Großbritannien : Enthüllungen jagen das britische Establishment

Die Eliten in Großbritannien stehen unter Generalverdacht. Finanzskandale, Abhörskandale, Pädophilie-Skandale, die Enthüllungen nehmen kein Ende. Haben hochrangige Kreise Täter unterstützt und Ermittlungen unterdrückt?

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Spitze des Eisbergs. Wie konnte es sein, dass das pädophile Treiben des BBC-Stars Jimmy Savile jahrelang nicht verfolgt wurde?
Spitze des Eisbergs. Wie konnte es sein, dass das pädophile Treiben des BBC-Stars Jimmy Savile jahrelang nicht verfolgt wurde?Foto: AFP

„Ist das unser Großbritannien – ein Land von Pädophilen und Terroristen?“, überschrieb die Chefredakteurin des „Evening Standard“ diese Woche eine Theaterbesprechung. Das Stück hieß „Great Britain“ und war, wie könnte es anders sein, eine satirische Komödie.

Vielen Briten ist das Lachen vergangen. In dem Stück ging es um die Klüngelwirtschaft zwischen Politikern, Journalisten und Polizei, die zwei Jahre lang Gegenstand der Leveson-Untersuchung über die Presseethik war. Drei Journalisten erhielten Haftstrafen. Zuvor gab es den Gesellschaftsskandal um die Spesenabrechnungen, mit denen Politiker aller Parteien ihre Gehälter aufbesserten. Politiker kamen ins Gefängnis. Es gab den Krankenhausskandal, wo Ärzte und Krankenhäuser grobe Inkompetenz und Nachlässigkeit vertuschten. Hunderte von Patienten starben.

Aber all das wird von der Welle von Untersuchungen, Prozessen und Vorwürfen übertroffen, bei denen es um Pädophilie quer durch die Gesellschaft geht – und darum, ob die Spitzen der Gesellschaft Täter beschützt und die Ermittlungen unterdrückt haben. Ein ehemaliger Sozialarbeiter im Kinderschutz, Peter McKelvie, schreckte die Briten diese Woche mit Behauptungen auf, solange er lebe – er ist 65 –, habe eine „extrem einflussreiche“ pädophile Elite auf höchster Ebene ihr Unwesen getrieben. „Wir sprechen vom Oberhaus, vom Unterhaus, von Richtern.“ Wieder steht das Establishment am Pranger, das man in besseren Zeiten einmal die „Guten und Großen“ nannte, „the Great and the Good“.

Vorwürfe um Kindsmissbrauch machen seit Jahrzehnten die Runde. Man zischelt von Politikern, Polizeichefs, Bischöfen, einem „internationalen Popstar“ – bis hinauf in royale Kreise gehe der Skandal. McElvies bezieht seine Informationen aus der Verhaftung eines notorischen Pädophilen namens Peter Righton, der 1992 verhaftet wurde und „Koffer mit Briefen und Kontakten“ unterm Bett gehabt haben soll. Righton war nicht nur Berater des Kinderschutzbundes, sondern auch Mitglied des „Pädophile Information Exchange“ (PIE), einer Organisation, die für die Legalisierung von sexuellen Beziehungen mit Kindern eintrat. Es war die Zeit der Hippies, der Kommunen, der sexuellen Befreiung. Der „PIE“ sah sich als progressive Speerspitze gesellschaftlicher Befreiung. Indirekt wurde er sogar von der Labourpartei unterstützt.

"Es ist wichtiger das System zu schützen"

Als die Polizei 1982 das „Elm Guest House“ in Richmond stürmte, das eine in Deutschland geborene Carole Kasir als eine Art Kinderbordell geführt haben soll, seien der Polizei Listen mit hochrangigen Namen in die Hände gefallen, wird behauptet. Vor einem Jahr nahm die Polizei den Faden wieder auf. 1983 erzählte der Labour-Parlamentarier Geoffrey Dickens, inzwischen verstorben, dem „Daily Express“, er habe eine Liste mit „acht großen, wirklich wichtigen Namen“ und werde sie im Unterhaus bloßstellen. Was nie geschah. Er sei ein Wichtigtuer gewesen, sagen einige Abgeordnete. Der damalige Tory-Spitzenpolitiker Lord Tebitt sah es diese Woche in der BBC etwas anders: „Damals dürften die meisten Menschen gedacht haben, wenn ein paar Sachen schiefgegangen sind, dann ist es wichtiger, das System zu schützen, als zu tief zu bohren“, räumte er ein und fuhr fort: „Das war falsch und hat den Missbrauch nur schlimmer gemacht.“

Jahrzehntelang scheint der übergewichtige liberaldemokratische Politiker Cyril Smith Kinder und Jugendliche missbraucht zu haben, die er als angesehener Abgeordneter in Rochdale einschüchtern konnte. 140 Beschwerden sollen im Laufe der Jahre über ihn eingegangen sein, schrieb der Abgeordnete Simon Danczuk, heute Abgeordneter für Rochdale, in einem Buch. Wo blieb die Polizei?, fragen nun die Briten.

Immer breiter wird die Spur. Erst ging es um Priester und Waisenhäuser, Kinderheime, Internate und Jugendämter. Dann wurde BBC-Star Jimmy Savile nach seinem Tode als lebenslanger Kinderschänder entlarvt und die BBC kam in den Verdacht, beide Augen zugedrückt zu haben. Als herauskam, dass Savile sein Unwesen noch lieber als in BBC-Studios in Krankenhäusern des Staatlichen Gesundheitsdienstes NHS trieb, wo er sich unter dem Deckmantel besorgter Wohltätigkeit an die Betten kranker Kinder schlich, kam das Gesundheitssystem unter die Lupe. Andere Stars kamen auf die Anklagebank, zuletzt der als lustiger Schnellzeichner im Kinderfernsehen berühmt gewordene TV-Onkel Rolf Harris, der knapp sechs Jahre Gefängnis bekam.

Eine Untersuchung jagt die andere

Eine Untersuchung jagt die andere. In Rochdale, bei der BBC, im Gesundheitswesen NHS, im Bildungsministerium, bei der Polizei. Man untersucht Kinderheime in Nord Wales, in Nordirland, in Jersey. Als eine interne Prüfung im Innenministerium ergab, dass 114 Dokumente, möglicherweise mit den Namen von Tätern, unerklärlicherweise verschwunden ist, drückte Innenministerin Theresa May den Panik-Knopf und ordnete zwei weitere Untersuchungen an. Premier David Cameron versprach: „Wir werden jeden Stein umdrehen.“

So kamen zu dem Dutzend Untersuchungen von „historischem Kindsmissbrauch“ zwei weitere dazu: In der ersten soll der Chef des nationalen Kinderschutzbunds NSPCC, Peter Wanless, die frühere Arbeit von Polizei und Staatsanwaltschaft beleuchten. In der zweiten soll die 80-jährige frühere High-Court-Richterin Elizabeth Butler-Sloss eine Art Generalabrechnung mit dem historischen Kindsmissbrauch versuchen. Aber die betagte Richterin kam sofort in Kritik und Verdacht: Ihre Untersuchung komme nur den Ermittlungen der Polizei in die Quere und sie selbst sei befangen, weil ihr verstorbener Bruder, Michael Havers, in den 1980er Jahren Generalstaatsanwalt war, als aufkommende Hinweise auf Pädophilennetzwerke nicht verfolgt wurden.

Die Untersuchungen sollen das Unmögliche schaffen. Der Wahrheit auf die Spur kommen – und gleichzeitig das wachsende Misstrauen und die Panik in der Gesellschaft beschwichtigen. Keine leicht zu vereinbarende Aufgabe.

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