Welt : Große Erwartungen

Sechs Länder, sechs Frauen, sechs Babys: Wie die WHO für eine bessere Betreuung von Schwangeren und Kleinkindern kämpft

Dagmar Dehmer

Die Berichte der Weltgesundheitsorganisation (WHO) haben Gewicht – und bestehen meistens aus viel Papier. Auch über Mütter- und Kindersterblichkeit veröffentlicht die WHO regelmäßig die neuesten Zahlen: Jedes Jahr sterben elf Millionen Kinder an vermeidbaren Krankheiten wie Masern oder Durchfall, bevor sie ihren fünften Geburtstag feiern können. Zum Weltgesundheitstag 2005 entschied sich die WHO, sechs Familien für eineinhalb Jahre zu begleiten – und machte aus dem traurigen Thema einen bewegenden Bilderzyklus über „große Erwartungen“. „Wir sind dankbar, dass alle gesund sind“, sagte die Projektleiterin, Rebecca Harding, dem Tagesspiegel zum Abschluss des Internet-Projektes. „Die Familien haben uns einen einmaligen Einblick in ihr Leben gewährt.“ – Was weitergeht, ist die WHO-Beratung für Regierungen, um Schwangerschaft, Geburt und die ersten Lebensjahre von Kindern sicherer zu machen. In Äthiopien beispielsweise bildet die WHO auch Hebammen aus.

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Bolivien: Damiana Dolores Blanco Mamani lebt mit ihrer Familie nicht weit von La Paz, der Hauptstadt Boliviens. Sie war 29 Jahre alt und mit ihrem dritten Kind schwanger, als das WHO-Projekt im Herbst 2004 begann. Ihr Mann ist Taxifahrer und arbeitet oft nachts. Sie selbst betreibt einen kleinen Videoverleih kombiniert mit einem Süßigkeitenladen, um das Familieneinkommen aufzubessern. Damianas Sohn Alberth Rafael wird am 10. Dezember 2004 geboren und wiegt 4,1 Kilogramm. Ihr Mann Abraham ist während der ganzen Geburt dabei und „kann es nicht erwarten, mit seinem Sohn Fußball zu spielen“, erzählt sie. Als der Junge ein halbes Jahr alt ist, stellt ihn den Vater das erste Mal auf die Füße, um ihm Ballkontakt zu ermöglichen. Alberth, der von seinen beiden Schwestern begeistert aufgenommen wird, ist ein gesundes, robustes Kind. Damiana ist nach einem halben Jahr wieder an der Arbeit, und „Alberth liebt es, mir dabei zu helfen. Wobei er keine große Hilfe ist“, erzählt sie. Damiana und Abraham haben sich entschieden, keine weiteren Kinder zu haben.

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Laos: Bounlid ist 27 Jahre alt und erwartet ihr fünftes Kind. Drei Kinder sind gesund. Aber ihre zweite Tochter starb mit sechs Wochen. Bounlid lebt in einem kleinen Dorf. Die Familie teilt sich einen Raum. Sie und ihr Mann Nga leben davon, Bambuskörbe zu flechten, die sie für zehn US-Cents verkaufen. Bounlid kann es sich nicht leisten, eine Hebamme bei der Geburt dabeizuhaben. Sie muss bis kurz vor der Geburt auf dem Feld arbeiten und Körbe flechten. Am 23. Januar 2005 wird Bounlids Tochter Lang nach 36 Stunden Wehen geboren. Ihr Mann Nga schneidet die Nabelschnur mit einem Bambussplitter durch. Nga ist zunächst wenig begeistert von seiner jüngsten Tochter. Er hätte sich einen Sohn gewünscht, berichtet Bounlid. Aber ihre Kinder sind hingerissen vom neuen Baby. Bounlid will eigentlich keine Kinder mehr. Aber sie hat keine Ahnung, wie sie eine erneute Schwangerschaft verhindern kann. In der Regenzeit verfügt die Familie über einen Brunnen, dessen Wasser allerdings nur abgekocht genießbar ist. In der Trockenzeit muss Bounlid eineinhalb Kilometer laufen, um bei einem Nachbarn Wasser zu kaufen. Nach einem halben Jahr arbeitet sie wieder von morgens bis nachts, denn ihr Mann bekommt immer wieder schwere Schübe von Malaria und kann dann gar nicht arbeiten. Die ganze Familie verfügt gerademal über zwei Moskitonetze, die noch dazu durchlöchert sind. Zwei Jahre lang sind in Bounlids Dorf keine Gesundheitshelfer mehr aufgetaucht, deshalb hat Lang auch keine einzige Impfung bekommen. Trotz aller Geldsorgen sagt die Mutter: „Lang hat uns viel Freude gebracht.“

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Indien: Renu Sharma ist 24 Jahre alt und erwartet ihr drittes Kind. Sie lebt nicht weit von Delhi. Renu hat nicht nur einen Haushalt mit zwei kleinen Kindern zu bewältigen, sondern arbeitet auch auf dem Feld und kümmert sich um die Kühe der Familie. Am 28. Januar 2005 wird ihre Tochter Monica geboren, sie wiegt drei Kilogramm. Obwohl es in Indien als Makel gilt, Mädchen zu bekommen, freute sich ihr Mann Jainarayan sehr über den Familenzuwachs, berichtet sie. Im Krankenhaus warten am Tag von Monicas Geburt 25 Frauen auf ihre Entbindung, es gibt aber nur neun Betten. Gut zwei Monate nach der Geburt arbeitet Renu wieder auf dem Feld. Monicas Bruder und ihre Schwester spielen gerne mit dem Baby.

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Äthiopien: Hiwot Tadesse Abraham ist mit ihren 17 Jahren die jüngste Mutter. Sie erwartet ihr erstes Kind. Sie lebt mit ihrer Mutter und ihrer jüngeren Schwester in Addis Abeba. Ihr Freund Asmelash ist 19 Jahre alt. Hiwot hat wegen der Schwangerschaft die Schule verlassen. Im siebten Monat verlässt Asmelash seine Freundin. Die Familie ist umgezogen und hat einen Raum zu einem kleinen Restaurant gemacht. Hiwot und ihre Mutter arbeiten dort von 5.30 Uhr morgens, bis es dunkel wird. Am 2. Januar 2005 wird Hiwots Tochter Elizabeth geboren. Sie wiegt 3,3 Kilogramm. Hiwot ist froh, dass es keine Komplikationen gegeben hat, denn das Krankenhaus, in dem sie entbunden hat, verfügt nicht einmal über fließendes Wasser. Hiwot ist in den ersten Tagen nicht besonders glücklich über ihre neue Mutterrolle. „Manchmal wünsche ich mir sogar, sie nicht zu haben“, sagt sie. Hiwot denkt ernsthaft darüber nach, ihre Tochter zur Adoption freizugeben. Sechs Wochen nach der Geburt einigt sie sich zunächst mit der Familie ihres Freundes, dass diese Elizabeth aufnehmen soll, sobald Hiwot sie nicht mehr stillt. Hiwot hofft, dass es ihr dieses Arrangement ermöglicht, wieder in die Schule zurückzukehren. Ein halbes Jahr später entscheidet sich Hiwot nach einigen Debatten mit ihrem Freund, dass ihre Tochter doch bei ihr bleiben soll. Inzwischen besucht er seine Tochter regelmäßig. Hiwot arbeitet zwölf Stunden am Tag im Restaurant und verdient dabei lediglich knapp neun US-Dollar im Monat. Es gibt kein fließendes Wasser im Haus, deshalb muss Hiwot bei einem Nachbarn Wasser kaufen. Das kostet sie rund zwei US-Cents pro Liter. Hiwot kann sich nicht vorstellen, mehr Kinder zu haben.

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Großbritannien: Claire Roche lebt als Personalentwicklerin in London. Die 29-Jährige erwartet ihr erstes Kind. Am 25. Dezember 2004 bringt Claire ihre Tochter Isabella zur Welt. Nach fünf Stunden Wehen wird die Kleine wegen Komplikationen mit einem Kaiserschnitt geholt. Sie wiegt 3,55 Kilogramm. Obwohl Claire ihre Tochter nicht stillt, ist sie die ersten sechs Wochen mit nichts anderem beschäftigt, als sie zu versorgen. Nach einem halben Jahr kehrt Claire vier Tage pro Woche an ihren Arbeitsplatz zurück. Ihre Mutter passt in dieser Zeit auf Isabella auf. Mit einem Jahr kann Isabella beinahe allein laufen. Claire und ihr Mann Kevin wünschen sich einen Bruder oder eine Schwester für die Kleine.

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Ägypten: Samah Mohamed ist 26 Jahre alt und lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern in Kairo. Sie erwartet ihr drittes Kind. Samah arbeitet als Telefonistin in einem Krankenhaus. Sie ist froh, dass ihr Mann Ahmed sich nicht daran stört, dass sie schon wieder ein Mädchen erwartet. Am 15. Dezember 2004 wird ihre Tochter Basant geboren, sie wiegt drei Kilogramm. Ihr Name bedeutet „schöne Blume“. Vier Wochen nach der Geburt kehrt Samah an ihren Arbeitsplatz zurück. Ihre Mutter, ihre Schwiegermutter und ihre Schwester passen in der Zeit auf Basant auf. Das Mädchen liebt seinen Vater und weint jedes Mal, wenn er den Raum verlässt. Das muss er allerdings oft tun – weil er zwei Jobs hat, um die Familie durchzubringen. Mit einem Jahr läuft Basant schon überall herum. Samah und ihr Mann planen keine weiteren Kinder, „aber wenn Gott uns ein viertes Kind bringt, werden wir glücklich sein“.

Die Geschichten und Fotos sind in englischer Sprache im Internet zu

finden:

http://www.who.int/features/great_expectations/en/index.html

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