Welt : Groß, selten – und giftig

Wale leiden immer mehr unter Meeresverschmutzung. Deshalb findet das Fleisch der riesigen Säuger immer weniger Abnehmer

Dagmar Dehmer

Für den Pazifik-Grauwal kommt die Hilfe der Internationalen Walfangkommission (IWC) vermutlich zu spät. Zwar hat die Jahrestagung der Kommission, die am Donnerstag zu Ende ging, in einer Resolution die Erdölkonzerne Shell und Exxon aufgefordert, vor der Küste Sachalins in Russland vorläufig keine neuen Bohrinseln und keine Unterwasser-Pipeline zu bauen. Aber es ist eben nur ein Appell. Die 35 Tonnen schweren Grauwale suchen ausschließlich die Sachalin-Küste auf, um ihre Jungen zu bekommen. Nach einer Schätzung des World Wide Fund for Nature (WWF) gibt es nur noch etwa 100 dieser Tiere. Ihre Verwandten im Atlantischen Ozean sind schon vorher ausgestorben – durch die Jagd.

Seit dem 11. Jahrhundert wurden die großen Meeressäuger vom Menschen getötet – wegen des Fleisches, wegen des Öls für Lampen oder des Fischbeins für die Mode. Die Barten, durch die viele Wale Kleinlebewesen sieben, von denen sie sich ernähren, sind bis ins 19. Jahrhundert zu Korsetten verarbeitet worden. Doch der Bedarf an Fischbein und Speck ist deutlich zurückgegangen. Einen bescheidenen Markt für Walfleisch gibt es heute nur noch in Japan oder Norwegen. Und selbst der geht zurück. Denn Wale leiden auch stark unter der Meeresverschmutzung. In ihren Körpern reichern sich giftige Chemikalien, hormonell wirkende Stoffe und Schwermetalle an, so dass Walfleisch ein Fall für die Sondermülldeponie geworden ist.

Zumindest die Großwalarten sind seit 1986 durch ein vorübergehendes Fangverbot geschützt. Außerdem hat die Washingtoner Artenschutzkonvention (Cites) diese Wale unter Schutz gestellt. Das heißt: Mit ihrem Fleisch darf nicht mehr gehandelt werden. Das Walfangverbot hat bei einigen Arten zu einer Erholung der Bestände geführt. So gibt es beispielsweise inzwischen wieder mehr Grönlandwale. Für andere stark gefährdete Arten kam das Moratorium zu spät. Etwa für den Blauwal, das größte Säugetier, das je auf der Erde gelebt hat. Er wird im Durchschnitt 23 bis 27 Meter lang und wiegt rund 100 Tonnen. Er gehörte zu den am stärksten bejagten Arten. Nach Schätzungen der IWC gibt es weltweit noch knapp 5000 Blauwale.

Noch kleiner sind die Überlebenschancen für die Nordkaper, die so genannten „wahren Wale“. Zwar darf der Nordkaper schon seit 1935 nicht mehr gejagt werden. Trotzdem gibt es höchstens noch 300 dieser Tiere. Die langsamen Tiere waren die ersten, denen die Walfänger gnadenlos nachstellten. Die Nordkaper sind auch bei ihrer Fortpflanzung langsam. Die Weibchen haben nur alle drei bis vier Jahre ein Kalb. Obwohl sie unter strengem Schutz stehen, sterben jedes Jahr Nordkaper, weil sie mit großen Schiffen zusammenstoßen. Warum sie diese Hindernisse nicht wahrnehmen oder ihnen nicht ausweichen, ist unbekannt. Erst seit diesem Jahr ist dieses Risiko etwas verringert worden: Die Internationale Meeres-Organisation (Imo) hat einen der meist befahrenen Schiffswege im Lebensraum der Nordkaper verlegt.

Bei der Jahrestagung der Walfangkommission im italienischen Sorrent ging es allerdings kaum um den Schutz der Meeressäuger. Japan kämpft seit Jahren verbissen darum, Wale wieder kommerziell jagen zu dürfen. Derzeit tötet das Land vor allem Zwergwale „aus wissenschaftlichen Gründen“. Doch zum ersten Mal wurde dieser wissenschaftliche Walfang in diesem Jahr von der IWC kritisiert – nicht prinzipiell, sondern wegen der grausamen Fangmethoden. In der Nacht zum Donnerstag billigte die IWC eine von Deutschland, Neuseeland, England, Österreich und Indien eingebrachte Resolution, mit der die Wal-Tötungsmethoden scharf kritisiert werden. Die Meeressäuger sollen künftig nicht mehr mit Sprengharpunen erlegt werden – die gängige Jagdmethode.

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