in meinem Regal“, sagt Kalin-Casey.

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