Welt : Haben Sie Powerpoint – oder was zu sagen?

Ob Karrierestart oder Kanzler: Wer besser reden kann, bringt es oft weiter

Alexander Ross

Colin Powell hatte sich bestens vorbereitet: Die Multimedia-Animation des US-Außenministers über irakische Waffenbunker war technisch perfekt, doch nach der Präsentation im Kinoformat wurden die Zweifel an der verkündeten US-Strategie im Rest der Welt nicht kleiner, sondern noch größer. Den Grund kennen Redeprofis seit langem: Wer sich auf rasch wechselnde Bildchen oder akustische Effekte an der Wand hinter sich verlässt, mindert oft seine Überzeugungskraft. Der Wahlkampfexperte Marco Althaus zieht denn auch ein klares Fazit: „Wer in der Politik mit Charts aus Powerpoint auf die Menschen losgeht, wird noch nicht mal Landrat.“

Vielleicht auch deshalb versuchten Gerhard Schröder wie Edmund Stoiber erst gar nicht, das Volk mit Powerpoint zu gewinnen – sie setzten voll auf die Kraft ihrer Persönlichkeit und der Worte, wenn auch mit unterschiedlich großem Erfolg.

In der Wirtschaft wie in der Politik hat man erkannt: Wer angemessen und überzeugend vor anderen Menschen seinen Standpunkt vertritt, kann nur gewinnen. Allerdings kommt es nicht darauf an, wer die kreativsten Folien bastelt, sondern im Vortrag und in der Diskussion rhetorisch versiert zu sein. Das sagt Minita Dütemeyer vom Verband der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS), dem Deutschlands beste Redenschreiber angehören. Gerade diese Zunft kennt das Problem, dass eine gute Rede wegen mangelhafter Rhetorik beim Publikum schlecht aufgenommen wird.

Doch Reden kann man lernen, sagt Dütemeyer, und bei den Griechen gehörte es sogar zur Grundbildung des Menschen. Deshalb setzt sich der Redenschreiber-Verband seit langem für Debattier-Clubs an Schulen und Hochschulen ein, wie sie etwa in Großbritannien eine lange Tradition haben.

In Deutschland entwickelt sich das Bewusstein für den Wert der Redekunst erst langsam, die Folgen mangelnden Rhetorikunterrichts beschrieb Hans-Olaf Henkel bereits vor Jahren: „Ein deutscher Vorstand trennt sich lieber von seiner Frau als von seinem Manuskript.“ Bei Henkel selbst hingegen sind sogar inhaltliche Gegner von der Fähigkeit des ehemaligen BDI-Chefs zur freien Rede mit klaren Gedanken beeindruckt.

Doch auch wer in jungen Jahren keine Rhetorikschule besucht hat: Auch mit über Vierzig ist Hopfen und Malz nicht verloren, der souveräne Auftritt lässt sich immer noch lernen. Porsche-Chef Wendelin Wiedeking ist dafür ein gutes Beispiel: Mit geschliffenen Statements zur Wirtschaftspolitik errang er den Respekt anderer Bosse, und die Fähigkeit zur launigen Rede haben ihm sowohl den „Orden wider den tierischen Ernst“ sowie – vor einer Woche erst – den Cicero-Rednerpreis eingebracht. Dabei ist Wiedeking dies alles nicht in den Schoß gefallen: Journalisten erinnern sich noch heute an die als „tapsig“ beschriebenen Gehversuche auf dem obersten Wirtschaftsparkett. Doch nachdem an Rhetorik und Auftreten gefeilt wurde, ein provokantes Buch unter Wiedekings Namen erschien, waren diese Anfänge vergessen. Gerade erst bemerkte die Financial Times Deutschland, die Medien „fressen Wiedeking aus der Hand, weil er Tacheles redet, statt aalglatte Statements abzusondern“.

Was den Chefs wichtig ist, sollten auch Mitarbeiter beherzigen. Noch zu oft verlassen sie sich im Job darauf, statt gut gewählter eigener Worte lieber „die Fakten“ sprechen zu lassen. Dabei ist überzeugende Rhetorik ein Baustein der Karriere: Wer die Bedeutung von schlagfertiger Argumentation mit Worten unterschätzt, vergibt wertvolle Chancen – und merkt es häufig nicht einmal.

Das Umfeld ist nämlich denkbar schlecht. Mit Redekultur und guter Rhetorik ist es in den meisten deutschen Unternehmen nicht weit her: Im Standard-Firmenlayout werden ganze Absätze ausformuliert und – mit Grafiken überladen – aus dem Beamer an die Wand gestrahlt. Jeder macht es so, weil alle es so praktizieren.

Es passiert jeden Tag in deutschen Büros, selbst wenn entscheidende Veränderungen zu kommunizieren sind: „Ja, also die nächsten drei Folien kann ich mal überspringen, die sind nicht so wichtig. Die bekommen Sie sowieso per E-Mail von mir“. Die Kollegen blicken sich aus den Augenwinkeln wissend an: So verkündet man also eine große Budgetkürzung und bittet gleichzeitig um noch höheren persönlichen Einsatz aller Mitarbeiter im davon betroffenen Team.

Erfahrene Politiker schütteln hier den Kopf. Sie wissen, wie wichtig die Fähigkeit ist, sich mit Worten überzeugend an andere Menschen wenden zu können. Und manche halten dies gerade auch in Unternehmen für unverzichtbar wie etwa Professor Heinz Riesenhuber. Der langjährige Forschungsminister, ebenfalls Träger des Cicero-Rednerpreises, weiß aus vielen Firmen: „Mitarbeiter wollen ihren eigenen Standpunkt auch aus dem großen Zusammenhang heraus verstehen können – und dies muss eine Führungskraft mit Worten glaubhaft leisten können.“

Dafür braucht man auch nicht gleich ein nächtelang ausgefeiltes Manuskript. Riesenhuber ist denn auch einer der Politiker im Bundestag, die frei reden. „Material und Fakten sind wichtig, aber die Rede entwickle ich aus Ideen und Stichworten.“

Die rhetorische Verbesserung ist aber heute nicht mehr nur eine Sache für Politiker oder Geschäftsführer. Hierarchien wurden flacher, dem einzelnen Mitarbeiter kommt heute häufig die Verantwortung für einen Arbeitsbereich zu, der noch vor ein paar Jahren von einem Abteilungsleiter betreut wurde. Und immer mehr Projekte werden nicht mehr allein, sondern mit anderen Firmen oder Dienstleistern gemeinsam bewältigt. Hier muss man präsentieren und zugleich den eigenen Standpunkt vertreten können. Wer sich – in Firmen oder nur in seinem Verein – Gehör verschaffen will, muss nicht lauter, sondern besser reden können als andere.

Damit ist Rhetorik häufig auch ein unausgesprochenes Kriterium für Chefs, wenn es um die weitere Karriere von Mitarbeitern geht: Wer andere führen will, muss selbst reden können. Ein Vorstand eines bekannten Maschinenbaukonzerns bringt es auf den Punkt: „Wenn man schon die Menschen nicht überzeugen kann, die täglich mit einem zusammenarbeiten – wie will man es dann beim Kunden schaffen?“

Weitere Infos im Internet:

www.tagesspiegel.de /erzählwettbewerb, www.rhetorik.ch , www.rhetorik-netz.de , www.vrds.de

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