Welt : Grippe löst Notstand in Paris aus

Krankheit tötet in Deutschland jährlich 12- bis 20000 Menschen

Nicola Siegm,-Schultze

Droht Deutschland eine Grippewelle? In Frankreich haben sich bereits 600000 Menschen mit Grippeviren angesteckt. Wegen des Ansturms auf die Krankenhäuser wurde am Wochenende im Großraum Paris der Notstand ausgerufen. Der Notfallplan sieht vor, Ärzte und Krankenschwestern aus dem Urlaub zurückzubeordern. Experten erwarten ein Übergreifen auf Deutschland. Schon bei weitgehend normalem Verlauf der Epidemie schätzen Experten die Zahl der Grippetoten in Deutschland auf 12- bis 20000 pro Jahr. Zum Vergleich: Im Straßenverkehr starben im letzten Jahr 6842 Menschen. Bei Grippe sterben die Menschen häufig an einer Lungenentzündung durch Bakterien, denen die Grippeviren den Weg bereiten.

Der Wettlauf der Medizin mit dem Influenza-Virus gleicht dem von Hase und Igel. Die wichtigste Vorbeugung ist eine Impfung, aber wenn die aktuellen Impfstoffe da sind – in jedem Jahr werden sie neu zusammengesetzt –, hat sich das Grippevirus möglicherweise schon in einen anderen Mantel gehüllt und wird vom Immunsystem auch geimpfter Personen nicht mehr optimal erkannt. Der Grund, warum das Virus den Part des schlauen Igels hat: Es kann sich nicht nur im Menschen, sondern auch in vielen Tierarten vermehren, die eng mit Menschen zusammenleben, zum Beispiel Hühnern und Schweinen. Damit ähnelt das Angebot der Gene, aus dem das Virus schöpft, einem riesigen Supermarkt. So überraschten im vergangenen Winter neue, tödliche Erreger der Subtyen H5N1 und H7N7 die Niederlande und Hong Kong. Jetzt sagen Virusexperten, unter den Erregern der kommenden Saison befinde sich das aus Asien stammende Fujian-Virus. Der Grippe-Impfstoff aber, der nach Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation bereits im Februar diesen Jahres hergestellt worden ist, enthält keine Komponenten dieses Erregers. An einer Infektion mit dem Fujian-Virus sind in Großbritannien bereits mehrere Menschen gestorben.

Kritik an schlechter Vorsorge

Eine Sprecherin des Bundesamtes für Sera und Impfstoffe bestätigte gegenüber dpa, dass der Impfstoff keine Fujian-Komponente enthalte. Man habe sich bewusst für Komponenten des Panama-Virus entschieden, welches dem Fujian-Virus immunologisch ähnele. Mit dem Panama-Virus ließen sich größere Mengen Impfstoff herstellen als mit Fujian-Viren. Der Immunschutz mit dem aktuellen Impfstoff beträgt Schätzungen zu Folge 70 Prozent, das heißt von 100 geimpften Personen, die mit dem Virus in Kontakt kommen, erkranken nur etwa dreißig. Die Wirksamkeit liege damit im „völlig normalen Bereich zwischen 60 und 80 Prozent", so die Sprecherin. Wer sechzig Jahre alt ist und älter oder aus anderen Gründen wie chronischen Krankheiten ein geschwächtes Immunsystem hat, sollte sich möglichst rasch impfen lassen. Innerhalb von sieben bis 14 Tagen haben sich Antikörper gebildet. Den Verlauf einer Grippe können zudem Medikamente abschwächen. US-Forscher fordern zudem in dem Wissenschaftsmagazin „Science“, die Herstellung des Impfstoffs müsse mit einer neuen Methode beschleunigt, die Vorlaufzeit verkürzt werden. Den Wettlauf zwischen Virus und Mensch wird vermutlich immer das Virus gewinnen, aber der Mensch könnte den Abstand verkürzen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben