Grenzgebiet USA-Mexiko : Drogenhandel: Vier Brücken zur Hölle

Im mexikanischen Nuevo Laredo tobt der Drogenkrieg – jetzt bedroht er die texanische Schwesterstadt. Der Kampf um die Schmuggelrouten und gegen die staatliche Ordnungsmacht wird ohne jede Rücksicht geführt.

Friedemann Diederichs
Ein US-Grenzbeamter sucht mit einem Drogenspürhund nach illegaler Fracht.
Ein US-Grenzbeamter sucht mit einem Drogenspürhund nach illegaler Fracht.Foto: Reuters

Fernando Cruz steht an einer belebten Straßenkreuzung ganz am Ende des Highway 35, kurz vor dem nach Mexiko führenden Juarez-Lincoln-Übergang. Er bietet Exemplare der örtlichen Zeitung an, der „Laredo Morning Times“. „Dies ist die wichtigste Schleuse für den mexikanischen Drogenhandel in Richtung USA“, sagt er. Vier Brücken führen hier über den Rio Grande. „Dort drüben“, sagt Straßenhändler Cruz und weist in Richtung Kontrollstelle, „herrscht Krieg. Und wir werden ihn bald auch hier haben.“

Dort drüben. Damit ist vor allem der Zwilling von Laredo in Mexiko gemeint, die Schwesterstadt Nuevo Laredo. Und die umliegende Region – wie der Bezirk Tamaulipas. Die Opfer, die dort zuletzt im Krieg der mächtigen Drogenkartelle zu beklagen waren, machten weltweit Schlagzeilen. 72 Einwanderer aus Zentral- und Südamerika, die nicht für die Kriminellen arbeiten wollten, wurden auf einer Ranch hingerichtet. Innerhalb von zwei Wochen wurden zwei Bürgermeister hingerichtet. Acht Männer und Frauen wurden in einem Nachtklub erschossen. Sie alle reihen sich in eine nicht enden wollende Statistik ein: 28 228 Menschen starben eines gewaltsamen Todes, seit 2006 die Regierung Mexikos dem Drogenhandel den Kampf ansagte. 2076 der Opfer waren Polizisten oder Sicherheitskräfte. Der frühere Polizeichef von Nuevo Laredo befand sich ganze sieben Stunden im Amt, bevor er von 50 Kugeln durchsiebt wurde.

Es ist ein hoher Blutzoll, dessen Ende trotz einiger spektakulärer Festnahmen in den letzten Tagen nicht abzusehen ist. Die Städte entlang der Grenze sind dabei längst zur Kriegszone geworden, es geht den konkurrierenden Kartellen um die Kontrolle der Zufahrtswege. Allein in Laredo passieren täglich rund 6000 Lastwagen die Grenze in Richtung der großen US-Metropolen, und mit ihnen auch heiße Fracht. Denn der Profit ist, wie Drogenfahnder wissen, enorm: Ein Kilo Kokain kostet in Kolumbien 1200 Dollar, in Mexiko 8300 Dollar, in den USA im Großhandel zwischen 15 000 und 25 000 Dollar. Und in New York würde dieses Kilo beim Verkauf an die Endverbraucher rund 80 000 Dollar bringen.

Angesichts solcher Profite ist es kein Wunder, dass der Kampf um die Schmuggelrouten und gegen die staatliche Ordnungsmacht mit allen Mitteln und ohne jede Rücksicht geführt wird. Nahezu jede Nacht schrecken Schusswechsel und Explosionen jenseits der Grenze die Bürger Laredos aus dem Schlaf – vor allem, seit die Kartelle eine neue Taktik anwenden, um die mexikanischen Sicherheitskräfte zu verwirren. Seit einigen Wochen kidnappen Drogenbanden Lastwagen und die Autos unbeteiligter Bürger, um dann spontan Straßenbarrikaden zu errichten. Längst haben die meisten Bürger Laredos aufgegeben, Freunde und Verwandte in der wenige hundert Meter entfernten Schwesterstadt zu besuchen. Der Drogenkrieg zerschneidet die Familien und sorgt für ein Klima purer Angst.

Sylvia Longmire, eine US-Sicherheitsexpertin und Buchautorin sagt: „In Nuevo Laredo gehen die Menschen abends nicht mehr aus. Sie vermeiden Bars und Restaurants. Sie schauen attraktive Frauen nicht mehr an, weil diese die Freundinnen von Bandenbossen oder Lockvögel für Kidnappings sein könnten. Und sie haben den Glauben an die Regierung und die öffentliche Sicherheit längst verloren.“

Auf der texanischen Seite der Grenze bemühen sich die Offiziellen, die besorgten Gemüter zu beruhigen. Die Gewalt schwappe doch kaum nach Laredo über, beschwichtigt Bürgermeister Raoul Salinas, der sich in diesem Herbst erneut den Wählern stellen muss, im Gespräch. Außerdem habe er in Washington die Mittel für 100 weitere Polizisten angefordert.

Doch auch die dürften das Unvermeidliche wohl nur verzögern: eine Ausweitung des Kriegsschauplatzes in das Hauptabnehmerland der Kartelle, die USA. Die Meldungen aus Laredo und anderen Grenzstädten wie El Paso, wo kürzlich erneut aus Mexiko abgefeuerte Kugeln einschlugen, verheißen nichts Gutes – auch wenn Obama-Parteifreund Salinas sagt: „Wir hatten bisher nur fünf Morde dieses Jahr.“ Doch es gibt mittlerweile unverhohlene Todesdrohungen gegen US-Drogenfahnder und den Versuch der Kartelle, logistisch in den USA Fuß zu fassen. In Laredo wollen Gerüchte nicht verstummen, die gefürchteten „Zetas“, die am liebsten ihre Opfer enthaupten und deren Einfluss weit in Polizei- und Militärkreise reichen soll, hätten bereits mehrere Ranchgrundstücke in ihren Besitz gebracht.

Kürzlich stoppte der Sheriff von Laredo einen Lkw, der Nachschub für das Waffenarsenat des Kartells transportierte. 175 neue Schnellfeuergewehre und 10 000 Schuss Munition. „Die Drogenkartelle sind längst mehr als nur profithungrige Banden“, sagt Longmire, „sie bedienen sich auch Terrortaktiken von Al Qaida wie Entführungen, Enthauptungen und Bombenanschläge.“

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