Großbritannien : Oberster Richter will Scharia integrieren

Das islamische Rechtssystem Scharia soll nach Auffassung des Obersten Richters von England in das Zivilrecht integriert werden. Bereits im Februar hatte der Erzbischof von Canterbury einen ähnlichen Vorschlag gemacht - und Protest von höchster Stelle ausgelöst.

London Grundsätze des islamischen Scharia-Rechtssystems sollten nach Ansicht des Obersten Richters von England und Wales auch in Großbritannien zur Beilegung von Streitigkeiten akzeptiert werden. Er sehe "keinen Grund dafür, dass die Scharia oder andere religiöse Regelsätze nicht Grundlage außergerichtlicher Einigungen" sein könnten, sagte Lord Phillips nach Angaben des Senders BBC vom Freitag bei einer Rede im Ostlondoner Muslimischen Zentrum.

Der Chefrichter stellte sich damit am Donnerstagabend hinter ähnliche Forderungen, mit denen das Oberhaupt der Anglikanischen Kirche, Rowan Williams, vor knapp einem halben Jahr scharfe Kritik ausgelöst hatte. Der Erzbischof von Canterbury hatte darauf verwiesen, dass in Großbritannien 1,7 Millionen Muslime leben und erklärt, dass es "unvermeidlich" sei, Elemente der Scharia im britischen Zivilrecht anzuerkennen.

Regierungssprecher: Recht soll auf britischen Werten basieren

Ähnlich wie Williams sagte jetzt auch Lord Phillips, dass es unter Muslimen im Vereinigten Königreich längst Praxis sei, die Scharia zur Lösung von Familien- oder Vertragsstreitigkeiten heranzuziehen. Es sei selbstverständlich, dass niemals Strafen wie das Auspeitschen, Steinigen oder Abhacken von Händen akzeptiert werden könnten, betonte der Oberste Richter. Klar sei auch, dass die Rechtsprechung von Gerichten allein auf der Basis britischer Gesetze erfolge.

Einer der führenden britischen Gerichtsanwälte, Stephen Hockman, sagte, es sei "unerlässlich und unumgänglich", dass die Scharia "in irgendeiner Form" Teil des britischen Rechts werde. Die muslimische Kultur müsse auch in die hiesige Tradition integriert werden. Ein Regierungssprecher betonte, britisches Recht solle "auf britischen Werten basieren und vom britischen Parlament bestimmt werden".

Den Vorstoß des Erzbischofs von Canterbury hatten im Februar Premierminister Gordon Brown und zahlreiche andere Politiker rundweg abgelehnt. Auch das Oberhaupt der Katholischen Kirche von England und Wales, Kardinal Cormac Murphy O'Connor, hatte sich klar dagegen ausgesprochen. "Wenn Leute in dieses Land kommen", meinte O'Connor, "dann haben sie sich an seine Gesetze zu halten." (jam/dpa)

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