Welt : Gute Zeiten, schlechte Zeiten

Was Ehen zusammenhält – Blick in die Forschung

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„Die Liebe gleicht einem Fieber, sie überfällt uns und sie schwindet, ohne dass der Wille im Geringsten daran beteiligt wäre.“ Wenn der Schriftsteller – und Junggeselle – Stendhal richtig liegt, ist es riskant, aus Liebe einen Bund fürs Leben einzugehen. Auch die Zahlen sprechen dagegen: Statistiker sagen, dass jede dritte Ehe im Lauf der Jahre zerbricht. Manche Braut bestreitet die Hochzeitszeremonie von vorneherein schon mit ernster Miene.

Es liegen viele Untersuchungen darüber vor, welche Ehen am ehesten vom Scheitern bedroht sind. So hat die Australierin Rebekka Kippen die Daten einer großen demografischen Befragung in ihrem Land genutzt, um das Schicksal von 2500 Ehepaaren über sechs Jahre hinweg zu verfolgen. Dabei zeigte sich, dass es doppelt so oft zu einer Scheidung kam, wenn die Frauen sich sehnlich ein Kind wünschten, der Mann diesen Wunsch aber nicht teilte. War die Lage umgekehrt, dann hatte das praktisch keine Auswirkungen auf die Dauer der Beziehung. „Um das zu verstehen, muss man naturgeschichtlich entstandene Unterschiede zwischen den Geschlechtern berücksichtigen und bedenken, dass Frauen für die Elternschaft immer schon wesentlich mehr investiert haben“, sagt der Biopsychologe Peter Walschburger von der FU.

Heute gehen Scheidungen in der Mehrzahl der Fälle von den Frauen aus. Da wundert es nicht, dass es die ersten Jahre sind, die Jahre für eine Familiengründung, in denen die Scheidungswahrscheinlichkeit hoch ist. „In diese Zeit fällt außerdem die erste große Enttäuschung einer Partnerschaft, wenn nämlich die leidenschaftliche Liebe zu Ende geht, die rosarote Brille abgesetzt wird und der zuvor überhöhte und verklärte Partner auf Normalmaß schrumpft“, sagt der Psychologieprofessor. „Von jetzt an steht eine Partnerschaft unter ganz anderen Bedingungen eines verträglichen Zusammenlebens mit vielfachen Interessensausgleichen.“ Langjährige Paare müssen das fast Unmögliche möglich machen: Vertraut und innig zusammenleben – und dabei füreinander spannend und reizvoll bleiben. „Bei alldem muss man bedenken, dass die Liebesheirat kulturhistorisch neu ist, 40 Jahre partnerschaftliche Bindung sind früher selten erreicht worden“, sagt Walschburger. Heute liegt das Durchschnittsalter für die erste Eheschließung für Frauen bei 30, für Männer bei sogar bei fast 33 Jahren. Das müsste sie eigentlich haltbarer machen als vor einigen Jahrzehnten. Denn wer schon mit 16 heiratet, hat ein achtfach erhöhtes Scheidungsrisiko. Andererseits wächst mit den Jahren die Gefahr, dass beide schon gefestigte Lebensgewohnheiten haben, die nicht harmonieren. So konnte Kippen zeigen, dass Ehen häufiger geschieden werden, in denen nur ein Partner raucht – oder in denen die Frau deutlich mehr Alkohol trinkt als der Mann. Andere Daten sind schwerer zu interpretieren. Wie kann es sein, dass Ehen schneller zerbrechen, wenn die Paare schon vor der Hochzeit zusammengelebt haben? Haben sie ihre Verträglichkeit nicht besser unter Beweis gestellt als diejenigen, die bis zur Hochzeit getrennt lebten?

Welchen Beruf die Partner ausüben, ist nicht unwichtig. Eine statistische Untersuchung aus den USA zeigt, dass die Chancen für eine stabile Beziehung für Agraringenieure besonders gut sind, für Tänzer oder Choreografen besonders schlecht. Als Erklärung bietet sich an, dass darstellende Künstler zugleich verführbarer und größeren Verführungen ausgesetzt sind. Andererseits sieht man sie auf Fotos besonders häufig lächeln, und das spricht einer anderen Studie aus dem vergangenen Jahr zufolge dafür, dass sie bessere Ehepartner abgeben. Wer auf Kindheits- und Jugendfotos ein ernstes Gesicht zeigt, dessen Scheidungswahrscheinlichkeit ist um das Fünffache erhöht – was sich die Autoren mit fehlendem Optimismus und geringer Lebensfreude erklären.

Stabil wird eine Partnerschaft auch dadurch, dass man die Verwandtschaft des anderen mag. Das hat eine US-Studie zur ehelichen Treue im Jahr 2006 gezeigt. Wer den Partner verliert, verliert schließlich mehr als den Partner, falls dessen Familie und enger Freundeskreis aus angenehmen Menschen besteht. „Je mehr soziale Bezüge da sind, desto stabiler ist eine Partnerschaft“, bestätigt Walschburger. Dazu passt – in gewisser Weise – eine Bemerkung Oscar Wildes: „Zu einer glücklichen Ehe gehören meistens mehr als zwei Personen.“

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