Welt : Großfeuer in USA: Experten streiten über die Ursachen

"Wir haben in der Vergangenheit zu gut gearbeitet und ein Monster geschaffen, das heute stärker ist als wir", sagt John Silvius, Sprecher einer Feuerwehreinheit, die in Missoula im US-Bundesstaat Montana eingesetzt ist. Die mehr als 80 Großfeuer, die im Westen der USA bereits mehr als 400 000 Hektar Land gefressen haben, sind Ursache eines Streits zwischen Experten, Feuerwehr, Umweltschützern und Waldbesitzern geworden. Die Feuerwehr spart dabei nicht mit Selbstkritik. Denn die zuständigen Behörden versuchen, Großbrände erst gar nicht entstehen zu lassen. Seit 1939 gibt es eine Fallschirmspringer-Spezialeinheit, die über Brandherden abspringt und sie löscht, bevor sich die Flammen ausweiten können. Silvius erkennt die Problematik dieser Methode an: "Es gibt eben nicht nur schlechte Feuer."

Das meint auch Jack Cohen, Spezialist am Bundesinstitut für Brandforschung in Missoula: "Brände sind eine ganz normale Erscheinung des Ökosystems Wald". Er erinnert an die Zeit vor etwa 60 bis 80 Jahren, als Brände häufig waren. Damals habe es viel weniger leicht entflammbares Unterholz gegeben, als heute. "Mit der Unterbindung von Waldbränden haben wir das Ökosystem gestört", warnt Cohen. "Ich hoffe, dass uns die heutigen Ereignisse eine Lehre sein werden".

Das hoffen auch die Umweltschützer, die sich für einen naturbelassenen Wald einsetzen. Sie sehen in der Forstwirtschaft den Schuldigen für die Brände. "Alle Studien zeigen, dass die intensive Holzwirtschaft für die steigende Intensität der Waldbrände verantwortlich ist", sagte Matthew Koehler von der Umweltschutzorganisation Native Forest Network. Die Regierung habe 60 Millionen Dollar für die Untersuchung des Zusammenhangs von Waldbewirtschaftung und Bränden ausgegeben. "Die Waldarbeiter fällen die größten Bäume, die den Feuern am besten widerstehen könnten. Sehen sie sich die Brandgebiete in Montana an. Das sind alles Regionen mit Straßen, also bewirtschaftete Gebiete". In abgelegenen, naturbelassenen Gebieten und dichten Wäldern breiteten sich die Flammen viel langsamer aus, argumentieren die Ökologen.

Diesen Vorwurf will die Forstwirtschaft nicht auf sich sitzen lassen. Sie sucht den Ursprung des Problems in Washington. "Die Regierung ist in der Hand einer radikalen ökologisch orientierten Minderheit", klagt Michael Klein, Sprecher des US-Verbands der Waldbesitzer und Papierhersteller. Die Waldbesitzer-Lobby rechnet vor, dass durch den Einfluss der Umweltschützer in den USA heute 75 Prozent weniger Holz geschlagen werden als noch vor elf Jahren. Hier sieht die Forstwirtschaft die Wurzel allen Übels: Die mangelnde Bewirtschaftung führe zum Wachstum von Unterholz, das die rasche Ausbreitung von Feuern begünstige. Der Gouverneur von Montana gibt ihnen Recht: "Die Philosophie der Ökologen führt zu explosiven Feuern, die alles zerstören", wirft der Republikaner Marc Racicot den Umweltschützern vor.

Bei den Bränden sind ungeheure Mengen Kohlendioxid freigesetzt worden. Seit Beginn der Brände seien schätzungsweise 120 Millionen Tonnen des Treibhausgases in die Atmosphäre gelangt, schätzte der World Wide Fund for Nature (WWF) am Freitag. Dies sei so viel wie sämtliche Haushalte Deutschlands in einem ganzen Jahr verursachen. Wälder seien keine CO2

Deponien, sondern könnten den Stoff lediglich binden, so lange sie wachsen, erklärte WWF-Klimaexperte Oliver Rapf in Frankfurt. Feuer setze das gespeicherte CO2

wieder frei. Auf diese Weise könnten Wälder schnell zu einer unkontrollierbaren Quelle für neue Emissionen werden. Die Forsten dürften daher nicht - wie von den USA und anderen Ländern gefordert - in internationalen Klimaschutzvereinbarungen als Kohlenstoff-Speicher angerechnet werden.

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