Grippe : Die Stadt, der Müll, kein Schwein

Borstentiere fraßen den Abfall von Kairo. Wegen der Grippe ordnete die Regierung ihre Tötung an – und schaffte ein neues Problem.

Sandra Fejjeri[Kairo]
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Geschlachtete Existenz. Auch der Müllsammler Morgan Girgis hat sich vor einigen Monaten von seinen Schweinen trennen müssen – wie...laif

Die Luft an diesem Morgen ist noch frisch, hoch oben am Kloster auf dem Mukattamberg. Schaut Hakim Raggaie von hier zum Horizont, kann er die Hochhäuser in der Innenstadt von Kairo erkennen. Wie ein Versprechen auf Fortschritt ragen die Bürotürme in den dunstigen Morgenhimmel der Metropole, doch zu seinen Füßen liegt ihr Auswurf: Manshiet Nassr, ein Millionenslum. Acht Tonnen Abfall verdaut der Stadtteil pro Tag: Müll aus Kairos bürgerlichen Wohnvierteln, den die Zabbalin, Manshiet Nassrs gut 50 000 Müllsammler, täglich an den Haustüren sammeln.

Hakim Raggaie ist Unternehmer. Seinen runden Bauch umspannt eine schwarze Nadelstreifen-Jallabiya, ein goldener Ring funkelt am kleinen Finger. Läuft er die morastigen Gassen zu seinem Grundstück hinunter, sieht er Müll in allen Größen, Formen und Farben, verpackt, gestapelt und verschnürt. Nichts Ungewöhnliches also – und dennoch ist hier nichts mehr wie zuvor. Denn seit die Regierung im Frühjahr alle Schweine des Landes töten ließ, brachte sie in Manshiet Nassr einen ganzen Kreislauf zum Erliegen: Ein auf dem Schwein beruhendes Wirtschaftssystem. Seitdem steht Raggaies Existenz vor dem Aus. Und Kairos Straßen verwandeln sich zu stinkenden Müllhalden.

Als sich im Frühjahr das Schweinegrippe-Virus rund um den Globus ausbreitete, gab es in Ägypten keinen einzigen Krankheitsfall. Doch das Land wurde erfasst von einer Art Massenhysterie. Die Schweine seien gefährlich, hieß es plötzlich. Hatte Ägypten bei Ausbruch der Vogelgrippe zu spät reagiert, beschloss das Parlament, nun umso schneller zu handeln: Alle 350 000 Schweine des Landes sollten getötet werden. Männer in weißen Anzügen kamen damals auch nach Manshiet Nassr, warfen die Tiere auf Lastwagen, die mit der quiekenden Ladung davonfuhren. Einige Schweine wurden zwangsgeschlachtet. Die anderen, erzählen die Zabbalin, seien qualvoll in der Wüste verendet. Einzig der Staat hält heute in Ägypten heute noch Schweine – in einem Labor zur Insulinproduktion.

Die Regierung, sagt ein Mann in Manshiet Nassr, habe nur auf eine Gelegenheit gewartet, um die Schweine loszuwerden. Auch wenn es Muslime gab, die Schweine hielten, so traf die Aktion in erster Linie die koptischen Christen. Jeden Donnerstag strömen sie zu Tausenden in den Gottesdienst von Vater Samaan in die Freiluftkirche, hoch oben auf dem Mukattamberg. Und vielleicht hilft ja nur noch das. Schon einmal, so geht eine Legende aus dem zehnten Jahrhundert, rettete Gott die Christen von Mukattam. Nur wenn ihr Glaube den Berg versetze, verfügte der Kalif, dürfe ihr Patriarch am Leben bleiben. Drei Tage und Nächte lang beteten sie – und das Wunder geschah.

Um zu verstehen, wie die Symbiose aus Müll, Mensch und Schwein in Manshiet Nassr entstand, muss man zurückblicken auf die Migrationsbiografien seiner Bewohner. Es waren koptische Christen aus Oberägypten, die in den 50er Jahren mit ihren Schweinen nach Kairo zogen. Sie flohen vom Land in der Hoffnung auf Wohlstand, um doch nur in der Armut der Großstadt zu enden. Als einfache Bauern schien ihnen einzig das Müllgeschäft viel versprechend, konnten sie mit den organischen Abfällen ihre Tiere mästen. Die Schweinezucht wurde zur Haupteinnahmequelle, zur Grundlage ihrer neuen Großstadtexistenz. Seitdem ziehen die Zabbalin von Tür zu Tür, sechs Tage pro Woche, ohne Krankenversicherung, ohne Arbeitsschutz. Für einen Lohn, der schon mit Schweinen kaum für ein Leben reichte.

Wenn Jussif Shukri mit seinem Pick-up spät in der Nacht nach Hause kommt, war er 16 Stunden auf den Beinen. Er hat mit einem großen Korb auf den Schultern die Stiegen der Häuser im noblen Viertel Zamalek erklommen, hat alles mitgenommen, was die Leute vor ihre Türen gestellt haben. Doch seitdem seine Familie keine Schweine mehr hält, hat auch er so gut wie kein Einkommen mehr. „Das Müllsammeln allein ist die Mühe kaum wert“, erzählt er. Von dem Erlös aus dem Recycling muss er die Miete für den Pick-up bezahlen. So bleibt ihm am Ende oft nicht mehr als das Trinkgeld, das er beim Sammeln verdient.

Mehr als 80 Prozent allen nicht-organischen Abfalls werden in Manshiet Nassr recycelt, doch der Preis für diese Effizienz ist hoch. Das Sortieren ist immer noch Handarbeit, Hautkrankheiten und Hepatitis sind verbreitet. Seitdem es keine Schweine mehr gibt, erzählt der Arzt Atif Salib vom lokalen Krankenhaus in Manshiet Nassr, leiden viele Kinder des Viertels an Anämie. Denn Schwein war das einzig bezahlbare Fleisch, das sie hier auf die Teller bekamen.

In Manshiet Nassr ist es inzwischen Abend geworden. Die Sonne steht tief über dem Mukattamberg, als Hakim Raggaie auf seiner Müllhalde Tee serviert. Raggaie ist einer der wenigen, die reich geworden sind mit dem, was andere wegwerfen. Doch letztlich ist auch er nur ein weiterer Verlierer. Raggaie hielt 5000 Schweine, betrieb vier Metzgereien, die nun geschlossen sind. Das Schweinegeschäft machte 80 Prozent seines Einkommens aus. Er hatte 50 Mitarbeiter, alle Brüder arbeiteten als Metzger, ihr Fleisch fand unterschiedlichste Abnehmer: Produzenten, Hotelküchen, private Metzgereien. Es war eine lange Wertschöpfungskette, die mit dem Tod der Schweine ihr Ende fand. Und vielleicht ist dies die eigentliche Tragik des Ganzen, dass es zurzeit für niemanden eine Alternative gibt.

„Es war die Arbeit unserer Eltern und Großeltern“, sagt Raggaie und schweigt eine Weile, bis seine kleine Nichte Juliana inmitten des stinkenden Mülls, der Ziegen, Schafe und Fliegen, eine kleine Gummiratte aus der Hosentasche zieht, und sie plötzlich alle zu lachen anfangen, gar nicht mehr aufhören können, bis Raggaie irgendwann in Richtung des Berges deutet, und sagt: „Wir sind die Menschen des Wunders von Mukattam. Die Schweine werden wiederkommen.“

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