Welt : Haie: Die Raubfische mögen Menschen nicht

Andy Cobb strahlt Vertrauen aus - und genau das brauchen seine Begleiter auch, denn sie haben Ungewöhnliches vor. "Wenn wir heute Glück haben, kommen die Haie ganz nah. Betrachtet das als großes Privileg, denn die Tiere sind gewöhnlich sehr scheu und halten Abstand", erklärt Andy, während er am Strand von Shelly Beach seinen massigen Körper in den Tauchanzug zwängt. "Haie fressen keine Menschen", sagt Andy. Höchstens riskierten sie mal einen "Probebiss". Menschenfleisch schmeckt ihnen nicht, sie spucken es oft wieder aus. Doch trotz aller beruhigenden Worte bleibt ein mulmiges Gefühl bei den meisten Hobbytauchern, die sich auf das Abenteuer Haitauchen vor der Küste der südafrikanischen Provinz KwaZulu-Natal einlassen. Andy Cobb bewundert die Haie als "perfekte Jäger" und erklärt ihre Sinnesorgane: "Sie können euren Herzschlag spüren. Wenn ihr aufgeregt seid, bleiben sie vielleicht etwas länger." Dann erzählt er von seinen Tausenden Tauchgängen mit verschiedenen Haien und schwärmt von den "magischen Momenten" - Begegnungen mit dem Weißen Hai.

Protea Banks liegt auf dem Weg der Hochseefische, die Afrika umschwimmen wollen. Protea Banks ist einer der besten Plätze der Welt, um Haie zu beobachten. Wahrscheinlich ist es nur hier möglich, mit den drei gefährlichsten Haiarten gleichzeitig die See zu teilen. Sehr häufig vertreten ist der Bullenhai. Gelegentlich trifft man auf Tigerhaie und - was aber doch sehr selten ist - auf Weiße Haie. Von Juni bis August seien an den Banks vor allem Sandtigerhaie zu sehen: Bis zu 95 habe er schon auf einem einzigen Tauchgang gezählt, erzählt Andy. Hammerhaie, Drescherhaie, Schwarzspitzenhaie und Walhaie.

Die ersten Taucher sprangen hier 1990 ins Wasser. Hochseeangler, denen die Stelle schon seit Jahrzehnten ein Begriff war, belächelten sie zunächst als "Selbstmörder", erinnert sich Andy Cobb. Seit damals hat er hier jedoch viele Hundert Stunden mit den Haien verbracht - und passiert sei nie etwas. Auf einen elektrischen Abwehrstock oder ein Kettenhemd verzichtet er stets. "Wir tauchen ohne Käfig und benutzen grundsätzlich keine Köder", sagt der deutsche Tauchlehrer Roland Mauz, der seit Jahren in Südafrika lebt, während er mit dem Schlauchboot durch die Wellen fährt.

Viele Strände hatten früher einen schlechten Ruf: Haiverseucht seien sie, hieß es in den fünfziger Jahren. Als binnen weniger Monate sieben Schwimmer und Surfer von Haien getötet wurden, verwaisten die Urlaubsorte. Seitdem werden die wichtigsten Strände mit Netzen gesichert. Angst vor Angriffen hat heute fast niemand mehr. Bei den Surfern, die jeden Morgen am Strand von Durban, der größten Stadt der Provinz, auf den Wellen reiten, dominiert längst wieder die Leichtigkeit der Strandkultur: Er sei fast immer hier, erzählt ein Mann: "Eine Stunde Wellenreiten und dann ab ins Büro." Mit Haien habe er noch nie Probleme gehabt.

Das Schlauchboot hat mittlerweile den Tauchplatz erreicht. "Macht euch fertig", ruft Roland Mauz. Auf sein Kommando lassen sich die Taucher nach hinten fallen. Roland bleibt im Boot und wird einer Boje folgen, die Andy hinter sich her zieht. Nur so kann er sicher sein, auf offener See alle wieder einzusammeln.

Die Haie könnten überall sein - nur wo? Man sieht sie nicht. Die Zeit verrinnt, die Luft in den Flaschen wird knapp - und nichts passiert. Doch endlich kommt er - ein Bullenhai: Dort hinten, wo die Konturen verschwimmen und der Ozean zur dunklen Wand wird, formen sich Umrisse. Sehr schnell kommt der Körper näher, wird real und bedrohlich. Doch unvermittelt stoppt er, dreht und verschwindet mit ruhigen Schlägen hinter dem indigoblauen Vorhang des Meeres. Haitauchen an den Protea Banks ist ein Glücksspiel.

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