Großbritannien : Flut auf der Insel

Die Briten erleben die schlimmste Hochwasserkatastrophe der vergangenen Jahrzehnte.

Markus Hesselmann[London]
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Land unter in Großbritannien - und keine Entwarnung in Sicht. -Foto: dpa

LondonDie Bilder der Flut sind überall: auf den Titelseiten der Zeitungen und auf dem Bildschirm, vom Frühstücksfernsehen bis zum späten Abend. Das Hochwasser in England hat die anderen spektakulären Nachrichten der vergangenen Tage verdrängt – den diplomatischen Konflikt mit Russland, die weiterhin hohe Terrorismusgefahr und die Bekenntnisse großer Teile des britischen Kabinetts, in jüngeren Jahren den einen oder anderen Joint geraucht zu haben.

„Tausende ohne Trinkwasser – die Flut bringt Chaos“, titelt der sonst eher nüchterne „Guardian“ und zeigt ein Luftbild der vom Wasser eingeschlossenen Ortschaft Upton-upon-Severn. „Dürre“, steht in großen, fetten Buchstaben auf der Titelseite der Boulevardzeitung „Daily Mirror“. Darunter ein ähnliches Bild wie das im „Guardian“ – ein Foto, das alles andere als Trockenheit zeigt. Die Schlagzeile soll die absurde Situation einfangen, in der sich Hunderttausende Briten derzeit befinden: Ihre Häuser stehen unter Wasser, aber sie haben kein Trinkwasser mehr. Andere Zeitungen bringen ähnliche Bilder. Die Kathedrale von Tewkesbury zum Beispiel wirkt darauf wie eine Wasserburg.

Nach neuen starken Regenfällen hat sich die Hochwasserlage in den vergangenen Tagen dramatisch verschlechtert. Zehntausende Haushalte in den Grafschaften Gloucestershire und Herefordshire waren am Montag ohne Strom. Der Eisenbahn- und Straßenverkehr ist weitgehend unterbrochen. Schon am Wochenende wurden Tausende Menschen evakuiert und in Notunterkünften versorgt. Die britische Luftwaffe flog dazu ihren bislang größten Einsatz in Friedenszeiten. Vor allem die Flüsse Severn und Avon führen Hochwasser. Die britische Umweltbehörde sprach von einer kritischen Situation und gab für neun Gebiete Flutwarnungen heraus. Die Meteorologen warnten, dass sich die heftigen Niederschläge bis Dienstag eher noch verstärken würden. Mit weiteren Evakuierungen wird gerechnet.

Als Gordon Brown in seiner ersten Pressekonferenz als Premierminister im weitgehend trockenen London vor die Journalisten trat, galten gleich seine ersten Worte den Flutopfern. „Ich komme gerade aus Gloucester“, sagte der britische Regierungschef und ähnelte in der Pose des Kämpfers gegen die Naturgewalten ein bisschen dem früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder bei seinen Fluteinsätzen. In einem Rundflug hatte Brown sich ein Bild von der Lage gemacht. Allein in der Grafschaft Gloucestershire sind 70 000 Haushalte ohne Wasserversorgung, in den nächsten Tagen könnten es doppelt so viele sein. Mehr als 40 000 Haushalten fehlte der Strom, nachdem ein Kraftwerk wegen des Unwetters vom Netz genommen worden war.


Brown verteidigte sich gegen Kritik, die Mittel für den Hochwasserschutz seien unzureichend. Oberste Priorität habe die Sicherheit der Bürger, sagte der Premier. Die Ausgaben für den Hochwasserschutz seien in den vergangenen zehn Jahren auf 600 Millionen Pfund (umgerechnet 900 Millionen Euro) verdoppelt worden, sagte der neue Umweltminister Hilary Benn, der an der Pressekonferenz des Premiers in der Downing Street teilnahm. Mindestens 90 Prozent der Deiche seien in einem guten Zustand. Mancherorts sei das Hochwasser aber stärker als erwartet.

Brown sieht einen klaren Grund für die Überschwemmungen: „Wie jedes Industrieland stehen wir Problemen des Klimawandels gegenüber“, sagte er . „Es ist ziemlich klar, dass bestimmte Infrastrukturen des 19. Jahrhunderts überdacht werden müssen.“ Brown verwies auf die Notwendigkeit, in Küstenschutz, Hochwasserschutz und in Evakuierungsmaßnahmen zu investieren. Der Premier kündigte eine weitere Aufstockung der Mittel für den Hochwasserschutz an. Das Budget werde um weitere 200 auf 800 Millionen Pfund (rund 1,2 Millionen Euro) angehoben, sagte er.

Der Premier lobte die Einsatzkräfte und nahm die Behörden gegen Vorwürfe in Schutz, wonach sie schlecht vorbereitet waren. „In einigen Gegenden fiel binnen weniger Stunden so viel Regen wie sonst in einem Monat“, sagte Brown.

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