Welt : "Große Geiger": Con affetto

Friedemann Kluge

Ein vollkommen überflüssiges Buch! Denn: Hat nicht, wie jeder andere Prominente, auch jeder große Violinvirtuose längst seinen Biographen gefunden? Einen Biographen, der vom Elternhaus bis hin zum allfälligen Karriere-Ende alles ausleuchtet, was eine Vita zu einer solchen macht: Wunderkind-Dasein, Kapricen, Ehen und Liebschaften, Anzahl der Auftritte in aller Welt, Schallplatteneinspielungen, Erfolge und Misserfolge.

Ja, gewiss, alles dies gibt es massenhaft. Aber worunter viele Künstlerbiographien leiden, ist der mangelnde Blick auf das Wesentliche, das Geigerische nämlich. Und genau hier setzt Harald Eggebrecht ein. Er charakterisiert das Spiel der Virtuosen, beschreibt, worin seine Besonderheiten liegen, wie es sich vom Musizierstil der Kollegen abhebt und tut dieses alles mit einer solchen Fülle an Ausdrucksmitteln, mit einem solch unglaublich riesigen Wortschatz, dass einem bei der Lektüre schon manchmal etwas Bedenken kommen: Lässt sich Musik wirklich in Worte kleiden, lassen sich Klänge anders beschreiben als eben durch Klänge?

Gewiss, es sind stets nur Metaphern, aber angesichts des präzisen Umgangs, den Harald Eggebrecht mit ihnen pflegt, kann man sich schon schwindelig lesen! Der Autor schafft es, den doch nur mit Worten beschriebenen Klang vor dem inneren Ohr de Lesers entstehen zu lassen, ihn hörbar zu machen: Eine frappierend genaue und zudem pointierte Analyse der unterschiedlichen Geiger-"Sprachen"! Zum Beispiel Thomas Zehetmair: "... er setzt auf Artikulation durch feinste Abstufung der Dynamik, er benutzte kein Vibrato, die Töne hatten, bildlich gesprochen, Spindelform, also eine Art Schweller in der Mitte."

Es gibt nicht nur Anne Sophie Mutter

Oder Ida Haendel mit ihrem "unerhört facettenreichen Geigenklang, der vom gehauchten Irisieren bis zur scharfen, ja, höhnischen Attacke alle nur denkbaren Nuancen der Charakterisierung und Abtönung kennt." Plastischer lässt sich Musik nicht in Worte kleiden!

Die Auslagen der Plattenläden verstellen bisweilen den Blick: Es gibt im internationalen Konzert der großen Geiger bei aller Wertschätzung und Bewunderung eben nicht nur die omnipräsente Anne Sophie Mutter und Frank Peter Zimmermann! Und dabei vermag Harald Eggebrecht die Spreu vom Weizen durchaus zu scheiden: Die Zirkusgeiger ("Zirkus" hier gemeint im Sinne von "Medienzirkus") André Rieu und Nigel Kennedy sind nicht seine Sache (und wer im Hochkultur-Dudelsender Klassik-Radio die Promotion der neuen CD des letztgenannten mitbekommen hat, dem konnte, vermutlich gemeinsam mit Eggebrecht, einfach nur übel werden!).

Hat er Joseph Joachim noch erlebt?

Wer das Buch liest, ohne von seinem Autor Eggebrecht je zuvor gehört und ohne in den Klappentext geschaut zu haben, mag einen uralten, rauschebärtigen Violinguru, einen Geigenmethusalem vor sich sehen - weiß dieser Mensch doch aus (scheinbar) eigener Erfahrung mit höchster Erlebnislebendigkeit über die ältesten geigerischen Tondokumente ebenso "aktuell" zu berichten wie über niegelnagelneue Silberscheiben. Wer etwa über Joseph Joachim (1831-1907) so hautnah zu berichten weiß, der muss ihn doch einfach selbst auch noch erlebt haben, oder? Aber Herr Eggebrecht ist erst knapp über die 50 und spielt doch auf dieser - gewissermaßen - Klaviatur der Geiger mit höchster Virtuosität!

Zum Beispiel, wenn er dem Leser Bronislaw Huberman nahebringt, dessen Spiel einem schon einfach nur durch die pure Beschreibung sympathisch wird (abgesehen davon, dass auch der Mensch Huberman - neben Yehudi Menuhin - der unter humanitären Gesichtspunkten verehrungswürdigste Virtuose der vorliegenden Sammlung ist).

Hier schreibt ein geigenbesessener Discomane (man verfolge nur die empathischen Elogen auf Hilary Hahn!), der auch vor dem Ablauschen der rauschendsten Walzenaufnahmen nicht zurückschreckt, und er reißt seine Leser mit: Wer hier nicht zum Geigenfan wird, der wird es nie!

Ein vollkommen überflüssiges Buch? Nein, das wichtigste Buch zu violinistischem Virtuosentum, das jemals geschrieben wurde! Und - fast wie nebenbei - auch eine exzellente Discographie in Sachen Violinmusik! Nur schade, dass dem Buch nicht zur Illustration des Geschriebenen eine CD beigelegt wurde, wie das bei vergleichbaren Editionen heutzutage zunehmend zum begrüßenswerten Brauch wird.

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