Gstaad : Im Tal der Milliardäre

Edel, reich, diskret – so gefällt sich Gstaad, der kleine Ort inmitten der Schweiz, von dem es heißt, hier lebten mehr Superreiche als Arbeitslose. Doch sie werden jetzt nervös. Steuervorteile für Ausländer sollen abgeschafft werden, das luxuriöse Leben könnte ein Ende haben.

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Keine Sonderbehandlung mehr. Über Geld spricht man in Gstaad nicht gern. Man hat es. Foto: laif
Keine Sonderbehandlung mehr. Über Geld spricht man in Gstaad nicht gern. Man hat es. Foto: laifFoto: /laif

Der Reichtum rollt auf das Palace Hotel in Gstaad zu. Zuerst ein knallroter Ferrari Dino 246GT, später gleitet ein silberner Mercedes Benz 300 SL Roadster heran, darauf folgt ein grüner Bentley S1 Continental. Nach gut zwei Stunden erscheint das letzte Gefährt einer Veteranenrallye vor dem Nobelhotel, ein Rolls Royce Silver Cloud II. Ein grau melierter Herr mit Schnauzbart, heller Sommerhose, weißem Hemd und Siegelring am kleinen Finger dreht sich aus dem roten Ledersitz, betritt behutsam den Boden und schiebt die Tür seines Rolls ins Schloss. Dann schlendert er ins Palace. So gefällt sich Gstaad: edel, reich – und möglichst diskret.

„In Gstaad zeigt man das Geld nicht“, sagt Andrea Scherz, Direktor des Palace. Scherz, Anfang 40, schaut aus einem Panoramafenster auf die gleißenden Alpen. Dann sagt er beiläufig: „In Gstaad ist das alte Geld.“ Vor allem aber ist in Gstaad viel Geld, sehr viel Geld. Es heißt, in dem Städtchen im Herzen der Schweiz lebten mehr Milliardäre als Arbeitslose. Unter ihnen der reichste Clan des Landes, die Familie um den Unternehmer Ernesto Bertarelli – und jede Menge wohlhabende Ausländer, Formel-1-Boss Bernie Ecclestone aus England zum Beispiel oder Regisseur Roman Polanski, der seinen vom Gericht verordneten Hausarrest im Gstaader Luxuschalet absaß.

Doch nun droht den Reichen in Gstaad und im ganzen Kanton Bern Ungemach. Denn linke Parteien und die Gewerkschaften wollen die Steuerprivilegien für Ausländer im Kanton ersatzlos streichen. Bis Oktober müssen die Berner Linken noch einige tausend Unterschriften im Kanton sammeln. Dann haben sie die nötigen 15 000 für die Volksabstimmung gegen die Pauschalsteuer beisammen.

„In Bern profitieren mehr als 200 Ausländer von der ungerechten Pauschalsteuer, die meisten leben in Gstaad und Umgebung“, schimpft Corrado Pardini aus dem Vorstand der Gewerkschaft Unia. „Die Pauschalsteuer ist ein unerträglich großes Steuerschlupfloch für reiche Ausländer“, sagt Pardini, dessen Eltern einst aus Italien in die Schweiz kamen. Einige Pauschalbesteuerte, das behauptet Pardini, führten weniger als 7400 Euro im Jahr an den Staat ab. „Wir reden hier über Millionäre und Milliardäre ohne Geldsorgen“, sagt er erzürnt.

Insgesamt leben derzeit 5000 Pauschalbesteuerte in der Schweiz. Sie heißen so, weil ihre Steuerabgaben nicht auf Basis ihres jeweiligen Einkommens berechnet werden, sondern auf Basis der pauschal erfassten, jährlichen Lebenshaltungskosten. Die Steuerschuld wird dann zwischen den Finanzbehörden und dem Ausländer individuell festgelegt. „Genau dabei kommt es zu den ungerechten Deals“, empört sich Pardini. Er wünscht nun, dass auch reiche Ausländer künftig wie jeder Schweizer nach Vermögen und Einkommen besteuert werden – und die Reichen fürchten um ihr Leben im Luxus.

Pro Kopf und Jahr konsumieren sie laut dem Verein Mehrwert Schweiz für 247 000 Euro in „Handel und Gewerbe“, vom Shopping beim Rolex-Händler bis hin zum Essen in einem Luxusrestaurant. Allein in Gstaad können die Gourmets zwischen vier Restaurants mit 16 und mehr Gault-Millau-Punkten wählen. Und im „Le Caveau de Bacchus“ auf der Promenade in Gstaad versorgen sich die Weinliebhaber. Die teuerste Flasche derzeit im Angebot: eine Imperial Château Cheval Blanc 2005, Saint-Emilion, für 10 960 Euro. Auch wer in Gstaad ein Chalet erwerben will, darf nicht geizig sein: Ein Quadratmeter Wohneigentum in bevorzugter Lage kostet bis zu 37 000 Euro. In den Bau und die Pflege des eigenen Hauses investiert jeder neu zugezogene Pauschalbesteuerte in der Schweiz durchschnittlich 5,2 Millionen Euro.

„Die Reichen sind eben anders“, flüstert ein Passant, der die Angebote des Immobilienagenten Engel & Völkers studiert. Gewerkschafter Pardini und seine Mitstreiter sehen den Kampf gegen die Pauschalsteuer als Teil eines größeren Feldzuges: Die Linke will die „Steueroase Schweiz“ abschaffen. „Früher deponierten korrupte Diktatoren wie Marcos von den Philippinen in der Schweiz ihr Raubgeld, heute freuen sich reiche Ausländer über eine Sonderbehandlung“, sagt Pardini. Im Falle eines Siegs der Berner Linken würden auch die Gegner der Pauschalbesteuerung in anderen Kantonen Oberwasser bekommen. Etwa im Waadtland, wo Rennfahrer Michael Schumacher auf einem Luxusanwesen lebt. Der Kanton Zürich machte schon Ernst: Die Bürger stimmten Anfang 2009 für ein Ende der Pauschalsteuer für Nichtschweizer. Jetzt werden reiche Ausländer in Bern nervös.

Wer in Gstaad zur Hautevolee gehört – oder dazugehören will –, der verkehrt im Palace Hotel. Auch Regisseur Roman Polanski aß hier schon. Und während seines Hausarrests schickte das Hotel Koch und Kellner in Polanskis Chalet. Früher sang hier Louis Armstrong, Richard Burton prostete seinen Kumpanen zu, und Jacqueline Kennedy kam zum Skiurlaub.

Seit diesen Tagen hat sich wenig geändert. Der Barkeeper schüttelt wie eh und je Drinks, Pianomusik plätschert durch die Halle, und im wuchtigen Kamin lodert ein Feuer. Zwei Damen parlieren auf Französisch über die Modenschauen von Paris. Neben einem älteren britischen Paar unterhalten sich zwei junge Männer auf Italienisch. Zwischen den Tischen geht federnd einer der erfolgreichsten Tennisspieler aller Zeiten zur Terrasse: Der australische Wimbledonsieger Roy Emerson trimmt im Palace die Tennisliebhaber.

An einem kleinen Tisch am Rande wartet ein Deutscher. Der Mann, Mitte 50, gibt sich als Pauschalbesteuerter zu erkennen. „Ja, die ganze Geschichte gefällt uns natürlich überhaupt nicht“, erzählt er mit gedämpfter Stimme. Seinen Namen will er nicht in der Zeitung lesen. Er streicht über seinen marineblauen Blazer mit den goldenen Knöpfen, dann tupft er sich mit einem weiß-blauen Taschentuch die Stirn ab, bevor es aus ihm herausplatzt: „Die Linken und die Gewerkschaften, die gegen die Pauschalbesteuerung wettern, werden doch von Sozialneid getrieben.“

Er schaut auf seine große Armbanduhr, ein Zeitmesser aus der Schweizer Edelschmiede IWC. „Die können einfach nicht vertragen, wenn es Menschen gibt, die mehr Geld haben als sie.“ Dann philosophiert er über Leistung und warum sich Leistung lohnen muss. Am Ende der Unterhaltung droht er: „Wenn sich die Linken durchsetzen und hier die Pauschalsteuer abschaffen, dann bin ich weg.“ Wo soll es denn hingehen? „Den offiziellen Wohnsitz nach Monaco zu verlegen, das geht ruck, zuck!“, sagt der Deutsche und wischt sich grinsend mit einem Tüchlein über den Mund. Der Gedanke an die mediterrane Steueroase scheint ihm gut zu gefallen. Während er aufsteht, sagt er noch: „Die in Monaco verlangen überhaupt keine Steuern.“

So wie er denken offenbar einige. Nachdem Zürich die Pauschalsteuer abgeschafft hatte, packten viele Millionäre und Milliardäre ihre Koffer und zogen fort. Jetzt dürften auch viele in Gstaad über eine Steuerflucht nachdenken.

Wie attraktiv die abgabentechnische Spezialbehandlung für Ausländer im Kanton Bern war, belegen die Zahlen: Zwischen 2001 und 2009 hat sich die Zahl der pauschalbesteuerten Ausländer von 79 auf 223 fast verdreifacht. Das weiß auch Pardini: „Wir wollen die Superreichen nicht vertreiben und nicht vergrätzen“, sagt der Mann, der bei der Schickeria die Ängste schürt. „Die Superreichen sollen nur kommen, sie sollen aber ordentlich Steuern zahlen, wie es ein normaler Schweizer Arbeitnehmer auch muss.“

Als die Schweizer die Pauschalbesteuerung einführten, hatten sie die millionenschweren Ausländer nicht im Blick. Vielmehr wollten die Kantone für fremde Pensionäre abgabentechnisch attraktiv werden. Im Waadtland führten die Politiker erste Regeln zur Pauschalbesteuerung im Jahr 1862 ein. Will ein Ausländer heute in den Genuss der Spezialbehandlung kommen, darf er in der Schweiz keine „Erwerbstätigkeit ausüben“. So wäre es dem Formel-1-Millionär Schumacher verwehrt, in dem Alpenland ein Grand-Prix- Rennen zu fahren.

Doch was passiert tatsächlich hinter den verschlossenen Türen der Finanzverwaltung in der Kantonshauptstadt Bern, wo Steuerschulden festgelegt werden? Darüber dringt kaum jemals etwas nach außen. Es herrscht Diskretion. „Wer wie viel Steuern bezahlt, ist gemäß Gesetz im Kanton Bern nicht öffentlich“, belehrt Aldo Kropf, der für Gstaad zuständige Gemeindepräsident von Saanen.

Kropf sitzt im kargen Büro der Tourismuszentrale von Gstaad. Der liberale Lokalpolitiker kommt in legerer Kleidung daher, offenes Hemd, weite Hose. Er lächelt häufig. Selbst wenn er sich die „Linken und die Gewerkschaften“ vornimmt, bleibt der Mann nach außen hin freundlich. Die Gegner der Pauschalsteuer, sagt er, „operieren bewusst mit Falschinformationen“. Der Gemeindepräsident holt tief Luft und spielt dann seinen Trumpf aus: die Jobs. Wer die Pauschalsteuer abschaffe, der vernichte Arbeitsplätze. Die Reichen ließen ihr Geld dann woanders.

Die Chefs der Edelgeschäfte in der Region pflichten Kropf bei. Einer von ihnen ist Othmar Pichler. Sein Autohaus steht zwischen Weiden mit grasenden Kühen und knorrigen Tannen. In Feutersoey, knappe zehn Minuten von Gstaad entfernt, weisen Schilder mit den Aufschriften Bentley und Porsche sowie ein Mercedes-Stern der Kundschaft den Weg. Pichler ist der Garagist des Jetsets. Er zeigt seine Werkstatt, redet über „deutsche Qualität“. Dann deutet er auf Reifen, einen auseinandermontierten Motor, eine Achse und sagt: „Eine komplette Überholung eines Mercedes-Benz 300 SL Gullwing Aluminium Baujahr 1955 kostet bis zu 370 000 Euro.“

Pichler steigt eine schwach beleuchtete Treppe herunter. Er schließt eine schwere Tür auf, auf einem Schild heißt es: Fotografieren verboten. Hier unten stehen auf einer Fläche von zwei Fußballfeldern Millionen Franken auf Rädern. Vom Mercedes 600 Pullmann über den James Bond Aston Martin bis hin zum raren Lancia Flamina Super Sport. Es sind die Luxuskarossen der Superreichen von Gstaad. „Wir warten und pflegen die Liebhaberautos“, sagt Pichler und streicht Staub vom Kühlergrill eines Rolls mit arabischem Kennzeichen. Die Temperatur, so erklärt der Experte, muss immer zwischen zehn und 15 Grad sein. „Zudem dunkel und nicht feucht.“ Pichler löscht das Licht, lässt die Tür ins Schloss fallen. Auf der Treppe nach oben sagt er noch: „Viele unserer Kunden sind Pauschalbesteuerte.“

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