Griechenland : Wo sogar das Meer nach Feuer riecht

Badeurlaub mit Kulturprogramm: Olympia sollte der Höhepunkt der Sommerreise werden - was eine deutsche Familie stattdessen bei den verheerenden Bränden in Griechenland erlebte.

Karin Scheu[Olympia]

Schon als wir aufbrachen, wussten wir, dass in diesem Sommer in Griechenland Brände wüten. Betrifft uns aber nicht, dachten wir. Wir sind auf dem Weg in die Elias. Weit weg vom brennenden Süden des Peleponnes. Wir freuen uns auf Badeurlaub mit Kulturprogramm: Auf nach Olympia! Die antike Sportstätte soll ein Highlight werden. Die Ferienbleibe ist ein schattiger Campingplatz zwischen Oleanderbüschen mit Blick auf die Insel Zakynthos. Herrlich. Komisch nur dieser verhangene Horizont. Gluthitze am Tag, kaum geringere Temperaturen in der Nacht. Endlich ab ins Meer. Aber das riecht nach mehr als Meer. Es riecht nach Feuer. Und schon frühmorgens Fluglärm. Uns ist schlagartig klar: Es brennt nicht nur im Süden. In Amaliada, 20 Kilometer weiter, so erfahren wir beim Nescafe-Frappé in der Bar, hat das Feuer schon Menschenleben gefordert. Der Fernseher läuft, Bilder verzweifelt gegen Feuerwände ankämpfender Löschtrupps oder mit Besen auf züngelnde Flammen klopfende Menschen. Der Wirt erklärt in gebrochenem Englisch: 120 Brände all over Greece, 45 Tote bisher. Auch ganz in der Nähe: bei Olympia, das sind nur 55 Kilometer.

Die Spuren kommen näher. Unser Strand hat nun einen schwarzen Saum, überall schwimmen verkohlte Pflanzenreste. Die Löschflugzeuge brummen wieder und wieder über die Bucht, tanken Meerwasser, fliegen in großen Schleifen in alle Richtungen davon. Der Campingplatz leert sich. Wer weiß, wohin die Funken fliegen. Sollen wir auch aufbrechen? Vier Tage nach dem Inferno die Nachricht: Olympia ist wieder offen – per sms aus Deutschland. Das lassen wir uns nicht entgehen. Acht Tage geräuchertes Strandvergnügen sind genug. 30 Kilometer Schnellstraße durch Melonenfelder und Orangenplantagen, in Pyrgos geht es ins hügelige Hinterland. Hier ist alles anders. Nach zehn Minuten durchqueren wir nur mehr verbrannte Erde. Links und rechts: schwarzgraue Böden, angekohlte Bäume und Sträucher, Asche, schmauchende Stümpfe. Unserer Tochter wird schlecht, der Dauergeruch nach Verschmortem ist nicht sonderlich erfrischend. Je näher Olympia kommt, desto trauriger sieht es aus. Wie nach einem Atombombenabwurf, entfährt es meinem Mann. Falsch, kontert unser Achtjähriger: Dann wäre doch auch die Straße kaputt. Dann die ersten Häuser von Olympia. Einige wenige sind ausgebrannt. Die meisten konnten offenbar noch im Garten löschen. Auf den Straßen überall Militär- und Feuerwehrfahrzeuge. Sind wir hier richtig?

Ein Parkplatz ist schnell gefunden. In den Snackbars sind nur wenige Stühle besetzt. An normalen Tagen kommen 3000 Besucher, heute sind es gerade mal 50. Wir steigen den Hang hinauf Richtung Kronos-Hügel, zu dessen Füßen das Ausgrabungsfeld des Archaia Olympia, des antiken Olympia, liegt. Hoch die Treppen zum Archäologischen Museum, ein strahlend weißer Rechteckbau, der erst zu den Spielen in Athen hergerichtet wurde. Makellos. Ohne jedem Brandfleck. Die Parkanlage sieht düster aus: kein Gras, nur schwarze Bäume. Direkt am Museum: abgesägte, schwarze Stümpfe, ein ausgebrannter Kleinbus. Kann das wahr sein? Wir tauchen ein in die Kühle der Ausstellungsräume – sind sofort im Bann vergangener Jahrhunderte. Grabbeigaben der Frühzeit, lange vor Olympia, glänzende Marmorstatuen, farbenfrohe Repliken von Mosaiken, die einst das Haus Neros zierten, Opferkessel, winzige Tierfiguren, Schilde, Helme – alles, was Athleten vor 2000 Jahren so wichtig war. Und das Modell der antiken Sportstätte. Was wird uns nach diesem Überblick draußen erwarten?

Die Meter bis zum Eingang des Weltkulturerbes - ein Weg durch ein Aschenfeld. Dahinter: plätschernde Brünnlein, wo hitzegeplagte Touristen an antik anmutenden Schalen aus Rotkalk ihren Durst löschen können. Es ist wie, Verzeihung, aber es ist wie ein Wunder. Die Trümmer liegen so unversehrt da, als wäre erst vorgestern das große Erdbeben gewesen, das vor 1500 Jahren Hunderte Tempelsäulen flach legte, die Tempelmauern ins Wanken brachte. Über uns wieder dieses Brummen. Löschflugzeuge und Hubschrauber mit gefährlich schaukelnden Wassersäcken. Die Hügel ringsum: schwarz, verkohlte Baumleichen. Bis zum Zaun der Ausgrabungsstätte. Der ist die Grenze. Wie ging das? Jenseits scheint alles Leben ausgelöscht, das Ruinenfeld blieb unbeschadet.

Der Souvenirhändler klingt verzweifelt und traurig angesichts der Katastrophe. Wie aus Trotz aber erzählt er auch schon von neuen Plänen. Wenn im März das ewige Feuer für Peking abgeholt wird, soll es schon wieder grün sein. Von den Spenden wollen sie gleich große Bäume pflanzen. Wie die am Hang bewässert werden sollen, weiß allerdings niemand.

Als wir gehen, hat unser Sohn 27 über unsere Köpfe fliegende Löschflugzeuge gezählt. Verweilen wollen wir hier nicht. Uns zieht es zurück ans Wasser. Wer weiß, wohin die Funken noch fliegen.

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