Welt : Haftentlassung: Neue Identität für jugendliche Täter

Hendrik Bebber

Die Eltern kämpfen dafür, dass die Mörder ihres kleinen Sohns nicht freigelassen werden. Sie waren zehn Jahre alt, als sie den zweijährigen James Bulger in Liverpool entführten, grausam quälten und dann an einer Eisenbahnböschung zu Tode steinigten. Nun sind sie 18 und haben die Mindeststrafe für unmündige Täter verbüßt.

Der oberste englische Richter Lord Woolf verfügte, dass der "Straftarif" für Thompson und Venables nach acht Jahren abgegolten ist. Dies war 1993 bei dem Sensationsprozess auch die Empfehlung des Richters. Viele Prozessbeobachter waren sich einig, dass die Jungen sich kaum der Tragweite ihrer Tat bewusst waren, ganz zu schweigen von den Motiven.

Doch nach englischen Recht beginnt die Strafmündigkeit schon mit zehn Jahren. Wegen der allgemeinen öffentlichen Empörung über diese schreckliche Tragödie setzte sich der damalige konservative Innenminister Michael Howard über das vom Richter empfohlene Strafmaß hinweg und ordnete an, dass die beiden erst nach mindestens 15 Jahren entlassen werden können. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte erklärte diese Entscheidung jedoch für ungesetzlich, da Politiker nicht in die Justiz eingreifen dürfen. Diesen Monat wurde durch ein Urteil des obersten Londoner Familiengerichtes der Weg für die Haftentlassung festgelegt: Zu ihrem Schutz wurde strenge Anonymität verfügt. Thompson und Venables bekommen außerdem eine neue Identität, um sie vor Racheakten zu bewahren.

Die Eltern von James Bulger empfinden es als "ekelhaft und empörend", dass diese "Ungeheuer nun wieder auf die Menschheit losgelassen werden." Der Vater Ralph Bulger (34) reichte über seine Anwälte Klage gegen die Entscheidung von Lordrichter Woolfe ein. Die Mutter Denise Fergus (33) organisierte in ihrem Heimatort Kilby zum Todestag von James eine Demonstration, an der Hunderte von Mitbürgern gegen die Freilassung der Täter protestierten.

Thompson und Venables befinden sich im Augenblick noch in einer speziellen Institution für unmündige Gewalttäter, deren Hauptziel die Rehabilitierung ist. Nach ihrem 18. Geburtstag müssten sie in den normalen Strafvollzug überstellt werden. Ihre bevorstehende Entlassung lässt darauf schließen, dass dank der psychologischen Betreuung kein Risiko mehr für die Gesellschaft von ihnen ausgeht. Hingegen müssen sie nun Vergeltung befürchten. Nach der Verurteilung der beiden zehnjährigen Grundschüler beteuerten die Familienangehörigen von James, dass sie diese "Gräueltat bis an ihr Lebensende verfolgen wird".

Angesichts der bald möglichen Freilassung der Täter sah sich die Präsidentin des höchsten englischen Familiengerichtes jetzt zu Schritten gezwungen, die das Leben und die Unversehrtheit von Thompson und Venables schützen sollen. Elizabeth Butler-Sloss urteilte, dass die beiden eine neue Identität erhalten. Den britischen Medien wurde untersagt, Berichte über die Entlassung zu veröffentlichen oder gar Fotos zu machen. Ebenso wurden Nachforschungen ihres künftigen Aufenthaltes untersagt. Dagegen protestierte der britische Presserat.

Ihre Freiheit werden Thompson und Venables mit einer sorgsam konstruierten Lebenslüge beginnen. Dazu gehören für die 18-Jährigen nicht nur neue Namen und neue Papiere sondern eine für sie erfundene Lebensgeschichte. Nur ein kleiner Kreis von ausgesuchten Bewährungshelfern wird von ihrer wahren Vergangenheit wissen. Ihnen obliegt nicht nur die weitere Beobachtung und Resozialisierung der jungen Männer, die vorläufig in "sicheren Wohnungen" leben, sondern auch die Vermeidung von Situationen, die Rückschlüsse auf ihre Identität geben könnten. Das größte Risiko ist der Kontakt mit ihren Verwandten. So können Briefe nur über Deckadressen gewechselt werden und die streng limitierten Anrufe werden über abhörsichere Apparate geführt.

Zu den Bewährungsauflagen gehört, dass Thompson und Venables keinerlei Verbindung mehr haben werden und nie wieder ihre Heimatstadt Liverpool besuchen. Es wird versucht, dass die beiden im Ausland ein neues Leben beginnen. Jedoch haben Australien, Neuseeland und Kanada eine Einwanderung bereits abgelehnt.

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