Welt : Guatemala: Im Griff des Hungers

Martin Jordan

Nachdem die Medien letzte Woche über die schlimmen Zustände im Osten Guatemalas berichteten, konnte Präsident Alfonso Portillo nicht mehr anders. Er erklärte am Montag für das gesamte Land den Katastrophenzustand, der einen Monat dauern soll. Die Kritik an der Regierung, die die Hungersnot mit zynischen Erklärungen herunterspielte, war übermächtig geworden. Nun sollen fünf Ministerien die Hilfe in den betroffenen Gebieten koordinieren. In den Gemeinden Jocotan und Camotan, rund 200 Kilometer östlich der Hauptstadt Guatemala-City, sind in diesem Jahr 44 Menschen, darunter 12 Kinder, an Unterernährung gestorben.

Am Wochenende hatten verschiedene Organisationen via Radio und in Supermärkten Aktionen gestartet, mit denen Lebensmittel für die hungernden Menschen gesammelt werden sollen. Präsident Portillo meinte dazu lediglich, er könne den Skandal, der um das Thema gemacht werde, nicht verstehen. In Guatemala leben 80 Prozent der Bevölkerung in Armut und dies ist kein Geheimnis. Die Welternährungsorganisation FAO bezeichnet die Situation in Guatemala als besorgniserregend und konstatiert eine ebenso schwere Krise der Nahrungsmittelversorgung in vielen ländlichen Gebieten von El Salvador, Honduras und Nicaragua.

Insgesamt seien in Zentralamerika rund 1,6 Millionen Menschen von der Hungersnot betroffen. Viele Menschen sind auf die Hilfe der internationalen Organisationen angewiesen, die seit Wochen damit beschäftigt sind, Lebensmittel und Saatgut zu verteilen. Zurückzuführen ist die Lebensmittelknappheit einerseits auf eine Dürreperiode, die bis zu 80 Prozent der Ernten vernichtet hat, anderseits auf den Einbruch des Kaffee-Preises, worauf viele Plantagenbesitzer ihre Landarbeiter entlassen mussten.

In Nicaragua hat dies zu einem Protestmarsch der Bauern in die Hauptstadt Managua geführt. Mehr als zwei Monate waren ihre Hilferufe bei der Regierung auf taube Ohren gestossen. Doch keine 24 Stunden nachdem der Hungermarsch in Managua eingetroffen war, hat die Regierung einen Vorschlag zur Güte unterbreitet: Jede Familie soll zwei Hektaren Land erhalten, ausserdem könne ein Familienmitglied während zwei Monaten einen Arbeitsdienst leisten, wofür dann Lebensmittel abgegeben würden. Das Angebot der Regierung war an die Bedingung geknüpft, dass sich die Bauern noch am gleichen Tag in ihre Heimat im Norden des Landes zurückführen liessen. Die Aufmerksamkeit, die die campierenden rund 700 Bauern im Park gleich neben dem Parlamentsgebäude erhielten, passte der Regierungspartei zwei Monate vor den Präsidentschaftswahlen gar nicht in den Kram. Umso erleichterter war sie als die grosse Mehrheit der Bauern das Angebot akzeptierte und sich in aller Frühe auf die bereitstehenden Lastwagen setzte. Eine Gruppe von etwa 40 Bauern blieb jedoch standhaft und harrt weiterhin in der Hauptstadt aus. Sie trauen dem Angebot nicht, denn allzu oft hat die Regierung von Arnoldo Aleman bewiesen, wie leichtfertig sie Versprechen abgibt, um sie danach nicht einzuhalten. Reyna Martinez sagte es deutlich: Ich glaube nicht daran, dass die Regierung ihr Wort halten wird.

Sie täuscht uns, weil sie uns von hier forthaben möchte. Da nützten auch die Ueberzeugungsversuche des Sozialministeriums nichts mehr. Für den Vermittler vor Ort, Pablo Sanchez, hat die Weigerung aber einen anderen Hintergrund: Die Leute, die hier bleiben, wollen nur der Regierung schaden. Wir haben sie eindeutig als Anhänger der Sandinisten identifiziert. Die Bauern widersprechen energisch und beteuern, dass sie einzig und allein vom Hunger getrieben werden. Der Wahlkampf ist in Nicaragua omnipräsent. Die beiden grossen Parteien, die regierenden Liberalen und die Frente Sandinista, bekämpfen sich seit Wochen hart. Nachdem der frühere Staatspräsident Daniel Ortega, der nun bereits zum vierten Mal in Serie für die Sandinisten kandidiert, in den Umfragen bisher stets vorne lag, hat nun Enrique Bolanos, der Kandidat der Regierungspartei PLC, erstmals die Nase vorn. In jedem Fall steht ein Kopf-an-Kopf-Rennen bevor.

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