Welt : Haarmode: Volle Matte

Kerstin Kohlenberg

Damals in ihrer Blütezeit, da wurde sie eigentlich ausschließlich von Jungs getragen. Damals, als sie ihre größten Erfolge mit der Fussball-Weltmeisterschaft 1978 feierte, da war sie noch fest in Männerhänden. Sie brachte die Männer manchmal zum Blinzeln, wenn sie sie mit ihren Strähnchen in den Augen kitzelte. Und die Männer strichen sie dann mit ihren Fingern zur Seite. Oder warfen einfach den Kopf in den Nacken. Die Vokuhila. Vornekurzhintenlang. Oder in der XXL-Version. Vokuhila Oliba. Oberlippenbart.

Die allerdings trugen nur die stilabweisensten Kerle. Rudi Völler ist so einer. Die Vokuhila war prollig, roch nach Bierzelt und Currywurstresten zwischen den Zähnen. Ihre Ponyhaare verdeckten viele deutsche Pubertätspickel, die Nackenhaare taugten zwar nicht so richtig zum Headbangen, aber manchmal reichten sie, um mit der Klassen-Nachbarin verwechselt zu werden. Ältere Vokuhila-Träger trugen "Ihre" oft auch stolz und mit Schadenfreude ihren Genossen gegenüber, die notgedrungen Hinten-kurz-und-vorne-gar-nichts trugen. Und heute? Macht man den Fernseher an, dann sitzt da plötzlich ein neuer Rudi Völler. Ein ganz junger, mit ganz weiblichen Zügen, und kündigt Musikvideos an. Die Vokuhila, in ihrer modisch-zeitgeistlich reanimierten Version - die Seiten etwas länger im ganzen etwas durchgestufter - ist sie plötzlich ein beinahe ausschließliches Frauen-Ding. Und Charlotte Roche, die Musikvideoankündigerin auf Viva, der neue Rudi Völler. Dass sie von einer Achselhaarrasur nichts hält, hat sie ja schon häufig bei Harald Schmidt verkündet, und auch, dass sie sonst kein Problem mit den ganz gewöhnlichen Körpergerüchen hat. Orginaler kann eine Fälschung nicht sein.

Aber wie kommt die Vokuhila in die Zeitgeistmaschine? Dazu müsste man erst einmal eines klären: Das Ziel der Zeitgeistmaschine. Ihr erklärtes Ziel ist es, für jeden Trend ein Gegenteil zu erzeugen. Also erzeugt sie für die Alternativ- und Friedensbewegung die Juppies und Dandys. Die Juppies wiederum erzeugen New Age. Die Politisierung des Alltagslebens erzeugt politische Apathie. Risikogesellschaft erzeugt die Spaßgesellschaft. Die Spaßgesellschaft und politische Apathie erzeugen die Globalisierungsgegner. Und Rudi Völler? Ja, der ist eine Antwort auf die Glamour-Girlie-Wunder, auf das Künstliche und Entrückte. Vokuhila und Frau Völler, Potenzflosse, Mantalocke oder Nackenspoiler sind für die 2000er Frauen ein bisschen das, was Punk und Irokese für die 70er waren. Klar, dass der Iro gerade jetzt bei Männern ein Revival erlebt. Man sehe sich nur mal David Beckham an.

Bis jetzt kann man die "neue Vokuhila" neben Viva in Anzeigen von Gucci und Modestrecken von Face, ID oder Vogue sehen. Wer eher an der Orginal-Fassung interessiert ist, sollte die alten Bravo-Starschnitte von Lionel Ritchie, Lou Reed, Rod Steward oder David Hasselhoff wieder herauskramen. Dazu sollte man unbedingt das namensgleiche Lied der Ärzte hören. "Vorne kurz hinten lang/ und meistens noch ne Zündschnur dran/ die Frisur ist dein Programm/ nichts ficht dich so einfach an/ um lockere Sprüche nie verlegen/ im steten Nebel liegt dein Bregen/ immer lustig und vergnügt/ bis der Arsch im Sarge liegt."

Und jetzt hat auch das Kino die Matte oder Mullet, wie es im Englischen heißt, für sich entdeckt. Mit dem Hollywood-Proll Joe Dreck. In Dennie Gordons gleichnamiger Kino-Komödie spielt David Spade den Total-Looser Joe Dreck, der in Hundehütten schläft, und auf der Suche nach seinen Eltern auch um Mülltonnen keinen Umweg macht. Den ideologischen Überbau für Vokuhila-Fans liefert das Buch "The Mullet: Hairstyle of the Gods" von Barney Hoskyns und Mark Larson. In der kleinen Vokuhila-Kulturgeschichte heißt es, die Vokuhila sei "das Beste von Vergangenheit und Zukunft, die Essenz zweier sonst strikt getrennter Welten." Spießertum und Revolution, Weiblichkeit und Männlichkeit, Herz und Gehirn.

Die Verehrung für diese Haar-Philosophie, die profan oft einfach als der hässlichste Haarschnitt aller Zeiten bezeichnet wird, hat in den USA mittlerweile unglaubliche Formen angenommen. Das mag unter anderem an der Werbung liegen, die die Filmfirma von Joe Dreck in den USA gemacht hat. Flächendeckend wurden dort Mullet-Schönheitswettbewerbe organisiert. Als amerikanische Variante des englischen Train-Spottings hat sich daraufhin das Mullet-Spotting oder Mullet-Hunting entwickelt. Mit Fotoapparat unter der rasierten Achselhöhle schleichen die Jäger durch Malls und Einkaufszentren, schießen jede Vokuhila, die sie vor die Linse kriegen und stellen sie ins Internet. Nachzugucken unter mulletlovers.com, mulletmadness.com, mullets-gallore.com, www.fiese-scheitel.de und 1000 anderen Internetseiten zu dieser Abhängigkeit.

In Deutschland kam die Vokuhila Anfang 1999 schon mal richtig ins Gerede. Da klagte nämlich ein Polizist gegen eine dienstliche Weisung seines Dienststellenleiters, seine Vokuhila-Frisur in einen Kurzhaarschnitt zu verwandeln. Der Beamte hatte argumentiert, mit dieser Weisung werde in unzulässiger Weise in seine Privatsphäre eingegriffen. Das Bundesverwaltungsgericht gab ihm Recht. Das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit sei verletzt worden.

Richtig sicher, dass die Vokuhila ein echter neue Trend ist - so wie Cowboyhüte, oder Nietengürtel - kann man allerdings erst sein, wenn auch Madonna eine trägt. Aber aufgepasst, Madonna, friedliebende Buddistin und Mutter von zwei Kindern. Die Vokuhilas haben auch ihre dunkle Seite. Als Schnittmuster Arisch wasserstoffblond mit dünnen Stirn- und Nackenhaaren tragen sie mit steigender Begeisterung auch gerne die Skinhead-Frauen.

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