Grubenunglück : Nach Rettung der Bergleute beginnt die Spurensuche

Die 33 verschütteten Bergleute sind befreit, nun beginnt die Aufarbeitung. Wie verändert das Drama das Land?

Angela Reyes

Am Tag danach kann Chile die ganze Dimension des Dramas von San José immer noch nicht so ganz fassen. Die Medien des Landes spielen immer wieder Aufnahmen von Nachrichtensendungen aus der ganzen Welt ein. Der südamerikanische Bergstaat berauscht sich an der Wirkung der spektakulären Bilder und der internationalen Aufmerksamkeit an der Bergung der 33 Arbeiter. Schichtleiter Luis Urzua war als letzter der seit dem 5. August 2010 verschütteten Bergleute aus der Grube nach oben gefahren. „Eine perfekte Rettung“, beschrieb die Tageszeitung „El Mercurio“ pathetisch den historischen Moment in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag. Alle Zeitungen berichten auf Sonderseiten ausführlich über das „Wunder von San José“.

Ist Chiles Präsident nun der Held der Nation?

Das Unglück ist Chance und Risiko für Präsident Sebastian Pinera zugleich. Die Umfragewerte für den selbst ernannten „Bergmann Nr. 34“ steigen auf ein Rekordhoch. Doch nun erwarten die Chilenen auch ein energisches Durchgreifen, damit sich ein solches Unglück nicht noch einmal wiederholt. Eine große Chance bietet das geglückte Kommando auch außenpolitisch. Die Beziehungen zu Bolivien sind traditionell schlecht. Bolivien träumt seit Jahren von der Rückgabe eines Stückchens Küste nach dem verlorenen Salpeterkrieg. Jahr für Jahr trainiert die bolivianische Marine auf dem beschaulichen Titicaca-See, weil ihr ein direkter Zugang zum Meer fehlt. Der ausgesprochen freundliche Umgang des Milliardärs Pinera mit seinem sozialistischen Amtskollegen Evo Morales könnte den Beginn eines neuen diplomatischen Frühlings zwischen beiden Ländern einläuten. Einer der 33 verschütteten Bergleute war Bolivianer. „Ich weiß nicht, wie wir das jemals zurückzahlen können“, sagte ein sichtlich bewegter Morales nach der Rettung.

Die Popularität Pineras könnte aber bald sinken. Immer noch warten viele Erdbebenopfer auf den Wiederaufbau nach dem verheerenden Unglück im Frühjahr. Auch der Dauerkonflikt mit den Mapuche-Indios, deren Hungerstreik während des Dramas von San José völlig in den Hintergrund geriet, birgt noch Konfliktpotenzial. Schon in wenigen Tagen wird in Chile der politische Alltag zurückkehren.

Wird sich etwas im Bergbau ändern?

Die Sicherheit der Bergwerke wird zum Thema in den chilenischen Medien. Staatliche Minen gelten als verhältnismäßig sicher, die Zustände in den kleineren, privaten Gruben sind dagegen nach Angaben der Gewerkschaften weit von internationalen Standards entfernt. Für den deutschen Geologen Wolfgang Griem ist es unverständlich, dass die Mine in San José trotz Sicherheitsbedenken weiter betrieben worden war. Dies sei nur mit der Situation in der Region zu erklären, wo viele Menschen vom Bergbau lebten, sagte Griem, der an der Universidad de Atacama in Copiapo lehrt, der ARD.

Der befreite Bergmann Mario Sepulveda hatte bereits unmittelbar nach seiner Rettung gefordert: „Wir können in der Arbeitswelt so nicht mehr weitermachen.“ Chiles linksgerichtete Opposition pocht auf neue Gesetze. Allerdings hatte die bis Ende 2009 herrschende sozialdemokratische Koalition selbst wenig für eine Verbesserung der Lage unternommen.

Präsident Pinera hat zumindest angekündigt, die Kontrolle über die Minen zu verschärfen. „Wir werden dafür sorgen, dass Chilenen nie wieder unter so gefährlichen und unmenschlichen Bedingungen wie in der Mine San José arbeiten müssen“, versprach er und kündigte schärfere Arbeitsschutzgesetze für alle Wirtschaftszweige sowie eine Verdreifachung des Budgets der staatlichen Minenaufsicht an.

Werden die Verschütteten entschädigt?

Die Familien haben den Minenbesitzer auf mehrere Millionen Dollar Entschädigung verklagt. Doch ob es dort überhaupt noch etwas zu holen gibt, ist fraglich. Der Betreiber steht vor dem Bankrott, sein Vermögen wurde auf Veranlassung der Regierung eingefroren.

Manche der Geretteten wollen trotz der traumatischen Erlebnisse der vergangenen 69 Tage wieder in einer Mine arbeiten. Das hat beispielsweise Victor Segovia bereits seinen Angehörigen zu verstehen gegeben. „Mein Bruder sagte mir ,Ich bin Bergmann und ich werde als Bergmann sterben’“, berichtete Segovias Schwester. Doch einige Minenbesitzer sind skeptisch, ob sie sich die kritischen Arbeiter in ihr Bergwerk holen wollen. Sicherheit unter Tage ist teuer und Männer, die dies einfordern, sind unbequem.

Nicht vergessen werden wollen auch die rund 300 Bergleute der Mine San José, die nicht verschüttet wurden, aber seit dem Unglück in der mittlerweile geschlossenen Mine arbeitslos sind. Sie fühlen sich im Vergleich zu ihren 33 Kollegen stiefmütterlich behandelt. Zwar organisierte die Regierung Weiterbildungsmaßnahmen und Arbeitsschutzseminare, doch auf Jobangebote warten die „Mineros“ bislang vergeblich. Sie kündigten weitere Demonstrationen an, die auf ihre Lage aufmerksam machen sollen.

Was wird aus der Mine San José?

Das ist völlig offen. In Copiapo machen Gerüchte die Runde, ein Investor wolle die Mine kaufen und daraus ein Museum machen. Alle Gegenstände der zur Rettung notwendigen Bergung könnten dort ausgestellt werden. Denkbar ist auch, dass die Grube unter staatlicher Leitung wieder ganz normal geöffnet wird. Bei den Bohrungen waren die Experten zuletzt auf eine Goldader gestoßen. Eine Vorzeigemine mit entsprechenden Sicherheitsstandards wäre so ganz nach dem Geschmack von Präsident Pinera.

Was hat der Einsatz gekostet?

Am Ende ging alles schneller als gedacht. Nur 22 Stunden und 39 Minuten dauerte die Bergung der 33 Männer. Insgesamt hat der wochenlange Rettungseinsatz nach Angaben von Präsident Pinera zwischen zehn und 20 Millionen Dollar (sieben bis 14 Millionen Euro) gekostet. Der Staat habe zwei Drittel der Ausgaben übernommen, der Rest sei über private Spenden finanziert worden. „Jeder Peso war es wert, jeder Peso wurde gut investiert“, sagte Pinera. mit AFP

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