Haiti : Zwischen Horror und Hoffnung

In Port-au-Prince werden Lebensmittel und Wasser verteilt, Krankenhäuser arbeiten wieder – aber auch Banden sind unterwegs.

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Erste Hoffnungsschimmer. Vor den Lebensmittelausgaben bildeten sich am Sonntag lange Schlangen. Viele Menschen in Port-au-Prince...AFP

Für den Anfang gibt es Biskuitriegel und leere Wassereimer. Mit den Eimern können die Überlebenden in Port-au-Prince zu einem der Tankwagen gehen, die nun vereinzelt im Stadtzentrum zu sehen sind. Die Hilfe ist endlich angelaufen – und verlässt nach und nach den Flughafen. Medikamente, Lebensmittel, Wasser werden verteilt, das Rote Kreuz lässt Hilfsgüter von Hubschraubern aus abwerfen. An den Ausgabestellen des Welternährungsprogramms (WFP) bildeten sich am Sonntag lange Schlangen. Nach eigenen Angaben hält das WFP Lebensmittel für 200 000 Menschen für zwei Wochen vor, die in Haiti gelagert werden und somit nicht von außen herantransportiert werden müssen. Denn das ist nach wie vor problematisch. Der Flughafen von Port-au- Prince ist überlastet. Die US-Armee, die dort die Kontrolle übernommen hat, lässt nach Angaben von Helfern bevorzugt eigene Truppen einfliegen und US-Bürger ausfliegen, während viele Maschinen mit Hilfsgütern von Nichtregierungsorganisationen abdrehen müssen. Sie werden über die benachbarte Dominikanische Republik umgeleitet, wo Konvois über Land organisiert werden. Kostbare Zeit gehe dadurch verloren, klagen Helfer.

Die Verteilung verbessere sich, „aber sie bleibt sehr kompliziert und sehr langsam“, sagt die Sprecherin des UN-Büros für die Koordination humanitärer Angelegenheiten (Ocha), Elisabeth Byrs. Mancherorts gab es am Sonntagmorgen sogar wieder so etwas wie Normalität zu beobachten: Männer in Anzug und Krawatte auf dem Weg in eine Kirche zum Gottesdienst. Am Sonntag konnte auch endlich ein aufblasbares mobiles Krankenhaus der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ aufgebaut werden, nachdem das Frachtflugzeug erst nicht in Port-au-Prince landen durfte und nach Santo Domingo umgeleitet wurde. In verschiedenen Zelten tummeln sich 220 Helfer, um den Betrieb vorzubereiten. „Wir werden in Schichten rund um die Uhr arbeiten“, erläuterte Oberst Kreiss Yikshak. 500 Patienten könnten täglich versorgt werden, sofern nicht alle schwerverletzt sind. Noch warten die Mediziner auf weiteres wichtiges Material, das am Sonntag in einer zweiten Maschine in Port-au-Prince ankam.

Die ersten Tage seien von Apathie und Schock geprägt gewesen, doch nun versuchten sich die Menschen und Familien langsam zu organisieren und zu fassen, berichtet Tommy Ramm von der Diakonie Katastrophenhilfe am Sonntag dem Tagesspiegel per E-Mail. Die Trümmer der Häuser würden langsam geräumt, meist mit bloßen Händen, da wenige Baufahrzeuge zu sehen seien. „Sehr viele Menschen haben sich in wilden Flüchtlingslagern auf offenen Plätzen gesammelt, und auf den Straßen stehen provisorische Schilder, die um Hilfe bitten“, schreibt er. Andere hielten Autos von Hilfsorganisationen an, um nach Hilfe zu fragen.

Doch auch diese Bilder gibt es noch: hungernde Menschen, die plündernd durch die Straßen ziehen. Schwer bewaffnete US-Marines versuchen, Gewalt und Unruhen zu verhindern. Das Gewehr im Anschlag, patrouillieren sie in der Hauptstadt. „Es mag zwar Unruhe und natürlich Verzweiflung bei vielen Menschen geben, aber generell ist die Stimmung nicht in Gewalttätigkeiten umgeschlagen“, schreibt Ramm weiter. Plünderungen und Gewalt seien punktuell, und allenfalls nachts seien ab und zu Schüsse zu hören. „Es herrscht nach wie vor relative Ruhe, obwohl es kaum Polizisten auf den Straßen gibt. Angesichts der Situation ist das fast schon überraschend.“ In Haitis größtem Elendsviertel Cité Soleil jedoch haben kriminelle Banden offenbar die Kontrolle übernommen. Ausgerüstet mit Pistolen und Sturmgewehren jagen sie auf ihren Motorrädern durch die engen Gassen des Slums und versetzen die ohnehin schon traumatisierten Bewohner in Angst und Schrecken. „Sie sind aus dem Gefängnis ausgebrochen, und nun laufen sie herum und versuchen die Leute auszurauben“, sagt die 34-jährige Elgin St. Louis, eine von mehr als 300 000 Bewohnern des Elendsviertels. „Vergangene Nacht haben sie die ganze Zeit geschossen.“

Nach tagelangen Anstrengungen erreichte ein erster Konvoi die Stadt Léogâne, rund 17 Kilometer westlich der Hauptstadt. „Hier ist das Epizentrum des Bebens und viele, viele tausend sind tot“, sagte ein WFP-Sprecher. Auch die Ortschaften Carrefour am Rande der Hauptstadt und Jacmel im Süden des Landes sind nach UN-Angaben zur Hälfte zerstört. In Jacmel will die Diakonie Katastrophenhilfe ein Flüchtlingslager für 5000 Menschen ausstatten.

Auf dem Zentralfriedhof von Port- au-Prince herrschen weiter chaotische Zustände. Die in der heißen Karibiksonne aufgedunsenen Körper kleiner Kinder, von Männern und Frauen türmen sich vor und auf dem Friedhof. Sie gleichen kaputten Puppen, vergessen und achtlos liegen gelassen. Vor dem Gelände kurven Autos um die Leiche eines Mannes, die mitten auf der Straße liegt. Niemand zieht die Leiche auch nur an den Straßenrand, zu viele Tote liegen überall herum.

Gleich hinter der Mauer klafft eine tiefe Grube. Sie füllt sich langsam mit den verrenkten Leichen aus der ganzen Stadt, die von Handkarren und Lastwagen dort abgekippt werden. Die Särge, die einige der Hinterbliebenen für ihre Toten auftreiben konnten, sind durch den Aufprall in der Tiefe zerborsten, Leichen haben sich an den steilen Wänden der Grube und zwischen den zersplitterten Brettern verfangen. Schwarze Fliegen umschwärmen sie, Ratten huschen umher, und Vögel picken in allem herum, was aus dem Leichenberg heraussickert. Der Gestank ist unerträglich. Dennoch sitzen Familien mitten in diesem Grauen und versuchen, ihre Angehörigen mit Respekt zu beerdigen, Abschied zu nehmen. „Dies ist das Ende der Welt“, sagt der Friedhofswärter Elmond Chere: „Wir sind am Ende.“ dpa/AFP/rtr/Tsp

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