Welt : Greenpeace zerknirscht

Die „Rainbow Warrior“ hat ein wertvolles Korallenriff beschädigt, das die Organisation schützen wollte

Caroline Fetscher

Gerade war die Greenpeace-Crew dabei, in türkisfarbenen philippinischen Gewässern das Ausbleichen von Korallenriffen zu untersuchen, eine gefährliche Schädigung, die durch Klimawandel entsteht. Plötzlich spürt die Mannschaft, wie das Schiff auf einen Widerstand stieß. Ein metallisches Knirschen erklingt. Alarmiert drosselt der Kapitän sofort die Maschinen. Dann stellten er und seine Leute fest: Ihr Umweltschiff hatte ein Stück Umwelt geschrammt, ein kostbares Korallenriff. Es gehört zum knapp hundert Seemeilen vor Puerto Princesa, Palawan liegenden „Tubbataha Reef National Marine Park“.

„Das war ein ziemlicher Schock“, schüttelt sich Red Constantino, Mitte dreißig, Greenpeace-Aktivist der South-AsiaKampagne. Zerknirscht informierten die Umweltretter Minuten später das Management des Naturparks. „We are very sorry“, sagten sie denen. Veraltete Seekarten sind verantwortlich für den Unfall, sagt Constantino, „laut Seekarte sah es aus, als wären wir noch 2,4 Kilometer vom Riff entfernt“. Schuld war mithin die irreführende Karte, nicht die Navigatoren auf ihrer Route von Australien nach China. „Wir fühlen uns trotzdem verantwortlich und überweisen gleich am 2. November die 384000 Peso, also 5710 Euro, auf die der Naturpark den Schaden beziffert.“ In einer gemeinsamen Stellungnahme von Greenpeace und Parkleitung hieß es, am Schiff sei „kein nennenswerter Schaden entstanden“. Doch ein 96 Quadratmeter großes Stück Riff in der Sulusee trägt jetzt die Spuren der Schützer. Tubbataha ist das, was Reiseunternehmer ein Taucherparadies der Superlative nennen, mit ausgedehnten Korallenriffen, sandigen Lagunen, steilen Unterwasserfelswänden. Riesige Haie, Mantas und Thunfische bevölkern das Riff, Schwammbänke und gigantische Tangpflanzen. Auf einer „Asia Energy Revolution Tour“ besucht das Flaggschiff der Öko-Organisation Australien, China, die Philippinen und Thailand, den neuen territorialen Schwerpunkten der Greenpeace-Aktionen. Mit den Leuten des jungen Büros „Greenpeace China“ in Peking ist die Organisation derzeit dabei, Chinas geplanten Aufbruch in die erneuerbaren Energien zu forcieren. „Die Chinesen setzen jetzt vehement auf Windkraft“, erklärt der Schwabe Gerd Leipold, 54, Direktor von Greenpeace International in Amsterdam, „das bietet ein großartiges Modell für andere Entwicklungsländer“. Kohle- und Atomkraftwerke, sagt Leipold, schafften außerdem nirgends neue Arbeitsplätze, dezentrale Energieproduktion hingegen könne das. „Unser irrwitziger, verantwortungsloser Umgang mit Energie beschädigt das Weltklima“, weiß der Physiker und Ozeanograf, „und das ist überall messbar, bis hin in die Meerestiefen“.

Genau um diese Klimaschäden in den Meeren war es Greenpeace bei der Recherche in Tubbataha gegangen. Was Kohlekraftwerke in China oder Australien anrichten, ist bis ins Salzwasser der Philippinen zu messen. Durch die steigenden Wassertemperaturen und vermehrte UV-Strahlung entsteht dort unter anderem jene Korallbleiche, die Red Constantino, im Nebenberuf Autor und Maler, gebildeter Spross einer Familie philippinischer Demokraten, unlängst in der „Manila Times“ beschrieb: „In Südostasien und im Pazifik wird die Korallbleiche immer intensiver, ganze Riffe können dann absterben“, teilt er dort mit. Auf diese Weise, so Greenpeace, schwinde die Artenvielfalt, es ändere sich das ökologische Gleichgewicht. In den Philippinen leben 488 der 500 bekannten Korallenarten aller Weltmeere, rund ein Drittel der 2300 Fischarten in diesen Gewässern sind auf die Korallen angewiesen. Nichts will Greenpeace weniger, als ein solches Riff zu beschädigen. Trost über die schlaflose Nacht der havarierten Retter kam vom Nationalpark selbst: „Wir schätzen die Arbeit, die Greenpeace für unsere Umwelt leistet“, beruhigt Tubbatahas Parkmanagerin Angelique Songco. „Und wir erkennen auch an, dass sie sich unverzüglich darum bemüht haben, das Ausmaß des Schadens herauszufinden.“

Auch den Besten kann eine Panne passieren. Für Greenpeace ist der Vorfall besonders schmerzlich. „Aber unsere Rainbow-Reise geht weiter“, sagt Gerd Leipold zuversichtlich. „Ja, es ist schlimm für uns, wenn wir eine solche Panne hatten. Aber der Schaden, den Umweltsünder in aller Welt anrichten, ist so gigantisch viel größer, dass wir einfach gezwungen sind, uns schnell zu trösten, um unsere Kampagnen unbeirrt fortzusetzen.“

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