Welt : Grenzverletzer

Sex und Macht – ein Blick in die Wissenschaft

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Erhaben über Regeln: Der ehemalige US-Präsident Bill Clinton.
Erhaben über Regeln: Der ehemalige US-Präsident Bill Clinton.Foto: AFP

Beruflicher Aufstieg begünstigt Seitensprünge und Affären. Der Sozialwissenschaftler Joris Lammers von der niederländischen Universität Tilburg hat sich in mehreren Studien mit dem Thema Macht in Unternehmen befasst, nun konnte er systematisch untersuchen, ob wirklich stimmt, was wir alle längst zu wissen glauben. Eine Studie, für die Lammers zusammen mit Kollegen von der Uni Groningen über 1561 Angestellte aus verschiedenen holländischen Firmen intensiv zu beruflicher Position und privatem Verhalten befragte, wird demnächst in der renommierten Fachzeitschrift „Psychological Science“ erscheinen. Das Ergebnis ist eindeutig. Wer beruflich mehr Macht hat, wird einem festen Partner mit größerer Wahrscheinlichkeit untreu – oder hat mehr als andere die Absicht dazu. Es ist also keine mediale Verzerrung, wenn wir den Eindruck gewinnen, dass Prominente mehr Stoff für Sexgeschichten jeder Art bieten.

Die niederländischen Forscher haben verschiedene Hypothesen geprüft, um den Gründen für die Liaison von Macht und Sex auf die Schliche zu kommen. Verworfen wurde dabei die These, dass beruflich Erfolgreiche eher fremdgehen, weil sie ihren Partnern durch berufsbedingte Abwesenheit fremd werden. Lammers und seine Kollegen können aufgrund der Befragung zwar grundsätzlich bestätigen, dass Menschen eher untreu werden, wenn eine größere Distanz zum Partner besteht. Interessanterweise nimmt diese Distanz mit der beruflichen Karriere jedoch nicht zu.

Was jedoch offensichtlich zunimmt, ist das Vertrauen in die eigene Unwiderstehlichkeit. „Mächtige sehen die Welt, sich selbst und andere in einem anderen Licht und handeln anders als Menschen, denen Macht fehlt.“ Die Befragung stützt die „Selbstvertrauens-These“, wie Lammers darlegt: Macht macht siegesgewiss und selbstsicher. „Macht führt dazu, dass Menschen ihre Aufmerksamkeit auf physisch attraktive Personen lenken, sich ihnen verstärkt nähern und hinsichtlich des Interesses potenzieller Partner optimistischer sind.“ Was schrumpft, ist dagegen die Angst vor einer Zurückweisung. Die Forscher scheuen hier auch den Begriff „anmaßend“ nicht.

Zu vermehrten Gelegenheiten und erhöhtem Narzissmus komme aber auch ihre größere Bereitschaft, gegen Regeln und soziale Normen zu verstoßen, die für die Allgemeinheit gelten, so kommentierte gerade der Psychotherapeut Mark L. Held aus Denver/Colorado im amerikanischen Magazin „Time“. Man kann diese Risikobereitschaft erklären, indem man auf Charaktereigenschaften verweist, die sich überdurchschnittlich häufig bei Menschen finden, die es an die Spitze geschafft haben: Offenheit für Neues, Bereitschaft zu riskantem Verhalten – von Psychologen als „Novelty seeking“ bezeichnet –, dazu eine besonders große Extrovertiertheit. Eigenschaften, die für jedes Gemeinwesen ausgesprochen wichtig sind, wie Evolutionsbiologen betonen. Wer Grenzen überschreitet und Neuland betritt, kann Wirtschaft und Gemeinschaft weiterbringen. Im Verein mit Macht und Einfluss können die genannten Eigenschaften jedoch dazu beitragen, dass Politiker Regeln überschreiten, die sie möglicherweise selbst mit aufgestellt haben. „Die Herausforderung besteht darin, Wege zu finden, um die eigenen Impulse so zu kontrollieren, dass man nicht in eine selbstzerstörerische Situation gerät“, sagt Held.

Eine Herausforderung nicht allein für die Mächtigen. Helds deutscher Kollege Kornelius Roth hat in den letzten Jahren zahlreiche Menschen behandelt, denen das ab einem bestimmten Punkt nicht mehr gelungen ist. Er berichtet darüber ausführlich in seinem Buch „Sexsucht“. Der Psychotherapeut würde das Problem unter die Verhaltensabhängigkeiten einordnen, wie etwa die Spielsucht oder die Kaufsucht. „Untersuchungen belegen, dass 60 Prozent der Betroffenen auch andere Abhängigkeiten zeigen.“ Sex ist allerdings kein „Stoff“, von dem Menschen abhängig sein könnten. Schwierig ist auch, dass im Bereich der Sexualität „Sucht“ sich kaum an der Dosis festmachen dürfte. Medizinern bieten sich bislang die Diagnosen „Störung der Impulskontrolle“ und „gesteigertes sexuelles Verlangen“, in einem neuen amerikanischen Manual wird möglicherweise bald auch die „Hypersexualität“ auftauchen. „Im Kern geht es um verminderte Kontrollfähigkeit“, erläutert Roth. Von Sucht spricht er deshalb, weil es den Betroffenen nicht gelingt, ihre Sexualität ihrer Lebenssituation anzupassen. „Sie kommen zu mir in Behandlung, weil bei ihnen der Leidensdruck längst die Lust übersteigt.“ Weil Partnerschaften in die Brüche gehen oder erst gar nicht möglich sind, weil Kündigungen und wirtschaftlicher Ruin drohen. „Ein bestimmtes Verhalten hat sich dann längst immer mehr verselbstständigt.“ Was Roth beschreibt, ist eine Form der Machtlosigkeit.

Während bei Roth deutlich mehr Männer Hilfe suchen, sieht Lammers zwischen den Geschlechtern, was die Beziehung zwischen Macht und Bereitschaft zur Untreue betrifft, kaum mehr einen Unterschied. Auch bei den befragten Frauen zeigte sich: Je weiter oben auf der Karriereleiter, desto eher bereit zu einem Seitensprung. Wenn bisher wissenschaftliche Studien und öffentliche Meinung den Eindruck stützten, Frauen seien seltener untreu, so spiegle das „die traditionellen Geschlechterunterschiede in der Machtverteilung wider, die bei uns immer noch existieren“. Mehr Gleichheit in den Chefetagen und bei der politischen Ämterverteilung werde das Treueverhalten von Frauen dem der Männer anpassen.

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