Welt : Große Gefühle, kleine Ouvertüre Hunderttausende

in Straßen und Stadien

Robert Ide[München]

Leichtigkeit muss nicht schwer fallen. Hunderttausende Menschen feierten am Wochenende in ganz Deutschland die Fußball-Weltmeisterschaft. Das Land versinkt in ausgelassener Gastfreundschaft, vor Großbildleinwänden und in den Zentren des Geschehens, den Stadien. Den Auftakt hatte eine 30-minütige Eröffnungsfeier in München gebildet, die auf üblichen Stadionbombast wie Nebelshow und Feuerwerk verzichtete (es war ja noch hell) und stattdessen den Charme von Heuhaufen, bunten Kostümen und kleiner Symbolik zeigte. Ein Stofftuch, auf dem „Welcome“ stand, fiel zur Krönung vom Stadiondach.

Mit dem Gebimmel von Kuhglocken und dem Stampfen von Schuhplattlern wurde die Welt auf bayerische Art willkommen geheißen. Die Gefahr, dass nicht jeder die ironische Persiflage auf das Deutschlandbild versteht, nahmen Regisseur Christian Stückl und WM-Kulturchef André Heller mutig in Kauf. „Eine schöne Show“ sah Herbert Grönemeyer, der mit seiner WM-Hymne „Zeit, dass sich was dreht“ begeisterte.

Wie auf den Straßen und Plätzen zeigte sich Deutschland auch beim Auftakt in lockerer Vielfalt. Die Berliner Band Seeed gab dem Fest ihr junges Hip-Hop-Raggae-Gesicht, bevor Frauen in riesigen Kostümen über dem Rasen schwebten und Claudia Schiffer dem goldenen WM-Pokal noch mehr Glanz verlieh.

Kleine Dramen spielten sich in den Katakomben der Münchner Arena ab. Joseph Blatter tröstete sich mit einer der Fifa eigenen Dialektik, dass auch Popstars ausgepfiffen werden. Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder verließ ohne Worte das Stadion – er hatte die WM noch im Amt erleben wollen, doch dann kam die vorgezogene Bundestagswahl dazwischen. André Heller, dem eine große Eröffnungsshow in Berlin von der Fifa gestrichen worden war, gab sich nach der kleinen Ouvertüre „zufrieden und frohgemut“.

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