Welt : Hamburger Deern

Die Stadt machte sie zum Star in Deutschland – Heidi Kabel wird 90

Carsten Werner

Heidi Kabel war schon immer da: Sie ist am 27. August 1914 mitten in Hamburg geboren, gleich gegenüber der „Niederdeutschen Bühne“ an den Großen Bleichen – und ihr Leben lang dort geblieben. So ist sie in Deutschland berühmt geworden. „Ein wenig tüdelig“ sei sie inzwischen, sagt sie selbst über ihre Altersdemenz, deshalb ist sie im letzten Winter in eine Seniorenresidenz im feinen Hamburger Stadtteil Othmarschen gezogen. Heute feiert sie ihren 90. Geburtstag.

„Heidi, du nicht!“ hatte ihre Mutter der 18-Jährigen nachgerufen, als die eine Freundin zum Vorsprechen bei Dr. Richard Ohnsorg im nahen Theater begleitete – zurück kam eine vom Fleck weg engagierte Jungschauspielerin. 70 Jahre blieb sie auf der Bühne, auf der sie 1933 ihren ersten Auftritt hatte. 1937 heiratete sie ihren Kollegen Hans Mahler. Sie drängte ihn in die NSDAP – „ein großer Fehler“, sagte sie später. Den Nazis gefiel das heimatverbundene Theater. Nach dem Krieg musste Ohnsorg deshalb die Theaterleitung abgeben, 1947 übernahm Hans Mahler die Intendanz. Seine Frau Heidi wurde zum lokalen Star.

1954 sendete der NDR zum ersten Mal eine Aufführung des Ohnsorg-Theaters live im Fernsehen und machte Heidi Kabel schlagartig bundesweit bekannt. Sie spielte Zimmerwirtinnen und Vorstadtschlampen, keifende Hausdrachen und biedere Hausmütter. Als „Mudder Mews“ war Kabel die bewegende Protagonistin einer Tragödie um Suff und Suizid. In ihren Rollen mixte sie Mutterwitz und Menschenkenntnis zu diesem typisch norddeutschen Frauenbild: Distanziert und etwas dröge, cool, geradeaus, auch mal herrisch, aber freiheitsliebend.

Privat schätzt Kabel das Alleinsein und schwört auf Disziplin. 1970 erfuhr sie in einer Vorstellung vom Tod ihres Mannes. Sie bestand darauf, die Komödie „Suuregurkentied“ zu Ende zu spielen.

Bis 2002 stand sie auf der Bühne, keine einzige Vorstellung ließ sie ausfallen. Sie kommentiert gerne gesellschaftliche Fragen, machte Wahlkampf für die Grünen und vor zwei Jahren für Gerhard Schröders SPD. Die CDU will sie jetzt zur Hamburger Ehrenbürgerin machen. Ehrenkommissarin der Polizei ist sie seit 1994. Kabels Lieblingsverein ist, Ehrensache, der FC St. Pauli. „Ich guck so gern den großen Schiffen hinterher“, schwärmt sie von ihrer Residenz direkt an der Elbe. „Hamburg ist nicht irgendein Ort, Hamburg ist ein Lebensgefühl!“, pflegt die Kabel zu sagen. Dafür hat sie viel getan.

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