Welt : "Gott versteht, was passiert ist", glaubt die deutsche Schriftstellerin

Harald Martenstein

Nachdem der Pfeil des Amor sie getroffen hatte, in Danzig beim Kaffeetrinken, ging sie in die Kirche und betete: "Lieber Gott, der wäre es!". Engelbert Lainer, 44 Jahre alt, Hotelier, Österreicher. Kräftige Kinnpartie, und verheiratet. Fünf Monate lang traf man sich an verschiedenen Orten, auch im Bauch kreisten die Flugzeuge. Dann eröffnete sie dem Uli, also dem Kölner Arzt Ulrich Heidenreich, dass sie ihn verlassen wird. Kurz darauf sind die ersten Interviews gelaufen, mit der "Bunten", mit RTL, mit "Bild": "Ich könnte heulen vor Glück. Ich bin sicher, dass Gott versteht, was passiert ist." Über den Neuen sagt sie: "Er sieht hammerhart aus." Solche Sachen passieren nun mal.

Seitdem läuft das also, und zwar die Boulevardzeitungen rauf und runter, die öffentliche Trennung der öffentlichen Frau. Sie wird sich mit dem hammerharten Engelbert ein Hotel in den Alpen kaufen, und dann werden die Kinder zu ihr ziehen, Felix, 11, Florian, 9, Franziska, 4, und Friderike, 2. Engelberts Kinder kommen in den Ferien. Verheiratet war sie nicht. Das fand sie zu spießig. Juristisch ist das für den Uli ungünstig, aber sie werden sich schon einigen. Der Vater ist erst mal in Wintersport gefahren, und er hat "den Kids zwischen Ski- und Schlittenfahrten äußerst einfühlsam die neue Situation beigebracht". Wie gesagt, so was passiert. "Ich weiß, der Uli ist sehr, sehr traurig", sagt die öffentliche Frau, vor 42 Jahren geboren in Bielefeld unter dem Namen Herlinde Wartenberg, Tochter einer Arztfamilie, studierte Theologin, berühmt geworden unter dem Namen Hera Lind als Bestsellerautorin, Sängerin, Fernsehmoderatorin, Modellmutter, mit einem Wort: als Superweib.

In Hera Linds Büchern sind die Frauen meistens so. Super. Sie lassen sich die Butter nicht vom Brot nehmen, weder von den Männern noch von ihren Kindern, sie sehen das Leben immer von der sonnigen Seite, auch wenn dabei mal irgendein Uli am Wegesrand sehr, sehr traurig ist. Gott versteht das, muss er ja. Verständnishaben ist schließlich sein Job. Letzlich ist alles easy, und die Frauen haben wahnsinnig viel Power. Sie kriegen lässig alles unter einen Hut - Kinder, Karriere, Männer, Sinnsuche, gute Laune, da kommt nichts zu kurz.

In Gestalt von Hera Lind ist die Emanzipation zur Zirkusnummer geworden. Vielleicht empfinden Frauen, die weniger Geld haben, oder weniger Talente, oder einfach nur weniger Kraft, diese Nummer als zynisch. Aber viele sehen es anders, positiv, davon zeugen Hera Linds Verkaufszahlen. Viele schöpfen offenbar Kraft aus ihrem Beispiel und sagen sich abends, wenn die Kinder im Bett liegen: "Dass ich total kaputt und todmüde bin, bilde ich mir nur ein. Hera Lind würde jetzt sofort einen Bestseller schreiben."

Und wie es erst im nächsten Hera-Lind-Roman abgehen wird! Hera Linds Literatur und Hera Linds Leben gehören zusammen, ein untrennbares Gesamtkunstwerk aus "Das Superweib", aus der "Herzblatt"-Show, aus den Kindern und Uli und Engelbert. Eine Selbstinszenierung in vollem Scheinwerferlicht, das Intime als öffentliche Werbemaßnahme, lebenslänglich, und deshalb viel radikaler als "Big Brother". In der deutschen Literatur steht sie nicht wegen ihrer Sprachgewalt einmalig da, sondern weil sie ihr eigener Werbespot ist, eine Endlosschleife, die ununterbrochen ausgestrahlt wird.

Ist es bei den berühmten Amis nicht fast genauso? Der an Sex hochinteressierte Henry Miller hat über Sex geschrieben, der Super-Mann Hemingway hat diese Super-Macho-Geschichten geschrieben, der Junkie Burroughs seine Junkiebücher, und Hera Lind beschreibt eben Hera Lind. Der doppelte Boden fehlt natürlich, Selbstreflexion, Leid, Verzweiflung, ja, das wäre dann Literatur, dazu müsste Hera Lind Probleme haben, aber die hat sie zum Glück nicht.

Bei Hera Lind kommt zusammen, was auf den ersten Blick nicht zusammengehört, das gedankliche Erbe des Lila-Latzhosen-Feminismus mit dem Turbokapitalismus neuester Bauart. Das Leben ist vor allem eine Frage des richtigen Managements, und Frauen brauchen eine gesunde Härte, um die eigenen Glücksansprüche durchzusetzen, eine Unbefangenheit, wie sie früher die Paschas hatten. Das ist der Fortschritt.

Hera Linds Philosophie funktioniert wie der liberalisierte, deregulierte Weltmarkt: Jeder muss möglichst entschlossen seinen eigenen Vorteil suchen, dabei fahren am Ende alle am besten. "Meine Kinder können nur glücklich werden, wenn ich glücklich bin", hat Hera Lind zu "Bild" gesagt. Uli war übrigens auch ihr Manager. Diesen Job ist er nun los. Traurig, traurig.

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