Haiti : Betrug und Cholera: Tote bei Unruhen nach der Wahl

Nach der umstrittenen Präsidentenwahl kommen bei Unruhen mindestens vier Menschen ums Leben. Unterdessen scheint sich der Verdacht zu bestätigen, dass die Cholera wohl von UN-Soldaten eingeschleppt wurde.

Chaos in Haiti: Bei Unruhen nach den Präsidentschaftswahlen kommen mindestens vier Menschen ums Leben. Protestanten errichten der Hauptstadt Port-au-Prince Straßenblockaden. Foto: ReutersWeitere Bilder anzeigen
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09.12.2010 08:31Chaos in Haiti: Bei Unruhen nach den Präsidentschaftswahlen kommen mindestens vier Menschen ums Leben. Protestanten errichten der...

Nach dem verheerenden Erdbeben und mit der sich ausbreitenden Cholera im Land, steht Haiti nach umstrittenen Präsidentenwahlen vor dem gänzlichen Chaos. Mindestens vier Menschen starben bei gewaltsamen Auseinandersetzungen in Folge der Verkündung der Ergebnisse des ersten Wahlgangs. Sämtliche Flughäfen in Haiti wurden wegen der Proteste gesperrt, der unterlegene Kandidat Michel Martelly bezeichnete die Wahlergebnisse am Mittwoch als „fehlerhaft“.

In Cayes im Süden des Karibikstaates seien drei junge Demonstranten durch Schüsse getötet worden, sagte der ehemalige Senator Gabriel Fortuné. Etwa 90 Prozent der Verwaltungsgebäude der Stadt seien in Brand gesteckt worden. Außerdem hätten junge Leute eine Bank und mehrere Privathäuser angegriffen.

Auch in Cap-Haïtien, rund 300 Kilometer nördlich der Hauptstadt Port-au-Prince, wurde bei Auseinandersetzungen von Anhängern der Präsidentschaftskandidaten Jude Célestin und Martelly ein junger Demonstrant durch Kugeln getötet, wie örtliche Medien berichteten. Zwei weitere Menschen erlitten Schussverletzungen. In Mirebalais im Zentrum des Landes seien drei Menschen ebenfalls durch Kugeln verletzt worden.

In der Nacht zu Mittwoch errichteten hunderte Menschen in der Hauptstadt Port-au- Prince Straßenblockaden, um gegen das Weiterkommen des Regierungskandidaten Jude Celestin in die Stichwahl zu demonstrieren. Im Vorort Petionville waren maskierte Kommandos unterwegs. Die ganze Nacht seien Schüsse zu hören gewesen, sagte ein Anwohner. Mehrere Geschäfte gingen in Flammen auf. Aufgebrachte Demonstranten setzten nach Angaben der Agentur AFP das Hauptquartier der Regierungspartei in Brand.

„Der Krankheitsherd war im nepalesischen Lager“

Nicht entschärfend dürfte da eine Untersuchung zum Entstehen der Cholera-Epedemie wirken, die am Mittwoch bekannt wurde. Schon beim Aufkommen des ersten Verdachts waren aufgebrachte Haitianer Mitte November gegen die UN-Blauhelme auf die Straße gegangen. Jetzt scheint sich dieser Verdacht zu bestätigen: Einem französischen Bericht zufolge haben nepalesische UN-Blauhelme die Cholera eingeschleppt. „Der Krankheitsherd war im nepalesischen Lager“, sagten mit der Untersuchung befasste Kreise. Eine große Menge Fäkalien sei wahrscheinlich vom nepalesischen Lager auf einen Schlag in den Fluss Artibonite gelangt und habe diesen mit den Krankheitserregern verseucht. „Das ist die logischste Erklärung.“ An der Cholera starben in Haiti bis jetzt bereits mehr als 2100 Menschen. Die ersten Cholera-Fälle waren im Oktober entlang des Artibonite im Zentrum des Landes aufgetreten. Weiter flussaufwärts liegt ein Stützpunkt nepalesischer UN-Blauhelme.

Das französische Außenministerium übergab den Expertenbericht nach Angaben eines Sprechers der UN, die nun eine Untersuchung einleitete. Man nehme den Verdacht „sehr ernst“, sagte UN-Sprecher Martin Nesirky in New York. Die UN-Mission in Haiti weise entsprechende Berichte weder zurück noch stimme sie ihnen zu. Die nepalesische Armee dagegen wies die Untersuchung zurück. Es handle sich um „hypothetische Schlussfolgerungen“, die ohne belastbare Beweise gezogen worden seien, sagte ein Armeesprecher in Kathmandu. Seit Ausbruch der Krankheit haben die Behörden 2100 Tote und mehr als 90 000 Infizierte gezählt. Internationale Gesundheitsexperten rechnen damit, dass sich in den kommenden zwölf Monaten bis zu 400 000 Menschen anstecken könnten.

Die Bekanntgabe des Wahlergebnisses in der Nacht zu Mittwoch hat im ganzen Land zu schweren Auseinandersetzungen geführt. In einigen Stadtteilen der Hauptstadt kam es zu Brandschatzungen, empörte Menschen errichteten Barrikaden, internationale Beobachter hörten im Villenvorort Petionville die Schüsse. Augenzeugen berichteten, dass dort hunderte vermummte Jugendliche durch die Straßen zogen und auch Geschäfte anzündeten. Auch aus anderen Teilen des Landes wurde von Demonstrationen berichtet. Viele Haitianer fühlten sich betrogen, als sie hörten, dass der Kandidat des verhassten scheidenden Präsidenten Preval es in die Stichwahl geschafft haben soll. Sie befürchten, dass Preval seinen Schwiegersohn nun am 16. Januar mit einem ebensolchen Betrug durchsetzen will. Auch die USA äußerten Zweifel am Ergebnis.

„Rund um die Wahlkommission in der Stadt liefern sich Polizisten und Demonstranten Kämpfe“, berichtete der Koordinator der Kindernothilfe, Jürgen Schübelin, dem Tagesspiegel am Telefon aus Port- au-Prince. Der Villenvorort Petionville sei ebenso unpassierbar wie die Straße Richtung Carrefour und Leogane, dort brannten Autoreifen. „Bei uns in der Gegend haben die Leute gestern Abend plötzlich kollektiv vor Wut gebrüllt, als das getürkte Ergebnis bekannt gegeben wurde. Kein Mensch hier glaubt, dass dieses Ergebnis dem Abstimmungsverhalten entspricht.“ Viele internationale Organisationen haben ihre Mitarbeiter angewiesen, ihre Wohnungen nicht zu verlassen. Die Kindernothilfe hatte ihre Projektarbeit vorsorglich eingestellt.

Die Menschen seien „total enttäuscht und aufgebracht“, berichtet Schübelin. Die Menschen hätten gehofft, dass ein solcher Wahlbetrug nicht möglich sein werde, weil so viele internationale Vertreter im Land seien. Besonders angespannt sei die Lage rund um die Wahlkommission. Die UN-Truppe Minustah habe sich bei der Reaktion auf die angespannte Lage nach Bekanntwerden der Wahlergebnisse „nicht mit Ruhm bekleckert“. Die Polizei ging offenbar mit Tränengas gegen die Demonstranten vor. mue/swe/AFP/dpa

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