Welt : "Größte Touristenanlage Nordeuropas" in Mecklenburg-Vorpommern eingeweiht

Wolfgang Mulke

"Es ist doch alles eine Katastrophe", schimpft der mit Unterhemd und kurzer Hose bekleidete Nachbar. Der Zorn gilt den Baufahrzeugen, die in Minutentakt über die Dorfstraße des Fleckens Göhren-Lebbin in Mecklenburg-Vorpommern an seinem Haus vorbei donnern. Sein Blick wandert hinüber zum neuen Nachbarn. Dort empfängt der erste Robinson-Club in Deutschland in Fachwerkhäusern die ersten Gäste, warten Grünflächen, Pool und Freizeitangebote auf Kundschaft. Ein paar hundert Meter weiter lädt ein Hotel zum Verweilen ein - die Tourismusindustrie ist am Fleesensee auf halbem Weg zwischen Hamburg und Berlin eingefallen.

Am Sonnabend kam Bundeskanzler Gerhard Schröder, um die nach Angaben der Investoren "größte Ferienanlage Nordeuropas" zu eröffnen. Dabei schlug er in der Golfanlage tapfer einen Ball.

Mit einem Aufwand von 400 Millionen Mark haben die Bauherren auf 550 Hektar Land eine riesige Ferienlandschaft aus dem platten Land gestampft. Bis zu 1900 Gäste werden künftig das gut 500 Einwohner zählende Dorf beleben, wenn das Kalkül der Investoren aufgeht. Die Urlauberlandschaft soll den Eindruck einer Idylle vermitteln. Die Wohneinheiten im Dorfhotel heißen etwa "Fischerdorf" oder "Mühlendorf". Kinder dürfen ein Piratenschiff erobern, ihre Eltern bei Störtebeker speisen.

"Um uns kümmert sich keiner", grummelt dagegen der Nachbar. Die Fassade seines Hauses habe schon lange keine frische Farbe mehr gesehen. Für den Betrieb der Anlagen haben sich große Unternehmen der Reisebranche zusammen getan. Die Radisson-Gruppe betreibt im örtlichen Schloss ein Luxushotel, der Veranstalter TUI betreibt den Robinson-Club sowie das Dorfhotel.

Vier Golfplätze, ein Thermalbad, 16 Tennisplätze, Wassersport- und Reitrevier sollen Langeweile bei den Urlauber verhindern. TUI erprobt sein im warmen Süden erfolgreiches Clubkonzept erstmals zwischen Raps- und Getreidefeldern in Deutschland. "Das Management hatte anfangs große Zweifel, ob dies Erfolg haben wird", sagt der Marketing-Chef der Betreiber-Gemeinschaft, Uwe Kattwinkel.

Den größten Teil der Animateure hat TUI aus anderen Clubs abgezogen. Der Leiter kam aus Tunesien an die mecklenburgische Seenplatte. Doch auch für die von der Landwirtschaft geprägte Region bringt das Feriendorf neue Arbeitsplätze.

80 Prozent der 500 Jobs in den Anlagen seien mit heimischen Arbeitskräften besetzt worden, sagt Detlev Fricke, Chef der Berliner Unternehmensgruppe Katz, die für das Bauvorhaben verantwortlich ist. "Fleesensee ist ein Vorzeigeobjekt für den Aufbau Ost".

Am Nachbarn, der seinen Namen nicht nennen will, ist der Aufschwung aber nach eigenen Worten vorbei gegangen. Als Invalide könne er leider nicht mehr arbeiten und einen festen Weg vorm Haus habe er auch vorher schon gehabt, erzählt er mit Blick auf die neuen Verbundsteine vor seinem Haus.

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