Welt : Grand Prix Eurovision: Im Namen des Massengeschmacks

Matthias Frings

Musikalisch hat der Grand Prix Eurovision höchst selten Aufregendes zu bieten. Auch Weltkarrieren wurden hier, abgesehen von Abba, nicht gestartet. Für den interessierten Blick in die Popkultur anderer Länder taugt der Song Contest auch nicht so recht, versucht doch fast jeder eine Euro-Bowle anzusetzen, die von Lissabon bis Moskau schmeckt.

Und dennoch werden auch in diesem Jahr etwa 600 Millionen Fernsehzuschauer bei Bakalao, Borschtsch und Bockwurst mitfiebern, wenn in der größten Sportarena Skandinaviens der Grand Prix vergeben wird. Auch in Deutschland werden - trotz oder wegen Michelle - Familien vereint vor dem Bildschirm sitzen, Wohngemeinschaften das samstägliche Trommeln ausfallen lassen und Großstadtkids Parties veranstalten.

Der Grand Prix Eurovision ist eine der wenigen verbliebenen Konstanten unseres Lebens. Es gibt ihn länger als den Papst und Eberhard Diepgen. Wie "Nutella" und "Kinderschokolade" gehört er zu den prägenden Erfahrungen. Und er lässt uns für drei Stunden wieder ganz einfach Kinder sein: Man darf hemmungslos mitfiebern und ebenso hemmungslos verdammen. Man bestaunt durchgeknallte isländische Choreographien und wild gewordene Kostümbildner aus Zypern. Und man stellt verblüfft fest, dass die Griechen rappen und die Finnen twisten können. Kurzgesagt: Die Liebhaber des Grand Prix befinden sich auf dem geistigen Niveau eines Dreijährigen, der zu viel von diesem lustigen Hustensaft genommen hat.

Gar nicht lustig finden die Macher, die Interpreten und die Musikindustrie dieses Spektakel. Mehr als eine halbe Milliarde Zuschauer stellen eine enorme Kaufkraft dar und bewegen manchen Produzenten, den Wettbewerb wichtiger zu nehmen als eine Zinserhöhung der Deutschen Bank. Für das vergleichsweise kleine dänische Fernsehen ist die Mammutshow in Kopenhagen eine große Herausforderung. Mehr als umgerechnet 15,6 Millionen Mark steckt der Sender in die Produktion. 38 000 Tickets wurden verkauft, das Stadion speziell für die dreistündige Veranstaltung am Samstag überdacht. Bei diesem enormen Aufwand hat man sogar überlegt, eine Versicherung für den Fall abzuschließen, dass Dänemark nochmals gewinnt und erneut austragen müsste. Eine Idee, die besonders in Irland auf großes Interesse stoßen dürfte. Sieben Mal schon haben die Iren gewonnen, und die austragende Fernsehanstalt damit an den Rand des Ruins gebracht.

Die ARD hingegen würde gerne mal wieder nach Deutschland einladen. Die Chancen für Michelle stehen mit "Wer Liebe lebt" gar nicht so schlecht. Bei den Buchmachern und im Internet liegt sie mit ihrer klassischen Powerballade auf Platz 7. Die hochmanierierte Sängerin steht stimmlich in der Tradition Marianne Rosenbergs (hoch! höher!), bei ihrem Kostümen denkt man an Marlene Dietrich (eng! enger!). Die wohlwollende Aufmerksamkeit von Fachleuten und Fans liegt aber weniger an ihren eingenähten 156 Zentimetern und dem aerodynamischen Push-up BH, sondern eher an der Ohrwurmqualität ihrer Songs. Große Gefühle ziehen immer, und auch wenn Michelle kaum Chancen auf den ersten Platz hat, dürfte es für einen guten Platz im ersten Viertel reichen. Aber man weiß es nie: Wer hätte im letzten Jahr den "Olsen Brothers", die aussahen wie die älteren Brüder von Detlev Buck, den Sieg zugetraut?

Die Rückkehr des deutschen Schlagers auf die Eurovisionsbühne vollzog sich erstaunlich schnell. Spätestens 1998 hatte sich die deutsche Vorentscheidung mit lächerlicher Schlagerware der Güteklasse B vollends ins Abseits manövriert. Dann kam Guildo Horn und machte mit Unterstützung der "Bild"-Zeitung den Grand Prix zum Kult. Wie ein platzender Dampfkessel fegte er mit liebevoller Ironie die deutsche Schlagerseligkeit beiseite und war mit einem siebten Platz auch noch verblüffend erfolgreich. Ihm folgte letztes Jahr Stefan Raab mit weniger Herz und sehr viel mehr Kalkül. Seine geschäftliche Operation "Waddehaddeduddeda" kam zwar gut an, machte aber gleichzeitig klar, dass man nicht Jahr für Jahr einen Song Contest bestücken kann, indem man sich über ihn lustig macht. Auch wenn die beiden Quereinsteiger dem Wettbewerb eine gute Portion Frische verpassten, war es nur eine Frage der Zeit, bis die alte Garde wieder ihr Terrain zurückeroberte.

Dreiundzwanzig Nationen versuchen in Kopenhagen mit höchst unterschiedlichen Songs den Sieg zu erringen. Als Favoritin gilt die Franco-Kanadierin Natasha St. Pier, die für die Grande Nation mit einer modernen Chansonballade ins Rennen geht. Bisher hat sie erfolgreich als Musicaldarstellerin im Londoner Westend gearbeitet. Gute Chancen werden auch der Gruppe "Friends" eingeräumt, die schwedischen "No Angels". Russland, immer für eine Überraschung gut, schickt "Mumiy Troll", eine Gruppe, die sich an einer Art postsozialistischem Grunge versucht. Spanien setzt mit David Civera ganz auf die Latinowelle.

Die niederländische Interpretin schließlich sorgt für ein Novum in der Grand Prix-Geschichte: sie trägt den schönen Namen Michelle, und so treten erstmals zwei Sängerinnen gleichen Namens an. Welche Michelle es nun besser machen wird, bleibt abzuwarten, aber der britische Fan Howard tat vor Ort schonmal seine Meinung zum deutschen Beitrag kund: "Endlich wollen die Deutschen mal nicht dem Rest der Welt beweisen, dass sie Humor haben. Und was passiert? Sie nominieren den unfreiwillig komischsten Beitrag des Wettbewerbs - Minnie-Maus trifft Céline Dion!"

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